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Wer war Jean Kréher?

Länder: Frankreich

Tags: Jean Kreher, Buchenwald

Jean Kréher, Jahrgang 1899, war mein Großvater mütterlicherseits. Er starb 1966. Als Rechtsanwalt mit einer Kanzlei mitten im Pariser Intellektuellenviertel Quartier Latin schloss er sich schon im September 1940 dem Widerstand der Intellektuellen gegen die Nazi-Okkupation an. Die Gruppe, der er angehörte, gab sich im Oktober 1940 den Namen „Maintenir“ – „Bewahren“. Sie verfasste unter anderem den verbotenen Aufruf an die Schüler zu einer Demonstration am 11. November 1940 am „Grab des Unbekannten Soldaten“ unter dem Pariser Triumphbogen.

Im April 1944 wurde Jean Kréher in seiner Kanzlei verhaftet. Die Gestapo fand dort Pläne von Eisenbahnlinien, die er anderen Widerstandsgruppen übermitteln sollte. Im August 1944 wurde er via das Durchgangslager Compiègne nach Buchenwald deportiert. Dort wurde er am 21. August unter der Gefangenennummer 81488 registriert, als politischer Gefangener, ausgewiesen durch ein rotes Dreieck.

 

Die französischen Gefangenen, unter ihnen bedeutende Widerstandskämpfer, bilden im Lager das „Komitee zur Wahrung der Französischen Interessen“, eine parteiübergreifende Allianz zwischen Konservativen, Reformatoren, Kommunisten, Christen und Freimaurern.

 

Im Winter 44/45 fügt Jean Kréher Briefpapierblätter, die er den Deutschen gestohlen hat – manche von ihnen tragen auf der Rückseite den Aufdruck „Heil Hitler!“ – zu einem ersten Heft zusammen. Er hält darin die Namen seiner Mitgefangenen fest. Manche sind durchgestrichen: die der in Gefangenschaft verstorbenen Kameraden. Daneben finden sich Skizzen der Helden der Epoche, wie Charlie Chaplin oder die ersten Disney-Figuren, auf der Rückseite auch Adressen von empfehlenswerten Restaurants, die die Gefangenen austauschten oder Kochrezepte: eine Art, das Leben von vorher festzuhalten, um im KZ zu überleben.

 

In den Tagen vor der Befreiung des Lagers wussten die Gefangenen, dass die Frontlinie näher rückte und die Nazis vom Westen her durch die Amerikaner, vom Osten her durch die Russen in die Zange genommen wurden. Zu diesem Zeitpunkt beginnt Jean Kréher ein zweites Heft. Das Papier dafür stiehlt er diesmal in der Rüstungsfabrik, in der die Gefangenen arbeiten – deshalb die Form der Zielscheiben. Nicht wissend, ob er lebend aus dem Lager herauskommen wird, will er um jeden Preis die Botschaften seiner Kameraden für die Zukunft festhalten.  Sie sprechen von unverbrüchlicher Brüderlichkeit, vom Europa, das es aufzubauen gilt, und vom wieder aufzubauenden Deutschland.

 

Jean Kréher gelingt vor der Befreiung des Lagers am 11. April 1945 die Flucht. Nach langer Irrfahrt auf tschechischen und deutschen Straßen wird er schließlich in Bayern vom Roten Kreuz aufgenommen. Im Mai 1945 kann er dann endlich zurück nach Frankreich. Wie alle Heimkehrer lässt er sich im Pariser Hôtel Lutétia registrieren. Meine Großmutter und meine Mutter haben dort auf ihn gewartet, ihn aber nicht wiedererkannt, so sehr hatte ihn das Lager gezeichnet. In der Hausmeisterloge des Gebäudes, in dem sich seine Wohnung und seine Anwaltskanzlei befanden und in dem er ein Jahr zuvor verhaftet worden war, finden sie sich endlich wieder.

 

Nach dem Krieg gehört Jean Kréher dann zu den Gründern des FNDIR - Nationaler Bund der Deportierten und Inhaftierten der Résistance. Der beginnende Kalte Krieg sorgt aber rasch für Differenzen zwischen den Kommunisten und den Gaullisten. Mein Großvater war Antikommunist, vor allem aber ein überzeugter Anhänger der europäischen Idee, so wie sie im Lager hochgehalten wurde. Wie es einer der berühmtesten Gefangenen des Lagers, der spanische Schriftsteller Jorge Semprun, auf den Punkt gebracht hat: „Europa wurde in Buchenwald geboren“.

 

 

Vladimir Vasak, Journalist bei Arte

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016