Wohin geht Polen?

Länder: Polen

Tags: PiS, Polen, Patriotismus, Demokratie

Polen, bis vor kurzem ein unauffälliges Nachbarland Deutschlands, sorgt seit den Wahlen im Oktober 2015 für Aufregung in Europa: Sieg der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit", Rechtsruck bei den polnischen Jugendlichen - zwei Drittel der jungen Leute wählten im Oktober rechte Parteien - dann ein neues Mediengesetz, mit dem die neue Regierung mehr Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nehmen will.

Deutschlands östliches Nachbarland erfüllt Europa mit Sorge. In Brüssel wird die Entwicklung in Polen sogar als eines der "größten Probleme für die EU 2016" gehandelt.

Polen hat Ungarn als Buhmann Europas abgelöst. Aber es gibt auch andere Stimmen: Kämpfen die Polen nicht einfach gegen eine übermächtige EU, die alles bestimmen will? Gegen deutsche Besserwisser, wie EU-Kommissar Günther Oettinger, der "Warschau unter Aufsicht stellen" will? Ist das Panikmache oder hat nicht jedes Land das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen, auch gegen den Widerstand des "alten Europa"?

 

Mit Andreas in der Europäischen Kulturhauptstadt Breslau 2016

 

wroclaw-rue

Strasse in Breslau

Im Januar 2016 begann in Breslau mit pompösem Auftakt das Jahr als europäische Kulturhauptstadt. In rund 1.000 Veranstaltungen möchte sich Breslau als weltoffen, bunt und modern präsentieren und damit Besucher aus der ganzen Welt anziehen.

 

itvwroclaw.jpg

Das passt so gar nicht zu den Nachrichten, die uns sonst in letzter Zeit aus Breslau erreichen: Im November 2015 verbrannten rechtsradikale Demonstranten eine "Juden-Puppe" auf dem Marktplatz. Dann versuchten Demonstranten, Theaterbesucher daran zu hindern, die Premiere einen Stückes von Elfriede Jelinek zu besuchen. Sie beriefen sich auf Forderungen des polnischen Kulturministers.

Und in Breslau gehen nicht nur rechte Nationalisten auf die Straße. Regelmäßig demonstrieren dort wie in vielen anderen polnischen Städten Tausende Menschen der polnischen Bürgerbewegung KOD – Komitee zur Verteidigung der Demokratie – gegen die Maßnahmen der neuen Regierung.

Die Gegensätze in der polnischen Gesellschaft sind in Breslau derzeit besonders gut zu beobachten.

Junge Nationalisten in Polen

 

manifpologne.jpg

 

Schon seit längerem kann man bei der polnischen Jugend einen Rechtsruck beobachten. Nach Angaben des polnischen Meinungsforschungsinstituts CBOS bezeichnet jeder dritte Jugendliche im Alter von 18-24 Jahren seine Weltanschauung als rechts. Dieser Rechtsruck war auch beim Wahlverhalten der jungen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren zu beobachten

Die meisten von ihnen wählten zur Parlamentswahl im Oktober 2015 die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" PiS. Im Vorfeld bemühte sich die PiS verstärkt um junge Wähler, indem sie ihnen unter anderem die Erhöhung des Kindergeldes versprach.

Sehr beliebt bei jungen Polen war auch das Wahlbündnis Kukiz15, angeführt von dem polnischen Rockmusiker Pawel Kukiz. In diesem Wahlbündnis sind auch rechtsextreme Gruppierungen vertreten wie die "Nationale Bewegung". Der Chef der "Nationalen Bewegung" Robert Winnicki sitzt nun im Parlament. Winnicki war schon Anführer der nationalistischen "allpolnischen Jugend" und ist geistiger Vater des "Marsches der Unabhängigkeit", der alljährlich am Nationalfeiertag am 11. November durch Warschau zieht und wegen Randalen für Schlagzeilen sorgt. Seine Feindbilder: Liberale, Linke und Homosexuelle.

 

Patriotisch einkaufen

 

pologneconso.jpg

 

Für die Polen hat der Patriotismus, die Liebe zum Vaterland und die Verteidigung ihrer polnischen Identität, eine wichtige Bedeutung. Das spiegelt sich auch im Einkaufsverhalten wieder. Neues Schlagwort ist der "Patriotische Konsum". Beim "Patriotischen Einkaufen" hilft den Polen seit neuestem eine App, mit der sie im Supermarkt prüfen können, wie polnisch ein Produkt ist. Die App, die seit dem Herbst 2015 auf dem Markt ist, vergibt nach Scannen des Barcodes unter anderem Punkte dafür, wieviel polnisches Kapital im Produkt steckt oder ob es in Polen hergestellt wurde.

 

consopologne-appli

 

Entwickelt wurde die App von einem Think Tank, dem "Klub Jagiellonski", der sich um die Verbreitung eines modernen Patriotismus in Polen bemüht. Der Klub finanziert sich aus Spenden und staatlicher Förderung. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter organisieren Veranstaltungen, geben Bücher und Zeitschriften heraus. Zu den Aktivitäten des Klubs gehört es auch, an Schulen zu gehen und dort patriotisches Gedankengut zu stärken. Beispielsweise, indem sich die Schüler mit der Regionalgeschichte ihres Ortes auseinandersetzen.

Zuletzt geändert am 14. November 2016