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Wo verfehlt Deutschland seine Klimaziele?

Länder: Deutschland

Tags: Klimagipfel, UN-Klimakonferenz, UN-Klimagipfel, Erderwärmung, Treibhausgase

Bis zum 17. November 2017 findet in Bonn die 23. Klimaschutzkonferenz (COP 23) statt. Zwei Jahre nach dem Durchbruch bei der Weltklimakonferenz in Paris zeigt sich, wie effektiv die Länder die globalen Klimaziele angegangen sind. ARTE fragt nach: Wie steht Deutschland da? Ist die Bundesrepublik mit ihrem Kampf gegen die globale Erwärmung erfolgreich?  

In Sachen Klima ist Deutschland kein Musterschüler. Kurz vor der COP23 gab das Bundesumweltministerium bekannt, dass Deutschland sein nationales Klimaziel deutlich verfehlen werde. Das internationale Ansehen der Bundesrepublik als Klimaschutzvorreiter ist in Gefahr. Was verhagelt dem Land die Klimabilanz? Darüber hat ARTE Journal mit Claudia Kemfert, Energiewissenschaftlerin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, gesprochen.

COP23: Deutschland verfehlt Ziele
COP23: Deutschland verfehlt Ziele Bei der Weltklimakonferenz in Bonn beraten 25.000 Delegierte über die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens. COP23: Deutschland verfehlt Ziele

 

So will Deutschland seine Klimaziele erreichen

Zwei Jahre nach dem Pariser Abkommen zieht die Internationale Energieagentur (IEA) eine ernüchternde Bilanz. In ihrem Effizienzbericht heißt es, 2016 seien weltweit kaum Umweltschutzmaßnahmen umgesetzt worden. Dabei wollte Europa mit gutem Beispiel vorangehen: Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union hatten sich geeinigt, bis 2030 den gesamteuropäischen Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu verringern. Außerdem sollten erneuerbare Energien stärker gefördert und die Energieeffizienz um mindestens 27 Prozent erhöht werden.

Auch Deutschland hat sich eigene Ziele gesetzt, um dem Klimaschutzabkommen gerecht zu werden. Dabei setzt das Land, wie auch Europa generell, vor allem auf Gebäudesanierungen sowie Energieeinsparungen im Verkehrsbereich und in der Industrie. Wie effizient ist das? Ein Überblick. 

 

 

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© Arte Info

 

1. Gebäude: 

Mit ihrem "Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz", kurz NAPE, wollte die Bundesregierung, die Energieeffizienz der Gebäude steigern, um den Verbrauch von Primärenergie (Erdöl, Erdgas und Kohle) zu senken. Mittels einer finanziellen Förderung sollte die Anzahl gebäudetechnischer Sanierungen vergrößert werden. Bisher nur mit mäßigem Erfolg: Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Energieverbrauch der Haushalte im Jahr 2016 auf 636 Terrawattstunden (TWh). Trotzdem zeigt eine Untersuchung der IEA, dass über die letzten 17 Jahre eine durchschnittliche Energiekostenersparnis pro Haushalt von über 500 Euro erzielt wurde.

Dies stellt einen Widerspruch dar: Im Durchschnitt sinken die Kosten für den jährlichen Energieverbrauch pro Haushalt, aber die Energienutzung steigt - und damit auch der Schadstoffausstoß. Demnach ist diese Kostenersparnis von rund 500 Euro zwar ein finanzieller Teilerfolg für Privatpersonen, aber kein Gewinn für die Umwelt.

 

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© Arte Info

Gemeinsam mit Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Japan lag die durchschnittliche Energieeinsparung der Haushalte während der letzten 17 Jahre bei circa 30 Prozent. Die Vereinigten Staaten und Mexiko liegen nur bei rund 10 Prozent.

 

Mehr zum Thema:

Auf dem 21. Klimaschutzgipfel (COP 21) vor zwei Jahren einigten sich 195 Länder erstmals auf ein allgemeines, rechtsverbindliches Klimaschutzübereinkommen. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union hatten vereinbart, bis 2030 den gesamteuropäischen Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu verringern. Außerdem sollten erneuerbare Energien stärker gefördert und die Energieeffizienz um mindestens 27 Prozent erhöht werden. Das Abkommen sieht unter anderem vor, den "Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2° Celsius" zu halten.

Während die Welt das Abkommen feierte, gab sich die Nichtregierungsorganisation WWF skeptisch. Denn trotz der gemachten Versprechen, schätzt sie, dass bis 2100 die globale Erwärmung auf 2,7 bis 3,5 Grad Celsius ansteigen könnte.

Am 31. Oktober haben die Vereinten Nationen in ihrem "Emissions Gap Report" des UN-Umweltprogramm (UNEP) veröffentlicht, dass nicht nur in der EU und Deutschland, sondern global ein baldiges radikales Umdenken erforderlich sei: "Es besteht dringend Bedarf, die kurzfristigen Maßnahmen zu beschleunigen und die langfristigen Ziele ehrgeiziger zu gestalten." Auch wenn laut dem Bericht der globale Gesamtausstoß an Kohlenstoffdioxid in den letzten drei Jahren relativ stabil geblieben sei, liege das vor allem an China und Indien, die vermehrt auf erneuerbare Energie setzten.

