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Whistleblower: "Nur in ganz wenigen Fällen geht es gut aus"

Länder: Deutschland

Tags: Whistleblower, Johannes Ludwig

Was bewegt Enthüller, an die Öffentlichkeit zu gehen? Welche Konsequenzen müssen sie in Kauf nehmen? "Whistleblower" sind nicht nur Edward Snowden oder Bradley Manning. Auch in Firmen, Verwaltungen und Unternehmen gibt es sie. Interview mit Prof. Dr. Johannes Ludwig, stellvertretender Vorsitzender des Whistleblower Netzwerkes e.V. . Der gemeinnützige Verein setzt sich für die Interessen von Whistleblowern in Deutschland ein.

ARTE Journal: Was bewegt Whistleblower dazu, mit ihren Informationen an die Öffentlichkeit zu treten?

 

Johannes Ludwig: Man muss sich dazu die Typologie von Whistleblowern anschauen. Das sind Menschen, die ein hohes Arbeitsethos haben, die hohe Anforderungen auch an sich stellen, die ein starkes Gerechtigkeitsempfinden haben, die nachdenken und die irgendwelche Missstände sehen. Egal, ob das Korruption ist, ob da jemand ausgebeutet wird, ob da jemand gemobbt wird, ob da Geld verbraten wird in der staatlichen Landesbank oder was auch immer. Diese Menschen kommen damit nicht zurecht und fragen sich dann: Was kann ich eigentlich dagegen tun? Der Arbeitsvertrag und ganz viele andere rechtliche Vorschriften sagen: Du darfst gar nichts machen. Und damit geben die sich nicht zufrieden und dann überlegen sie, wie kann ich die Öffentlichkeit davon informieren? -und suchen geeignete Wege, von denen sie denken, dass das funktioniert – wohl wissend, dass da erhebliche Nachteile auf sie zukommen, weil Whistleblower in Deutschland in keinster Weise geschützt sind. Es sind zum grossen Teil auch altruistische Motive. Das heißt: Der Whistleblower sagt sich, die Nachteile, die er erleiden muss, wiegen nicht so stark wie der Nutzen für die Allgemeinheit, wenn der Missstand - den er erst aufdecken muss - beseitigt wird.

 

Man setzt ihn [den Whistleblower] in einen Raum ohne Telefon, ohne Computer und versucht sozusagen, einen Menschen dann auch im wahrsten Sinne des Wortes fertigzumachen.

Johannes Ludwig - 21/08/2013

Wie reagiert das berufliche Umfeld auf solche Enthüllungen?

 

Johannes Ludwig: Ein Whistleblower wird zunächst erst einmal ausgegrenzt, man spricht nicht mehr mit ihm. In der öffentlichen Verwaltung gibt es einen beliebten Trick: man setzt ihn in einen Raum ohne Telefon, ohne Computer und versucht sozusagen einen Menschen dann auch im wahrsten Sinne des Wortes fertigzumachen. Die nächste Stufe ist, dass man ihn dann versetzt. Die Bundesländer sind ja recht groß. Wenn einer in Landshut arbeitet, muss er damit rechnen, dass er nach Hof versetzt wird – also jeden Tag 300 Kilometer Wegstrecke hin und 300 Kilometer wieder zurück. Einige schlagen trotzdem Alarm. Da endet das ganze dann mit der Degradierung, denn im öffentlichen Dienst kann nicht jedem gekündigt werden. Im privatwirtschaftlichen Bereich endet es mit der Kündigung. Und dann sind die Leute auch "verbrannt". Dann beginnt sozusagen der soziale Niedergang, der in Hartz IV endet, wo dann tatsächlich kein Geld mehr da ist und dann die normalen Lebensansprüche nicht mehr befriedigt werden können, wo die Ehepartner dann teilweise aussteigt, wo sich auch das soziale Umfeld dann leider auch abwendet, anstatt zu helfen. 

 

Sie kamen schon kurz auf das Privatleben zu sprechen. Inwieweit wirkt sich die Entscheidung, bestimmte Informationen publik zu machen, auf den Alltag aus? 

