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Werden wir bald unfruchtbar?

Länder: Frankreich

Tags: Endokrine Pertubatoren, Umwelthormone, Fortpflanzung

Wird die medizinische Unterstützung bei der Fortpflanzung bald zur Notwendigkeit? Werden wir eines Tages gezwungen sein, auf Leihmütter und Samenspender zurückzugreifen? So absurd, wie sie vielleicht klingen, sind diese Fragen gar nicht. In den 40 letzten Jahren hat die Konzentration der Spermien in der Samenflüssigkeit um mehr als die Hälfte abgenommen. Fast jedes zehnte Paar in Deutschland bleibt ungewollt kinderlos. Und diese Zahlen steigen weiter. Grund dafür sind Schadstoffe in Atemluft und Nahrung, die die Fruchtbarkeit und die Entwicklung des Fötus beeinträchtigen. Unsere Umwelt ist vergiftet - und das könnte auf lange Sicht unsere Fortpflanzung ernsthaft in Frage stellen.

Unser Video zu den Schlüsselbegriffen dieser Debatte:

L’homme du futur sera-t-il encore fertile ?
Werden wir bald unfruchtbar? Unsere Umwelt ist giftig und könnte dafür sorgen, dass wir Probleme mit der Fortpflanzung bekommen.  Werden wir bald unfruchtbar?
Besorgniserregende Umwelteinflüsse auf die Fortpflanzung

 

Gabriel André

Gabriel André ist Gynäkologe und Mitglied des Wissenschaftlichen Rates des Europäischen Forums für Bioethik.

Für den Gynäkologen Gabriel André ist es eine unumstößliche Tatsache: Die gebündelte Wirkung von endokrinen Störfaktoren und Schadstoffen in Luft und Nahrung ist verantwortlich dafür, dass die Fruchtbarkeit beim Menschen sinkt und Frauen betreffende Krebsarten häufiger auftauchen.

Dazu kommt ein für ihn „klarer Zusammenhang zwischen den Schmutz-Partikeln vor allem aus Dieselmotoren und einem sinkenden kindlichen Gehirnvolumen.“  Die Umweltgifte beeinträchtigen die normale Entwicklung bereits im Stadium des Fötus. 2015 veröffentlichte die Zeitschrift Jama Psychiatry die Ergebnisse einer Studie über 40 Kinder, die zwischen 1998 und 2006 in Harlem geboren wurden. Soe waren in hohem Maße polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (kurz PAK) ausgesetzt. Diese entstehen bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern, Holz und Tabak und sind in Atemluft und Nahrungsmitteln enthalten. 

Die Studie belegt die negativen Auswirkungen der PAK auf die Gehirnentwicklung bereits im Fötal-Stadium. Je stärker ein Baby den PAK ausgesetzt war, desto schwächer entwickelt sich die Weiße Substanz, die unter anderem beim Lernen hilft - zudem bleibt sie fast ausschließlich auf die linke Gehirnhälfte beschränkt. Die Forscher haben die Kinder bis zum Alter von sieben Jahren beobachtet und dabei folgende Auswirkungen festgestellt: 

  • - mit drei Jahren: Entwicklungsrückstand

  • - mit fünf Jahren: geringerer Intelligenzquotient

  • - mit sieben Jahren: Ängstlichkeit, Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen und verlangsamte Informationsverarbeitung

 

Endokrine Pertubatoren – Tod auf Raten

 

André Cicolella

André Cicolella ist Chemiker, Toxikologe und Gründer des Réseau Environnement Santé (RES) (Netzwerk Umwelt und Gesundheit). Er war eine treibende Kraft beim Verbot von Bisphenol A (BPA) in Frankreich und hat zahlreiche Fachbücher veröffentlicht.

Ein weiteres Forschungsergebnis: Die Konzentration der Spermien in der Samenflüssigkeit hat in den letzten vierzig Jahren um die Hälfte abgenommen. Diese Information stammt aus einer Meta-Studie, in der Forscher 185 Einzelstudien auswerteten. Sie erschien in der Fachzeitschrift Human Reproduction Update. Zu einer ähnlichen Feststellung gelangt der französische Forscher André Cicolella in seinem Buch Toxique planète („Giftiger Planet“), auf der Basis einer Studie der französischen Gesundheitsbehörden vom Februar 2012. Er wertete die Daten von 26.609 Männern aus, die zwischen 1989 und 2005 in Frankreich medizinischen Beistand bei der Fortpflanzung gesucht haben. Fazit: Bei den 35-jährigen Männern ist die Gesamtzahl der Spermien um 32 Prozent gesunken, die der missgebildeten dagegen gestiegen. „Wenn sich diese Entwicklung im gleichen Tempo fortsetzt, sind wir 2040 bei null angelangt“, stellt André Cicolella fest. Er versteht das zunächst als Warnung, die Tendenz muss sich nicht zwangsläufig fortsetzen. Klar ist jedoch bereits jetzt: Die Unfruchtbarkeit wächst.

Wie viele seiner Kollegen führt Cicolella das vor allem auf die sogenannten „endokrinen Störfaktoren“ zurück. Allgegenwärtige Pestizide, Kosmetika und Plastik sondern Teilchen ab, die wir tagtäglich aufnehmen, durch Berührung, beim Essen und beim Atmen. Ein Beispiel: Bisphenol A, bis 2015 in allen Nahrungsmittelverpackungen in Frankreich enthalten. Cicolella hat den erfolgreichen Kampf für ein Verbot in der Nahrungsmittelindustrie in Frankreich angeführt - In Brillen oder CDs ist es aber bis heute zu finden, in Deutschland ist sogar nur in Babyflaschen verboten. Es gehört zu den Substanzen, die das übliche Verhalten von Hormonen wie Testosteron oder Östrogen verändern.
Dadurch stören sie physiologische Prozesse wie das Wachstum des Fötus, das Stillen oder die Fortpflanzung. Ihre exakten Auswirkungen sind noch nicht klar abzuschätzen. Es ist jedoch erwiesen, dass sie die Fortpflanzung erschweren, indem sie Störungen wie vorzeitige Pubertät, genitale Missbildungen, Endometriose, das Polyzystische Ovar-Syndrom oder Brustkrebs fördern.

Zuletzt geändert am 30. Januar 2018