Yourope in Istanbul: Die Türkei vor der Wahl

Yourope - Samstag, 30. Mai 2015 - 14:00

Länder: Türkei

Tags: Demokratie, Jugend, Türkei, Islamismus

Am 7. Juni wird in der Türkei ein neues Parlament gewählt. Vor etwa zwei Jahren erlebte das Land eine Protestwelle der jungen Generation, angefangen auf dem Taksim-Platz in Istanbul  – ursprünglich gegen den Bau einer Mall im benachbarten Gezi-Park, aber auch für mehr Demokratie und gegen die Politik von Präsident Erdogan. Und jetzt? Was ist aus der Protestbewegung geworden? Wir haben uns in Istanbul auf Spurensuche begeben.
 
"Was ist aus der Protestbewegung geworden?"

"Gezi ist gescheitert. Hier sind Leute gestorben – für nichts!" erzählt uns ein wütender junger Mann auf dem Taksim-Platz. Und tatsächlich ist die Bilanz der vergangenen zwei Jahre ernüchternd. Die Türkei wird zunehmend konservativer, überall im Land eröffnen strengreligiöse Iman-Hatip-Schulen, hunderte Moscheen werden gebaut. Erdogan wünscht sich eine neue, fromme Jugend in der Türkei.

 

Was denkt die Jugend ?

Invalid Scald ID.

Überblick:

"Don Quichote", das besetzte Haus: Tanzen gegen Windmühlen

Raus aus der Türkei: Wer Freiheit will, verlässt das Land

Der Traum vom Osmanischen Großreich: Erdoğan und seine Fans

Wichtigstes Accessoire: Kopftuch  – das muslimische Modemagazin Âlâ

Von der Kinderbraut zur Bürgermeisterin: die Geschichte von Berivan Kilic

 

Aber zuerst, unser Faktencheck

Invalid Scald ID.

 

Das besetzte Haus "Don Quichote": Tanzen gegen Windmühlen

 

Vom Gezi-Protest ist doch noch etwas übrig geblieben: im Stadtteil Kadiköy auf der asiatischen Seite steht ein buntbemaltes, abrissreifes Haus. "Don Quichote" nennen es die Leute. Überall an den Wänden ist das Motiv von Kämpfern zu finden, die gegen Windmühlen, antreten. "Don Quichote" ist eines der ersten besetzten Häuser in Istanbul. Hier treffen sich Querdenker, Künstler und Tänzer wie Serenay.

"Gerade die Jugend von Gezi wurde immer als Träumer bezeichnet. Als Romantiker", sagt sie. "Darauf beziehen wir uns: Ja. Wir kämpfen auch gegen Windmühlen – wenn es sein muss."

Eine alternative Szene hat es vor Gezi in der Türkei so nicht gegeben. Und Serenay und ihre Freunde entsprechen überhaupt nicht dem Bild, das sich Präsident Erdogan von den jungen Türken wünscht. Dennoch werden sie und ihr Kampf gegen Windmühlen geduldet.

Bericht aus Istanbul:

 

Invalid Scald ID.

 

Raus aus der Türkei: wer Freiheit will, verlässt das Land

 

Anderen geht dieser Prozess viel zu langsam. Sie glauben nicht daran, dass sich die politische Situation in der Türkei verbessert – im Gegenteil. Sie fürchten, dass ihre Freiheiten immer mehr eingeengt werden. Cinar gehört zu denen, die enttäuscht sind und nur noch raus wollen aus der Türkei.

"Echte Türken, das sind Leute, die erst zur Arbeit, dann zur Moschee gehen, und dann nach Hause. Die die Regierung nicht kritisieren und natürlich keinen Alkohol trinken", erklärt er uns. "So stellt sich Erdogan die neue Türkei und die echten Türken vor. Aber es gibt Millionen von Türken, die dieser Definition nicht entsprechen und die sind jetzt quasi Fremde in ihrem eigenen Land."

Murat sieht das genauso und lebt deshalb mittlerweile in Berlin. Hier organisiert er Konzerte. In der Türkei wurde das zunehmend schwieriger.

Reportage

 

Invalid Scald ID.

