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Zum Friedensprozess in Mali: "Immer mehr Geld reicht alleine nicht"

Länder: Mali

Tags: Bamako, attentat

Lange galt Mali als afrikanisches Vorzeigeland in Sachen Demokratisierung – und das trotz bitterer Armut. Im Januar 2012 eskalierte dann ein bewaffneter Konflikt im Norden des Landes. Im Zuge dessen proklamierten Tuareg-Rebellen die Abspaltung des Staates Azawad. Der Konflikt wurde durch einen Putsch im März 2012 und spätere Kämpfe zwischen Islamisten und den Tuareg noch verkompliziert. Seit 2013 begann Frankreich die Militäroperation Serval. In deren Verlauf eroberten malische und französische Truppen den Großteil des Nordens zurück. Der seit 2013 amtierende  Präsident  Keita hat daraufhin Friedensgespräche mit den Rebellen begonnen. Die UN-Sicherheitskonferenz unterstützt den Friedensprozess mit der Entsendung der MINUSMA. Dennoch ist die Situation weiterhin angespannt. Das zeigt der neueste Destabilisierungsversuch, das Attentat am Freitag in der Hauptstadt Bamako auf ein Touristen-Luxushotel. Wir haben zur Lage in Mali mit Jan Fahlbusch gesprochen. Er ist permanenter Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bamako.
 

Jan Fahlbusch

Jan Fahlbusch arbeitet ale permanenter Vertreter für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Mali. 

ARTE Info: Herr Fahlbusch, der Aufstand der Tuareg und Islamisten fand im Norden des Landes statt. Hat es Sie überrascht, dass solch ein Anschlag auf ein großes Hotel im Süden, in der Hauptstadt Bamako möglich war?

Jan Fahlbusch: Es ist in der Tat erstaunlich, wie professionell der Anschlag ausgeführt wurde. Das war zuletzt bei dem Attentat auf das Restaurant "La Terrasse" im März und auch bei einem weitere Anschlag im August nicht der Fall. Die Attentäter hatten ja offenbar diplomatische Kennzeichen an einem Fahrzeug und entgingen so der Kontrolle. Und auch die Tatsache, dass sie sich im Prinzip bewusst das am besten gesicherte Hotel der Stadt als Ziel ausgesucht haben, lässt auf eine professionelle und minutiöse Vorbereitung schließen.

 

Kann dieser Anschlag Auswirkungen auf den ohnehin fragilen Friedensprozess haben?

Jan Fahlbusch: Es kommt jetzt darauf an, wer den Anschlag begangen hat. Sollte es, wie es aussieht, so sein, dass es Al-Qaida nahe Gruppen, Gruppen von außerhalb gewesen sind, dann wird das den Friedensprozess  kaum beeinflussen. Aber sollte sich herausstellen, dass es eine malische Gruppe war, vielleicht sogar eine, die bei den Friedensverhandlungen mit am Tisch saß oder eine, die nicht dabei war und die jetzt versucht, sich mit diesem Attentat sozusagen in eine wichtige Rolle hinein zu bomben, dann könnte das sicher Auswirkungen auf den laufenden Friedensprozess haben.

Sehr viele Menschen in Mali leben mit einem Dollar pro Tag. Wenn man nicht will, dass die Menschen Mali verlassen oder wenn man das Land politisch stabilisieren will, dann muss man ihnen eine langfristige Perspektive geben. 

Jan Fahlbusch - 20/11/2015

 

Mali galt trotz extremer Armut lange als afrikanischer Musterstaat, was die Demokratisierung betrifft. Enorm viel Entwicklungshilfe ist geflossen. Warum kommt das Land seit Jahrzehnten trotzdem nicht vom Fleck?

Jan Fahlbusch: Es gibt die sicherheitspolitische und die sozioökonomische Komponente des Problems. Derzeit gibt es zwei europäische Polizei-Missionen in Mali. Dazu kommt die UN-Mission der MINUSMA. Man kann sagen, dass ohne diese Mission es wohl einen Staatszerfall gäbe. Insofern ist sie sehr wichtig. 

Aber wenn es keine Zukunftsperspektive für die Bevölkerung gibt, dann nützt das nichts. Das Wohlstandsgefälle zwischen den reichen Eliten und der armen Bevölkerung ist enorm groß. Sehr viele Menschen in Mali leben mit einem Dollar pro Tag. Wenn man nicht will, dass die Menschen Mali verlassen oder wenn man das Land politisch stabilisieren will, dann muss man ihnen eine langfristige Perspektive geben. Dazu gehört der Ausbau der Infrastruktur, dazu gehören landwirtschaftliche Projekte. Dazu gehört eine komplette Reform des Bildungssystems. Dazu braucht es Geld. Aber nur immer mehr Entwicklungshilfe nützt nichts, wenn man auf der anderen Seite nicht kontrollieren kann, wohin das Geld fließt, wenn es Korruption in großem Stil gibt oder wenn die Mittel nicht sachgemäß verwaltet werden.

 

Wenn es 2015 noch genauso viel Korruption, Massenarmut und wenig Aufstiegschancen gibt, dann ist das der Stabilisierung der politischen Situation sicher alles andere als förderlich.

Jan Fahlbusch - 20/11/2015

Zuletzt beim Afrika-EU-Gipfel in Malta ging es aber genau wieder um finanzielle Hilfen. Also ist das ein Deal - letztendlich wird die Clique um den Präsidenten reicher, und im Gegenzug lässt er die Leute nicht mehr aus dem Land Richtung Europa?

Jan Fahlbusch: Zuerst einmal muss man wissen, dass die Malier traditionell eine mobile Gesellschaft sind. Die Migration geht aber in erster Linie in westafrikanische Staaten. Das ist durchaus wichtig für den Staat, denn das Geld, das die Exilmalier nach Hause zurückschicken, trägt zu einem nicht unerheblichen Teil zum Reichtum des Landes bei.

Zu den Grenzkontrollen: In Mali haben wir es mit Grenzen aus der Kolonialzeit zu tun. Wer will das ernsthaft kontrollieren? Also, wer nach Mali rein und auch aus Mali raus will, der kann das auch. Insofern kann ich nur dafür plädieren, die Anstrengungen auf eine langfristig angelegte Zukunftsperspektive der Bevölkerung zu legen. Damit die Leute das Gefühl haben – "ich habe auch hier eine Chance" -  und eben nicht weggehen.

Denn schaut man sich die demographische Entwicklung Malis an, dann versteht man, dass wir auf einem Pulverfass sitzen. Schon jetzt sind viele Jugendliche schlecht ausgebildet und haben keine Arbeit. Bis 2050 könnten aber 50 Millionen Menschen in Mali leben, drei Mal so viel wie heute. Wenn es dann noch genauso viel Korruption, Massenarmut und wenig Aufstiegschancen gibt, dann ist das der Stabilisierung der politischen Situation sicher alles andere als förderlich.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016