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Wie den Terror stoppen?

Länder: Deutschland

Tags: Radikalisierung, Terror, Prävention

20 mutmaßliche Dschihadistinnen, darunter auch fünf Deutsche, wurden vergangene Woche von irakischen Soldaten in Mossul festgenommen. Ob die 16-jährige Linda W. aus Sachsen darunter war, ist noch nicht bekannt. Das Mädchen hatte sich in Deutschland radikalisiert und könnte vor einem Jahr über die Türkei nach Syrien oder in den Irak gereist sein. Damit ist sie nicht die Einzige. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass zwischen Januar 2012 und Juni 2016 mindestens 784 Menschen "aus islamistischer Motivation Deutschland in Richtung Syrien und Irak" verlassen haben. Ein Drittel davon lebt heute wieder in Deutschland. Hätte ihre Radikalisierung aufgehalten und so ihre Ausreise verhindert werden können? ARTE Info hat mit Thomas Mücke, Geschäftsführer des "Violence Prevention Network" über Präventions- und Repressionsmaßnahmen in Deutschland und Frankreich gesprochen.

Zur Person

Der diplomierte Pädagoge und Politologe Thomas Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer des "Violence Prevention Network", einem Verband, der in Deutschland in der Extremismusprävention und der Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter tätig ist. Er ist der Autor des Buches "Zum Hass verführt – Wie der Salafismus unsere Kinder bedroht und was wir dagegen tun können".

ARTE Info: Wie sehen die Präventionsstrukturen in Deutschland aus?

Thomas Mücke: Es existieren mehrere Ansätze zur Deradikalisierung. In Deutschland gibt es Programme auf Bundes- und Länderebene, die jeweils ihre eigenen Beratungsstellen haben und deren Herangehensweisen sehr vielfältig und unterschiedlich sind. Sie arbeiten im Bereich der Prävention mit gefährdeten Jugendlichen, aber auch mit möglichen Aussteigern.

Die Angebotsstruktur ist heute wesentlich besser als noch vor zwei Jahren. Als es zu einer Ausreisewelle von jungen Menschen in Kriegsgebiete kam, entstand plötzlich Handlungsdruck. Da haben die Bundesländer mehr Verantwortung übernommen, Beratungsstellen eingerichtet und deutlich mehr Personal eingestellt. So wurde Extremismusprävention in Regelstrukturen eingeführt, sodass gefährdeten jungen Menschen und Angehörigen, die merken, dass sich bei ihrem Kind etwas verändert, mittlerweile sehr schnell geholfen werden kann.  

 

Der französische Senat hat 2016 eine Untersuchung der verschiedenen staatlichen Deradikalisierungsmaßnahmen angestoßen. Die Resultate fielen ernüchternd aus. Angeprangert wurde unter anderem, dass der französische Staat die radikalisierte Szene ausschließlich in Bezug auf den Fanatismus betrachtet und soziale Faktoren ausgeblendet werden. So wurden gefährdete Jugendliche beispielsweise in ein abgeschiedenes Schloss nahe der Stadt Tours zur Deradikalisierungs-Kur geschickt. Was halten Sie davon?

Thomas Mücke: Das Problem liegt darin, radikalisierte Menschen zu isolieren. Das gleiche Problem bestand früher auch bei uns bei Menschen mit rechtsextremen Gedankengut, die man in den Vollzugsanstalten in einem Block zusammenschloss. Das führt dazu, dass man sich nur unter Gleichgesinnten austauscht. Im Gegenteil, man muss sie aus der Isolation herausführen, denn diese haben sie schon in der extremistischen Szene erfahren.

Es ist also wichtig, die Hilfe vor Ort zu organisieren. Neue Netzwerke und Freundeskreise müssen aufgebaut werden, damit soziale Integration gelingen kann. Die Jugendlichen müssen ein Gefühl haben, wieder Teil der Gesellschaft zu sein. Und da müssen Schulen, Jugendhilfe und die Beratungsstellen gemeinsam schnell und auf lokaler Ebene reagieren können.    

 

Wir bekommen es in Deutschland vermutlich nicht nur mit "unseren" Rückkehrern, sondern auch mit Dschihad-Reisenden aus anderen europäischen Ländern oder aus Nordafrika zu tun. Was also ist zu tun?"

Im Spiegel-Gastbeitrag erklärt BKA-Präsident Holger Münch, mit welchen neuen Problemen die Sicherheitsbehörden in Bezug auf IS-Rückkehrer konfrontiert sind und zeigt fünf Lösungsansätze auf.

Kann Deutschland in Bezug auf extremistische Szenen auf mehr Erfahrung zurückgreifen als andere europäische Länder?

