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Zur Debatte der künstlichen Befruchtung in Deutschland

Länder: Frankreich, Deutschland

Tags: künstliche befruchtung, Eizellspende, Leihmutterschaft, Embryonenschutzgesetz

Fast jedes zehnte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Viele der Betroffenen hoffen auf die moderne Medizin, um doch noch zum Wunschkind zu kommen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern haben sie allerdings weniger Spielraum, in der Bundesrepublik sind Eizellenspenden beispielsweise verboten. Wo sollten der Reproduktionsmedizin Grenzen gesetzt werden? Das wird von Medizinern, Ethikern und Kirchenvertretern - und natürlich nicht zuletzt den betroffenen Paaren - immer wieder hitzig diskutiert.

ARTE Info klärt in Form eines Frage-Antwortspiels auf: Was ist rechtlich möglich, wie steht Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn da und wo liegen die ethischen Bedenken?

Künstliche Befruchtung wird häufig unter den Begriff “assistierte Reproduktion” gefasst. Und das heißt erst einmal ganz einfach: Die Medizin hilft einem Paar mit dem Kinderwunsch. Es gibt verschiedene Grade des Eingriffs, die im folgenden Video erklärt werden:
 

La PMA : qu'est-ce que c'est ?
Assistierte Reproduktion: Was ist das ? Assistierte Reproduktion heißt, dass die Medizin beim Kinderwunsch hilft. Welche Techniken gibt es? Assistierte Reproduktion: Was ist das ?

 

Was ist in Deutschland erlaubt?

 

Auf den ersten Blick ist die deutsche Gesetzgebung eindeutig: Seit 1990 erlaubt das sogenannte Embryonenschutzgesetz die Samenspende, die allerdings nicht anonymisiert erfolgen darf. Eizellspende und Leihmutterschaft sind dagegen verboten. Wenn ein Arzt doch eines der beiden Verfahren durchführt, muss er mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Auch die sogenannte „Ersatzmuttervermittlung“ – beispielsweise durch eine Agentur – kann bis zu einem Jahr Gefängnis bedeuten.
Im September 2017 wurde etwa die Kinderwunschberaterin Christine B. angeklagt, weil sie Familien berät und dabei auch konkrete Kliniken im Ausland nennt, wo sie beispielsweise eine Eizellspende erhalten können. Der Vorwurf: "Beihilfe zum Missbrauch von Fortpflanzungstechniken." Christine B. wurde freigesprochen, die Staatsanwaltschaft ist aber in Berufung gegangen. "Ich traue mich jetzt erst einmal nicht, meine Webseite upzudaten", sagt die Sozialpädagogin, die auch online berät. "Der Albtraum hat einfach zu lange gedauert, das Verfahren war zu invasiv."  Ihr Büro wurde vor dem Prozess durchsucht, Akten beschlagnahmt, vor Gericht mussten viele ihrer Kundinnen persönliche Fragen beantworten. Das Verfahren zeigt, wie schnell das Thema heikel werden kann: Unter anderem vermittelt Christine B. an eine Klinik, wo Frauen Eizell- und Samenspender nach Kriterien wie Haarfarbe oder Bildungsgrad auswählen können.

In Deutschland ist das undenkbar, die Gesetzeslage ist so restriktiv wie kaum anderswo in Europa. Warum? Da gibt es viele Theorien: “Ich denke, dass das mit Deutschlands nationalsozialistischer Vergangenheit zusammenhängt. Die Grauen der Euthanasie sollen nie wieder möglich sein ”, erklärt Prof. Jochen Taupitz, Medizinrechtler und Mitglied des nationalen Ethikrats. Deswegen seien auch Experimente an Embryonen verboten. “Andere zitieren immer wieder den Einfluss der katholischen Kirche,” so Taupitz weiter. Sie versuche, bei der Reproduktionsmedizin das durchzusetzen, was sie beim Abtreibungsverbot nicht geschafft habe.

 

Wie sieht es anderswo in Europa aus?

 

Leihmutterschaft in Europa 

Einen Überblick zur Gesetzeslage liefert dieser Artikel

Mit dem Verbot der Leihmutterschaft steht Deutschland nicht alleine da - viele Länder verbieten zumindest, dass Leihmutterschaft aus kommerziellen Gründen durchgeführt wird. Bei der Eizellspende ist das anders: Deutschland ist neben der Schweiz und Norwegen das einzige Land Europas, das dieses Verfahren verbietet. Die Gesetze sind je nach Land unterschiedlich: In Großbritannien und Spanien etwa bekommen die Spenderinnen ein Honorar, es liegt pro Spende zwischen 500 und 1.000 Euro - unterschiedlich ist auch, dass sie in manchen Ländern anonym bleiben, das ist etwa in Tschechien so. Schätzungen zufolge reisen jedes Jahr zehntausende Deutsche Paare, die auf eine Eizellenspende nicht verzichten wollen,  in diese Länder. Man spricht sogar von einer eigenen Industrie: dem Babytourismus.
 

