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"Zweiter Brief" von Atiq Rahimi

Länder: Libanon

Tags: Flüchtlinge, Palästina, Beirut, Literatur

Ich schließe die Augen, schiebe meine Hand in die safrangelbe Mappe mit deinen Briefen und ziehe einen kleinen Umschlag daraus hervor. Es ist kein Brief, sondern ein mit Orangenblütenwasser getränktes Tuch! Ich lege es in meine Reisetasche.

Ein alter viereckiger Torrahmen - riesengroß, wie die jammervolle Geschichte der Siedlung, verrostet unter den Tränen eines umherirrenden Volks, entrostet vom Feuer der Kriege, übermalt mit naiven Illusionen, aber stets aufrecht, selbst wenn Verzweiflung ihn niederdrückt - bildet die Eingangspforte von Burj el-Barajneh, dem Turm der Türme.

Ein Wächter, noch müder als das eiserne Tor, schaut dich an, fragt dich aber nicht, woher du kommst oder wohin du gehst. Selbst deine unsicheren Schritte und dein besorgter Blick stören ihn nicht. Keinerlei Verdacht. Passanten wie dich hat er schon manche erlebt. Er weiß, was dich erwartet, wenn dein Schatten sich von seinem löst und sich in den dunklen Gassen des Turms der Türme verliert.

Du gehst also weiter. Überwindest die nichtige Barriere. Und plötzlich steht die Zeit still. Du schaust dich um, da ist kein Vorher und kein Nachher mehr. Du hebst den Kopf und blickst nach oben, da ist kein Himmel, keine Sonne mehr, kein Mond und keine Sterne... Du vergisst das Morgengrauen und die Abenddämmerung.

Der Boden unter deinen Füßen wird zum Labyrinth. Es ist sinnlos, dir selbst aus der Hand zu lesen, den Stadtplan zu konsultieren oder deinen Kompass zu befragen... nichts kann dir jetzt noch helfen, dich zurechtzufinden. Hier kreuzen sich Gassen aufs Geratewohl, ohne die falsche Hoffnung in dir zu wecken, du könntest die Stadt verlassen. Auf deinem Irrweg ändern sie sogar die Richtung...

Du hast dich verlaufen, schaust verzweifelt an den Bauten hoch, doch alle gleichen sich. Nicht ein einziges Schild an den Kreuzungen der Gassen, kein Straßenname, an keiner Tür eine Zahl... außer der Zahl der Einschusslöcher! Könntest du sie zählen, wären sie deine einzigen Anhaltspunkte.

Die Häuser haben keinen Hof. Die Siedlung hat keinen Garten. Die Fenster, freudlos und ohne malerische Melancholie, öffnen sich nur auf Mauern, die von Kriegsspuren durchlöchert und auf beiden Seiten von Wörtern des Hasses und der Verzweiflung überzogen sind. Die Wörter sind so erstarrt wie die Zeit. Die Augen so blind wie die Erde.

Was nur kann deine Schritte leiten? Deinen Blick lenken? Deinen Geist erhellen?

Stromkabel und Wasserrohre, ineinander verschlungen wie zermürbte Nerven und leere Adern, schlängeln sich zwischen den Mauern hindurch, klettern zu den Fenstern hoch, dringen in die Häuser ein... 

Vergeblich. Es gibt kein Wasser mehr. Es gibt kein Licht mehr.

"Wo bin ich?", fragst du mich gewiss. Du bist nicht in meinem Traum. Und meinen Alptraum beschreibe ich nicht. Nein! Ich schreibe für dich.

Ich schreibe, was ich empfinde und was du sehen, erleben und empfinden könntest, wärst du mit mir auf dieser Reise im Land deiner Ahnen, in der Flüchtlingssiedlung Burj el-Barajneh, dem Turm der Türme. Welch schicksalhafter Name! Der Ort könnte der Fantasie entsprungen sein, eine Nirgendwo-Stadt aus einer Legende, aber nicht aus der Geschichte, nicht aus dem Land deiner Herkunft.

Doch leider gibt es ihn, diesen Ort, am südlichen Rand von Beirut, einen Ort in der Schwebe, erbaut auf einem Hügel, auf dem zurzeit über dreißigtausend von der Geschichte vergessene Palästinenser hausen.

Dieses Lager, erbaut zwischen 1947 und 1948, zur provisorischen Unterbringung derer, die man aus ihren Häusern und von ihrem Land vertrieben hatte, ist laut den Menschen, die seine Entstehung miterlebten, unverändert geblieben. Obwohl hier noch drei weitere Generationen geboren wurden. Drei Generationen im Exil, im Turm der Türme, wo die Zeit auf ewig still steht, der Raum endlos umschlossen ist.

Stell dir die Dinge vor, wovon jene dreißigtausend Flüchtlinge träumen, meine liebe Levantinerin, bevor du mir die Frage jener afghanischen Dichterin stellst:

"Was soll man wählen, ein Familiengrab in der Heimat oder einen fremden Kerker im Zufluchtsland?"

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016