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Zweiter Tag

Länder: Tschad

Tags: Flüchtlinge, Darfur, Literatur

Uwe Timm ist ein engagierter Schriftsteller mit einem politischen Anliegen: Deshalb war er sofort bereit, für ARTE Reportage in das Flüchtlingslager Breidjing im Tschad zu fahren, um über die Menschen dort und ihre Schicksale zu berichten. Zweiter Teil seines Reisetagebuchs.

In zwei Wagen fahren wir früh morgens von N’Djamena Richtung Osten nach Abéché. Neunhundert Kilometer auf einer Straße, die, wahrlich keine Autobahn, immerhin über weite Strecken asphaltiert ist.

Zwölf Stunden dauert die Fahrt. Das Team sitzt in dem einen Wagen. Ich sitze in dem anderen, einem Pickup japanischer Bauart mit Vierganggetriebe. Die Ladefläche ist mit Plastikflaschen voll beladen. Wasser muss für diese Reise mitgenommen  werden. Der Fahrer heißt Mohamed, ist um die dreißig Jahre alt. Seine Gesichtszüge, die Augen, die große gebogene Nase, die Unterlippe, alles weist in einer sanften Form nach unten, am Kinn ein kleines schütteres Bärtchen. Er könnte aus einem Film über Beduinen kommen. Sein Französisch ist schwer verständlich, so wie es meines wahrscheinlich für ihn ist, aber immerhin erfahre ich, dass er drei Kinder hat und aus dem Norden des Landes kommt.  Er hat die Angewohnheit, stumm die Lippen zu bewegen. Manchmal höre ich leise Laute. Zwölf Stunden Fahrt unterbrochen von zwei Pausen, aber dieses Schweigen, sein leises Gebrabbel, das sich später erklären wird, beschert mir eine wunderbare meditative Fahrt durch das weite Land.

Die Fahrt geht zunächst durch die Hauptstadt N´Djamena. Die Stadt ist mit einer Million Einwohnern eher klein,  keine dieser afrikanischen Mega-City wie Lagos, Johannesburg oder Kinshasa.  Und, was dem Deutschen auffällt, sehr sauber. Etwas mehr als 10 Millionen Menschen leben im  Tschad. Ein Land, das dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland ist und  als eines der ärmsten Länder der Welt gilt.

Im Zentrum das Übliche: Moderne Bauten, in denen sich Banken und ein paar ausländische Firmen eingerichtet haben, und die imposanten Neubauten der  Regierung. Warum finden sich in Afrika, auch in den ärmsten Ländern, stets diese teuren klotzigen Regierungsgebäude? Muss dieses hervorgekehrt Repräsentative sein? Vielleicht ist es tatsächlich für jene, die nicht darin arbeiten und wohnen ein sichtbares Zeichen von nationaler Stärke und Unabhängigkeit.

Als ich nach der Unabhängigkeit Namibias das Land wieder besuchen durfte - zuvor war mir wegen meines Romans "Morenga" von dem Apartheid-Regime die Einreise verboten  worden - sah ich, wie ein Hügel mitten in  Windhuk planiert wurde und auf einem riesigen Schild das Modell des Präsidentenpalastes, der dort gebaut werden sollte.  Überdimensional und protzig. Einige Oppositionelle haben protestiert. Der Palast wurde, trotz finanzieller Nöte, gebaut, und da man den eigenen Leuten misstraute, holte man Arbeiter aus Nordkorea ins Land.

Die Straße führt aus N`Djamena nach Osten, auf beiden Seiten stehen Wohnhäuser hinter Mauern, die zusätzlich mit  Stacheldrahtrollen bestückt sind, dann allmählich geht es ins offene Land. Die ersten selbstgebauten kleinen Häuser erscheinen am Straßenrand, auch Werkstätten, vor denen Autos und Motorräder repariert werden; lange, sehr lange Schlangen haben sich vor einer der wenigen Tankstellen gebildet. Benzin ist rar und teuer. Die Savanne beginnt, staubiger trockener Boden, graubraun, darin Dornenbüsche und ein paar Akazien. Die ersten runden Lehmhütten mit spitz zulaufenden, strohgedeckten Dächern tauchen auf, umgeben von einfach ineinander gelegten Dornenzweigen. Die denkbar einfachsten Zäune, die wohl nicht die Löwen, die es – vielleicht eine afrikanische Wandersage – hin und wieder noch geben mag, sondern zudringliche Ziegen fernhalten sollen. Rinder und  Schafe werden von Kindern begleitet, größere Herden von Männern, Hirten, die einen langen Stock über die Schultern gelegt haben und ihn so mit den Händen umgreifen, als wollten sie ein unsichtbares Gewicht hoch stemmen. Das trägt wohl zu dieser aufrechten Haltung auch der alten Männer bei. Das wichtigste Transportmittel sind die Esel, und jedes Mal wieder staunt man über die hochgetürmten Lasten, die diese dünnbeinig trippelnden Tiere tragen können, denn auf den  Körben,  Säcken oder Ballen sitzen oben meist noch ein Mann oder eine Frau. Das Störrische, das diesen Tieren nachgesagt wird, ist wahrscheinlich der spontane Streik gegen Überbelastung. 