Thomas Mücke: Ich arbeite schon seit 26 Jahren im Deradikalisierungsbereich, was zeigt, dass die rechtsextreme Szene in Deutschland eine lange Tradition hat. In den letzten Jahrzehnten sind viele Modellprojekte entwickelt worden. Es gab deswegen schon sehr ausgereifte pädagogische Konzepte. Was fehlte, waren die Regelstrukturen.

In Deutschland liegt der Fokus vor allem auf Prävention, auch was junge gefährdete Menschen angeht. Die Idee dahinter ist, dass man nicht nur repressiv handeln muss, sondern auch einen pädagogischen Ansatz braucht. In anderen europäischen Ländern, wie auch in Frankreich, liegt der Fokus vor allem auf Sicherheitsfragen. Frankreich hat nach den Anschlägen viel Geld in die Sicherheitsindustrie gesteckt, in der Hoffnung damit etwas Nachhaltiges bewirken zu können. Doch dann kam der Schock der zweiten Anschläge. Das zeigt, dass man gerade die Einstellungen junger Menschen in Bezug auf Extremismus nicht ausschließlich mit repressiven Mitteln bekämpfen kann. Man muss versuchen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, zu reden und sie für Demokratie und Menschenrechte zu begeistern. Dazu brauchen Sie Mitarbeiter vor Ort, die an diese Jugendlichen herantreten können.

 

Sie setzen also auf Gespräche, um gefährdete Jugendliche und auch Rückkehrer aus der extremistischen Szene herauszuholen. Ist das nicht eine Illusion?

Thomas Mücke: Das "Violence Provention Network" arbeitet derzeit mit 350 gefährdeten jungen Menschen. Wir haben aber auch schon mit einigen verurteilten Rückkehrern gearbeitet. Das Leben von manchen hing am seidenen Faden. Heute haben einige davon eine Ausbildung abgeschlossen und mit extremistischen Gedankengut nichts mehr zu tun.

Mehmet sollte für den IS töten

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Man muss dazu sagen, dass selbst, wenn die gefährdeten jungen Menschen der extremen Haltung und Szene irgendwann kritisch gegenüberstehen, das nicht heißt, dass der Prozess abgeschlossen ist. Man muss diese Menschen schon mindestens ein oder zwei Jahre lang begleiten. Es geht nicht um kurzfristige Maßnahmen. Man muss schauen, welche Probleme und familiäre Konflikte dahinterstecken. Meist schlittern Jugendliche nämlich nicht aus ideologischen, sondern emotionalen Bedürfnissen in die Szene.

Man wird auch nicht jeden erreichen können. Die Pädagogik ist nicht allmächtig. Doch da, wo wir die Chance haben, gefährdeten Jugendlichen zu helfen, müssen wir sie nutzen. Denn wenn wir nicht mit ihnen reden, dann tun es ausschließlich die Extremisten.

 

Was geschieht, wenn ein Salafist nicht aussteigen will?

Thomas Mücke: Da kann man nichts machen. Wir können nur ein Angebot unterbreiten. Bei der ersten Gruppe der Rückkehrer war es einfacher, sie zu erreichen. Es waren vor allem junge Menschen, die einige Monate im Kampfgebiet gewesen waren, die oft einen Realitätsschock erlitten hatten und sich von sich aus Fragen stellten. Sie waren leichter erreichbar als jene, die jetzt aus Syrien zurückkehren. Sie waren länger in den Kriegsgebieten und könnten eher in Verbrechen involviert gewesen sein. Da fehlen uns noch die Erfahrungen.

 

Kindern erklärt: Was ist Radikalisierung?

Was halten Sie von politischen Forderungen, IS-Kämpfern Pässe abzunehmen, ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft abzuerkennen oder sie gegebenenfalls auszuweisen?

Thomas Mücke: Diese Maßnahmen würden bedeuten, dass die Propaganda der Extremisten sich bewahrheiten würde, denn die besagt, dass die jungen Menschen nicht Teil unserer Gesellschaft sind oder dass man als Muslim nicht in Deutschland leben darf, weil Islam und Demokratie nicht vereinbar sind. Solche Maßnahmen würde die islamistische Propagandastrategie nur noch stärken.

Was die Politik jedoch tun kann, ist, die aufgebauten Strukturen aufrechtzuerhalten. Es ist wichtig, dass die Präventionsarbeit nicht von der Konjunktur abhängig gemacht wird. In den letzten 20 Jahren fehlten uns die Regelstrukturen. Es wurde immer nur dann reagiert, wenn etwas geschah. Da würde ich mir wünschen, dass wir auch in fünf oder zehn Jahren noch Präventionsarbeit leisten können, damit der Extremismus langfristig nicht mehr den gleichen Resonanzboden hat wie heute. 

Zuletzt geändert am 20. Juli 2017