 

Johannes Ludwig: Ein Whistleblower trifft seine Entscheidung ja nicht von heute auf morgen. Das sind innerliche Kämpfe. In der Regel wird er auch mit seinem Partner, wenn er einen hat, darüber diskutieren. Der Partner hat im Zweifel dazu eine andere Ansicht und meint „Sag lieber nichts. Das ist bequemer und gefährdet nicht unser Zusammenleben, gefährdet nicht deinen Arbeitsplatz, gefährdet dein Einkommen nicht" und so weiter. Es passiert dann häufig, dass der Konflikt kulminiert, wenn der Whistleblower an die Öffentlichkeit getreten ist. Dann sagt der Partner: Das kann ich nicht mitmachen, das kann ich persönlich nicht aushalten" und wendet sich ab.

 

Die Folgen für einen Whistleblower hängen weniger davon ab, ob ein Medium darüber berichtet, als davon wie das persönliche und berufliche Umfeld aussieht.

Johannes Ludwig - 21/08/2013

Sind die Konsequenzen für den Whistleblower je nach Medieninteresse auch unterschiedlich gewichtet?

 

Johannes Ludwig: Es gibt wenig Fälle, die gut ausgehen. Dann, wenn das, was da ans Tageslicht gebracht wird, gesellschaftlich d'accord ist. Beispiel: vor zwei, drei Jahren gab es in Berlin den Fall von sexuellem Missbrauch an einer katholischen Schule. Da hat der Pater, der Leiter der Schule richtig gehandelt und hat sofort gesagt, das muss aufgearbeitet werden. Die ganze Geschichte ist an die Öffentlichkeit gekommen und jedem war klar, dass das unhaltbar ist. Deswegen ist dem auch nichts passiert, obwohl der Skandal nicht im Sinne der katholischen Kirche, der Kirchenleitung war. 

Aber wenn Sie mal ein paar Jahre zurück gehen... sexuellen Missbrauch gab es auch über Jahrzehnte an der Odenwaldschule. Da hat aber praktisch keiner was gesagt und die Wenigen, die versucht haben, Informationen an die Medien zu geben - da hat jedes Medium gesagt, das würde sie nicht interessieren, das könne gar nicht sein. 
Also die Folgen für einen Whistleblower hängen weniger davon ab, ob ein Medium darüber berichtet, als davon, wie das persönliche und berufliche Umfeld aussieht. Es ist einfach so, dass in den mehrheitlichen Fällen die Situation für den Whistleblower schlecht ausgeht, weil das Arbeitsrecht so ist und weil die Mentalität nicht anders ist. Und nur in ganz wenigen Fällen geht es gut aus und zwar ganz unabhängig davon, ob es über die Medien läuft oder nicht. 

 

Eines der Länder, das bisher [zum Schutz der Whistleblower] noch nichts gemacht hat, ist die Bundesrepublik Deutschland.

Johannes Ludwig - 21/08/2014

Wenn man es radikal ausdrückt, wird den Whistleblowern ihre Zivilcourage also in keinster Weise gedankt.

 

Johannes Ludwig: Ja, das ist genau der Punkt. Dass man ihnen nicht dankt, können sie vielleicht noch verdauen. Aber was sie physisch und psychisch fertigmacht, ist, dass sie dafür auch noch bestraft werden. Also kein Dankeschön zu kriegen, ist für sie halbwegs noch ok. Das erwarten die teilweise auch gar nicht. Aber dass sie dann richtig sanktioniert werden, das ist das eigentliche Problem. Und um da mal einen Schlenker in die internationale Welt zu machen: da liegt Deutschland im internationalen Vergleich ganz weit abgeschlagen im hinteren Drittel. Denn die meisten Länder haben Whistleblower-Schutzgesetze. 2010 gab es einen G-20-Gipfel, einen Gipfel zwischen den großen Industriestaaten. Da wurde ausgemacht, dass bis Ende 2012 alle Länder Whistleblower-Schutzgesetze haben müssen, weil man hoffte, darüber die Korruption einzudämmen. Eines der Länder, das bisher noch nichts gemacht hat, ist die Bundesrepublik Deutschland, weil das meiner Ansicht nach für die aktuelle Bundesregierung kein Thema ist. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016