 

Der Traum vom Osmanischen Großreich: Erdogan und seine Fans

 

Für viele mag die Politik von Präsident Erdogan restriktiv sein, aber wirtschaftlich und geopolitisch hat er die Türkei in den vergangenen Jahren nach vorne gebracht. Deshalb hat er auch unter jungen Leuten viele Anhänger. Ganz besonders in der Hauptstadt Ankara. Hier hat sich Erdogan einen Koloss von Präsidentenpalast bauen lassen, das Symbol für das neue Großmachtdenken in Anlehnung an die Osmanische Zeit. Folklore, wie zum Beispiel traditionelle Trachten, unterstützen das. "Sultan Erdogan" – so wünschen sich viele Türken ihren Präsidenten. Und die jungen AKP-Anhänger stehen bedingungslos hinter ihm.

Bericht aus Ankara

 

Invalid Scald ID.

 

Wichtigstes Accessoire: Kopftuch – das muslimische Modemagazin Âlâ

 

Vor knapp vier Jahren gründete Burak Birer das Modemagazin Âlâ, eine Art muslimische Vogue. Mit großem Erfolg, aber auch von Kritik begleitet. Religion und Mode, das passe nicht zusammen, bemängelten viele. Aber das lässt Burak nicht gelten. Seiner Meinung nach hat jede Frau das Recht, sich und ihren Stil selbst zu verwirklichen, egal wie religiös oder konservativ sie ist. Die Kritik beunruhigt ihn überhaupt nicht, denn wer diese Ansichten hat, gehört nicht zur Zielgruppe. "Wenn eine Frau ihren Ehemann fragen muss, ob sie ein Modemagazin lesen darf, gehört sie nicht zu unserer Leserschaft. Die Âlâ-Leserin ist eine Frau, die davon überzeugt ist, dass sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, mit ihrem Kopftuch, mit ihren religiösen Überzeugungen."

Die neuesten Trends für die konservative Muslimin. Gülsüm weiß, was diesen Sommer en vogue ist. Sie ist die Chefredakteurin von Âlâ und trägt selbst kein Kopftuch. Kein Problem, denn es gebe beides in der Türkei, verschleierte Frauen und unverschleierte. Das Schöne sei, dass jeder die Freiheit habe, selbst zu wählen. Dennoch müsse sich dringend etwas für Frauen in der Türkei ändern, meint Gülsüm. "Ich glaube, es sollte mehr Frauen in Führungspositionen geben. Deshalb müssten wir mehr für die Bildung tun. Aber leider gibt es eine traditionelle Regel in der Türkei, die heißt: "Der Platz der Frau ist zuhause"."

 

Bericht aus Istanbul

 

Invalid Scald ID.

 

 

Von der Kinderbraut zur Bürgermeisterin: die Geschichte von Berivan Kilic

 

Kocaköy im Südosten der Türkei – weit weg von der Hauptstadt, mitten im Kurdengebiet. Frauen sieht man hier wenige auf den Straßen. Hier haben überwiegend die Männer das Sagen.

Berivan Elif Kilic will das ändern. Als Mitglied der Kurden-Partei HDP ist sie die erste Bürgermeisterin der kleinen Stadt.

 

berivan maire

 

"Ich bin eine Tochter von Kocaköy. Die Leute hier kennen meine Geschichte und meinen eigenen Kampf. Und wissen, dass ich weiß, wovon ich rede...", sagt sie. Ihre Lebensgeschichte gleicht einem Horrorfilm: mit knapp 16 Jahren wurde sie an einen Cousin verheiratet. "Er schlug mich fast jeden Tag. Er hielt mich mit einer Hand fest, mit der anderen verprügelte er mich. Danach rauchte er eine Zigarette. Ich durfte nicht weinen, sonst schlug er wieder zu." Zwei Kinder hat Berivan, der älteste Sohn ist behindert. Dennoch kämpft Berivan um die Scheidung, jahrelang. Auch wenn sie nun ohne finanzielle Unterstützung da steht.

"Ich bin ein Vorbild für die Frauen. Und ich mache ihnen Mut. Sie sehen: Wenn Berivan es geschafft, hat, warum sollte das nicht auch für mich möglich sein? Und das ist etwas Schönes !"

 

berivan

 

Berivan weiß, dass da draußen hunderte, vielleicht tausende Frauen leben, die ein ähnliches Schicksal durchmachen, sich aber nicht trauen, sich zu wehren. Gegen die Männer, aber auch gegen das Bild der Frau in der Gesellschaft. Auch für sie ist Berivan in die Politik gegangen.

Reportage

 

Invalid Scald ID.