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Wird die Mittelschicht besonders geschröpft?

Länder: Europäische Union

Tags: durchgecheckt, Steuern, Mittelschicht

Die Mittelschicht steht im Mittelpunkt vieler Diskussionen: Zu wohlhabend, um Steuerbefreiungen in Anspruch zu nehmen, und zu arm , um Steuerexperten zu beauftragen, werde sie vom System besonders geschröpft. Diese weit verbreitete Theorie wirft Fragen auf. 

Wer gehört zur Mittelschicht?

Es gibt für die Mittelschicht keine einheitliche Definition, was bei der Abgrenzung dieser Bevölkerungsgruppe immer wieder für Schwierigkeiten sorgt. Es gibt allerdings drei Definitionsansätze für die Mittelschicht: den subjektiven, den ökonomischen und den soziologischen Ansatz.

- Der erste Ansatz ist am unkompliziertesten: Als Angehörige der Mittelschicht zählen hier alle Personen, die sich subjektiv als der Mittelschicht zugehörig fühlen. Das gilt in Frankreich für zwei Drittel der Bevölkerung.

- Der zweite, wirtschaftliche Ansatz wird vom Centre de recherche pour l'étude et l'observation des conditions de vie (Crédoc) sowie vom Observatoire des inégalités vertreten, die hierzu schon eine Reihe von Untersuchungen veröffentlicht haben. Nach diesem Ansatz ist die ‚Mittelklasse‘ „zwischen den ärmsten 30 % und den reichsten 20 % der Bevölkerung angesiedelt. Sie umfasst die Hälfte der Bevölkerung“. Diese Definition ist jedoch nur sehr eingeschränkt gültig, wie das Observatoire des inégalités feststellt.  

- Der dritte Ansatz ist eher soziologisch und umfasst die Personenkategorien in der mittleren Ebene des Produktionssystems, also die einfachen Arbeiter und Angestellten sowie die leitenden Angestellten, zu denen im Allgemeinen auch Selbständige, Handwerker, Kaufleute und Kleinunternehmer gezählt werden. Gemäß dieser Definition macht die Mittelschicht etwa 30 % der arbeitenden Bevölkerung aus.

In jedem Fall handelt es sich bei der „Mittelschicht“ um einen irreführenden Begriff, da es sich nicht um eine „mittlere“ soziale Gruppe handelt, sondern um eine idealtypische Bevölkerungsgruppe, der die meisten Menschen angehören möchten.

Zählen Sie nach der ökonomischen Definition zur Mittelschicht, d. h. zu den 50 %, die zwischen den ärmsten 30 % und den reichsten 20 % der Bevölkerung liegen?  

 

Zahlt die Mittelschicht mehr als sie herausbekommt?

Insgesamt gesehen ja. Personen, deren Einkommen zwischen den 40 % geringsten und den 40 % höchsten liegen, sind Nettozahler. 2010 verfügten sie nach Angaben der Insee über ein durchschnittliches Jahreseinkommen in Höhe von 21 191 Euro vor Steuern. Sie mussten Abzüge in Höhe von 2 466 Euro hinnehmen und erhielten „nur“ Leistungen in Höhe von 1 067 Euro.

Allerdings müssen diese absoluten Beträge in Relation gesetzt werden. Zunächst einmal ist die Zusammensetzung sämtlicher sozialen Gruppen ständigen Veränderungen unterworfen – und innerhalb der so genannten Mittelschicht sind diese Veränderungen besonders stark spürbar. Ein Teil dieser Schicht gehörte in der Vergangenheit zur Arbeiterklasse, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Karriere also zu den Nettoempfängern.

Diese Überlegung berücksichtigt nicht die öffentliche Hand, die die Haushalte zuweilen auch mit Sachleistungen unterstützt. Was die Ausbildung angeht, profitieren die Kinder der Mittelschicht deutlich stärker von einer höheren Ausbildung als die Kinder der Arbeiterklasse.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016