Nach ungefähr drei Stunden Fahrt machen wir Halt in einem Dorf. Die Menschen kümmern sich nicht weiter um die Weißen, nur die Kinder umringen das Team. Ein geschäftiges Treiben ist auf der Straße und vor den kleinen Hütten zu beobachten, kleine Geschäfte, in denen der bescheidene Rest des europäischen Warenstroms ausläuft: Süßigkeiten, Batterien, Schrauben, Dosen und Tuben, Musik-CDs. In einem aus Steinen errichteten Ofen am Straßenrand steckt ein glühender Baumstamm, der bei Bedarf weiter hineingeschoben werden kann. Auf einem Rost liegen die eisernen Spieße, die wie kleine Notenständer aussehen. Auf diesen Spießen werden die ausgenommenen Zicklein gegrillt. Zwei eben auf der Straße geschlachtete Schafe werden ausgeweidet. Die Köpfe liegen abgeschnitten im Sand. Alle Innereien werden zum Kauf angeboten, auch die Augen. Ich dachte zuerst, es seien Glaskugeln. So fern sind uns die Tiere geworden, Bruder Schaf und Schwester Ziege. Hier wird nichts von ihnen weggeworfen. Der Darminhalt wird in den Topf mit dem Blut ausgedrückt. Un bon boudin. Nieren, Leber, Lunge liegen zum Verkauf am Boden. Daneben auf Plastikbahnen sauber gehäufelt Hirse, Bohnen, Erbsen. Feuerzeuge, in kleinen Kannen abgefülltes Benzin, Öl, Maniok. Ein Junge bietet ein ganzes Bündel von Holzkatapulten an, einfache gegabelte Äste, einige mit feinen Schnitzverzierungen. Dabei ist alles auf Gebrauch ausgelegt, nichts ist unnötig, es herrscht eine wünschenswerte Form der Nachhaltigkeit. Überfluss und ausgewählte Essgewohnheiten führen zur unnötigen Vernichtung von Lebewesen. Hühner, die nur noch parzelliert für den Verbraucher bestimmt sind:  Schenkel für die Amerikaner oder Hühnerbrüste für die Deutschen. Der Rest - das ist der perverse Luxus - wird vernichtet oder aber nach Afrika billig  verkauft. Wie andere landwirtschaftliche Produkte, die von der EU hoch subventioniert nach Afrika exportiert werden, wo sie fast um die Hälfte billiger sind als die dort erwirtschafteten. Das ruiniert die Bauern. Woraufhin sich abermals verarmte Menschen in den Strom derer, die nach Europa drängen, einreihen.

Auf der Weiterfahrt erklärt sich das Gemurmel des Fahrers. Denn plötzlich stellt er das Radio an.  Eine Stimme liest den Koran vor. Das bislang undeutliche Gemurmel wird laut, er spricht den Text mit. Die Sprache der sanften Radiostimme verstehe ich nicht und verstehe sie doch, durch ihre Melodik, durch ihre  Rhythmisierung, durch Wiederholungen, in denen immer wieder die Anrufung Allahs zu hören ist, und durch einen kurzen Zwischenruf, der leicht gesungen wird. Es ist ein Glaubensbekenntnis, die Beschwörung von Schutz und  der Vergewisserung  eines alles überwölbenden Sinns. Nach einer Stunde stellt der Fahrer das Radio aus, und er kehrt wieder in sein stummes Murmeln ein.

Der Abend kommt und jedes Mal wieder ist für den Mitteleuropäer das plötzliche Einbrechen der Dunkelheit so wundersam. Das eben noch orange leuchtende Licht wechselt zu einem Tiefbraun mit einem leicht goldenen Ton und jäh ins Schwarz. Danach hin und wieder in der Ferne ein Feuer, ein Zeichen – dort leben Menschen.

Mein Blick auf das Land ist romantisch – ich weiß. Und doch trifft er auf eine Wirklichkeit, die man als in sich ruhend und zumindest im Augenblick als friedlich bezeichnen kann. Ein Leben, das auf Selbstversorgung beruht und auch für die Natur Sorge trägt. Es ist ein einfaches Leben, aber nicht das von Hunger und Kriminalität bestimmte in den großen Städten Westafrikas. Wahrscheinlich wünschen sich die Menschen, die hier in der Finsternis an ihrem Feuer sitzen, ebenfalls Elektrizität, Wasser, das aus der Leitung kommt, nahe medizinische Versorgung, dennoch führen sie, wenn sie nicht von marodierenden Banden bedrängt werden, ein karges, aber geruhsames Leben, das  möglicherweise mehr Glücksempfindungen bereit hält als die sich ständig beschleunigende  Glücksmaschine Konsum.

Aber noch sind wir nicht am Ziel.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016