Ist es richtig, dass die Eizellspende verboten ist?

 

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“Der Gedanke hinter dem Verbot der Eizellspende war vor allem, dass man verhindern wollte, dass ein Kind gewissermaßen zwei biologische Mütter hat: die Spenderin der Eizelle und die Frau, die das Kind austrägt,” erklärt Prof. Jochen Taupitz, Ethikrat-Mitglied. Man habe eine seelische Beeinträchtigung des Kindes durch diese sogenannte gespaltene Mutterschaft befürchtet. Erfahrungen im Ausland zeigten aber, dass diese Ängste unbegründet sind, argumentiert Taupitz.
Viele Reproduktionsmediziner, Juristen und auch Ethiker fordern deswegen, dass die Eizellspende legalisiert werden soll. Sie argumentieren auch, dass das Verbot der Eizellspende die Frauen ins Ausland zwingt, wo sie nicht die gleiche medizinische Versorgung wie in Deutschland garantiert bekommen. Auch für das Kind kann das Konsequenzen haben: Wenn die Eizellspende anonym erfolgt, wie etwa in Tschechien, wird sein Recht auf Auskunft verletzt, das in Deutschland sehr groß geschrieben wird. Den größten Widerspruch sehen Kritiker aber in einer Ungleichbehandlung von Mann und Frau: Warum sollten Samenspenden erlaubt sein, Eizellspenden aber nicht?

 

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Vollkommen gleichsetzen kann man Eizell- und Samenspende allerdings nicht, da für die Spenderin medizinisch ein sehr viel höheres Risiko entsteht als für den Spender. Die Eizellspende an sich ist ein invasiver Eingriff: Die Spenderin muss sich einer Hormonbehandlung unterziehen, damit mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen. Dabei kann es passieren, dass die Eierstöcke überstimuliert werden und Flüssigkeit in den Bauchraum eindringt - das kommt aber immer seltener vor, 2011 war die Eizellentnahme bei nur 0,66% der Frauen mit Komplikationen verbunden. Allerdings besteht auch für die Frauen, denen die Eizellen gespendet werden, ein größeres Risiko: Bei ihnen kommt es häufiger zu Schwangerschaftserkrankungen wie Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung).
Kritiker bemängeln auch, dass die Spenderinnen ihre Gesundheit oft aus finanzieller Not aufs Spiel setzen - genau das könnte allerdings durch ein Gesetz geregelt werden, zum Beispiel, indem man den finanziellen “Gewinn” für eine Eizellspende wie bei der Samenspende beschränkt.


Für wen kommt die assistierte Reproduktion in Frage?

Dadurch, dass in Deutschland die Leihmutterschaft verboten ist, kommt die assistierte Reproduktion außer für heterosexuelle nur für lesbische Paare und alleinstehende Frauen in Frage. Im Gegensatz zu Frankreich ist sie offiziell nicht verboten - allerdings ist sie offiziell auch nicht erlaubt. Bisher fehlt ein Gesetz, das den Zugang eindeutig regelt. Dadurch kommt es immer wieder vor, dass selbst die Betroffenen pauschal davon ausgehen, dass eine Kinderwunschbehandlung für alle nicht-heterosexuellen Paare tabu ist und es gar nicht erst in Deutschland versuchen.
Für viel Unsicherheit sorgt eine Richtlinie der Bundesärztekammer, die empfiehlt, die künstliche Befruchtung nur bei heterosexuellen Paaren durchzuführen. Sie stützt sich unter anderem auf eine Rechtsunsicherheit: Angeblich könnten Ärzte für Unterhaltsforderungen verantwortlich gemacht werden, wenn das Kind Unterhaltszahlungen fordert und der Spender nicht ermittelt werden kann. Bisher ist das noch nie passiert - und spätestens das Samenspenderegistergesetz, dass im Juli 2018 eingeführt wird, sollte derartige Befürchtungen aus dem Weg räumen, da dort die Rechte des Spenders zum ersten Mal klar definiert werden. Dennoch ändert die Richtlinie einiges in der Praxis. Viele deutsche Samenbanken und Kinderwunschzentren bleiben für Frauenpaare und alleinstehenden Frauen verschlossen - oder sind für sie bedeutend teurer als heterosexuelle Paare. Dazu kommt: In der Regel übernehmen die Krankenkassen die Kosten für künstliche Befruchtungen nur für verheiratete homosexuelle Paare, bei denen die künstliche Befruchtung medizinisch notwendig ist.

Zuletzt geändert am 29. Januar 2018