 
2. Verkehr:

Um das hohe Verkehrsaufkommen in Deutschland zu reduzieren, veröffentlichte das Umweltbundesamt bereits 2010 eine Strategie zur CO2-Emissionsminderung im Verkehr. Darin wurden Strategien zur Verkehrsvermeidung, -verlagerung und -optimierung sowie wirtschaftliche Maßnahmen vorgeschlagen, die zu geringerem Schadstoffausstoß führen sollten. Das Umweltbundesamt gab bereits zu diesem Zeitpunkt an, "[…] seine CO2-Emissionen […] um 40 Prozent senken zu wollen." Die im Jahr 2017 veröffentlichten Zahlen des Umweltbundesamtes belegen allerdings, dass im Verlauf der letzten zwanzig Jahren der CO2-Ausstoß, der durch Verkehr entsteht, nicht gesunken ist: Zwischen 2015 und 2016 stieg er um vier Millionen Tonnen auf 906 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid an. 

Auch die Anzahl der Autos auf deutschen Straßen steigt stetig und immer mehr Kohlenstoffdioxid wird in die Luft geblasen. Der kilometerbezogene Ausstoß pro Fahrzeug wurde zwar reduziert, doch auch das kann die zunehmende Verschmutzung nicht verhindern. Dafür müsste die Zahl der Autos sinken oder ein konsequenterer Wechsel zu anderen Kraftstoffen und Energiequellen geschehen. Also, auch hier verfehlt die Strategie der Bundesregierung das 2-Grad-Ziel.

 

3. Industrie:

Die deutsche Industrie verbraucht mit 716 TWh ähnlich viel Energie wie der Verkehr (728 TWh). Viel Verbrauch bedeutet auch viele Emissionen: Laut Umweltbundesamt wurden im Jahr 2016 zwei Drittel der Industrieemissionen (123 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid) von der energieintensiven Industrie verursacht. Dazu gehört zum Beispiel die Stahlindustrie. Die Internationale Energieagentur mahnte deshalb schon vor dem Pariser Klimaabkommen, dass vor allem die Energieeffizienz in der Industriebranche verbessert werden müsse.

Die Bundesregierung versucht in dem Zusammenhang die Unternehmen zu einer energieeffizienteren Produktion zu animieren. Sie stellt für umweltfreundliche Produktion finanzielle Förderung bereit. Die EU ihrerseits wollte dem Problem ab 2005 durch die Einführung des Emissionshandels Herr werden, der bereits 1997 in den sogenannten Kyoto-Protokollen festgelegt wurde. Unter Emissionshandel versteht man den An- und Verkauf von Emissionspapieren nach dem Börsenprinzip. Jedem Unternehmen wird eine gewisse Anzahl an Emissionspapieren zugestanden, also eine Obergrenze an Emissionen, die es ausstoßen darf. Verbraucht es weniger, etwa durch die Ausstattung einer Fabrik mit Filteranlagen, kann es seine überschüssigen Papiere an solche Unternehmen weiterverkaufen, die mehr Schadstoffe ausstoßen, als in ihren Emissionspapieren festgehalten ist. Dieser wirtschaftliche Vorteil sollte die Kosten für die umweltfreundlichen Umbauten ersetzen. Da mehr Papiere als benötigt in Umlauf gebracht wurden, hatte dieses EU-Instrument jedoch kaum Auswirkungen, da kein ausreichender Anreiz geschaffen werden konnte.

Ab 2019 soll die Gesamtmenge der Emissionspapiere von der EU reduziert werden, damit der Wettbewerb um die Emissionspapiere steigt. Ob das funktionieren wird, ist allerdings fraglich, da die EU eine geringere Anzahl an Emissionspapieren aus dem Verkehr ziehen will, als jährlich an Überschüssen auftreten. Aktuell ist der EU-Emissionshandel also nur teilweise effizient. Ein wirklicher Anreiz für die Unternehmen ist nicht in Sicht.

 

Fazit:

Aktuell hat die Bundesregierung das 2-Grad-Ziel aus den Augen verloren. Da hilft auch das Vorschieben unerwarteter wirtschaftlicher oder meteorologischer Entwicklungen nicht, um den Anstieg des Schadstoffausstoßes zu verhindern - auch wenn Bundesumweltministerin Hendricks das versucht: "[…] ein höheres Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum als prognostiziert", habe dazu beigetragen, dass Deutschland momentan für seine Klimaziele für 2020 nicht auf Zielpfad liege. Außerdem sei "die kühle Witterung" und ein erhöhtes Verkehrsaufkommen für den Anstieg des Energieverbrauchs verantwortlich. Den Fakten nach zu urteilen, klingt das eher nach einem kläglichen Rechtfertigungsgrund, der die mangelnden politischen Eingriffe zu kaschieren versucht.   

 

Zuletzt geändert am 9. November 2017