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Wer hat über den Brexit entschieden?

Länder: Großbritannien

Tags: Christopher Wylie, Brexit, Whistleblower

Das britische Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica soll nicht nur die US-Präsidentschaftswahl beeinflusst haben, sondern auch am Ausgang des Brexit-Votums mitgewirkt haben. Das Unternehmen wertet für kommerzielle Zwecke Millionen Daten von Facebook-Usern aus. Sowohl die britische Datenschutzbehörde, als auch die Wahlkommission haben Ermittlungen eingeleitet.

Im Zentrum der erneuten Enthüllungen stehen zwei Whistleblower: Der ehemalige Forschungsdirektor bei Cambridge Analytica (CA) Chris Wylie und der 22-jährige Shahmir Sanni, der ehrenamtlich für die "Vote Leave"-Kampagne gearbeitet hat. Ihre Aussagen legen nahe, dass - ähnlich wie beim US-Präsidentschaftswahlkampf - ein Datenanalyse-Unternehmen eine entscheidende Rolle bei der "Vote Leave"-Kampagne im Vorfeld des Brexit-Votums gespielt haben könnte.

 

Personalisierte Werbung ging auch an Brexit-Wähler

Um die Bevölkerung vom Austritt aus der Europäischen Union zu überzeugen, hat die "Vote Leave"-Kampagne viel Geld in Werbung investiert. 6,8 Millionen Pfund betrug das Gesamtbudget der Europa-Gegner. Davon ging 40 Prozent an ein kanadisches Unternehmen namens AggregateIQ (AIQ). Das Ziel: potentielle Wähler vom "Leave" überzeugen. 

Die Datenfirma analysiert ähnlich wie Cambridge Analytica im Internet gesammelte Nutzerdaten und arbeitet die Interessen einzelner Gruppen heraus. Ist das geschehen, erhalten die potentiellen Wähler Werbung, die persönlich auf ihre Interessen, Ansichten und Vorlieben zugeschnitten ist und über die Sozialen Netzwerke, wie beispielsweise Facebook, verbreitet wird. Datenanalyse-Unternehmen wie AIQ und CA werben damit, diese gezielte Werbung könne Unentschlossene entscheidend beeinflussen. Sie könnten so bei einem engen Wahlausgang zum Zünglein an der Waage werden. 

 
AIQ brüstet sich mit Brexit

Ohne Zweifel schuldet die "Vote Leave"-Kampagne einen großen Teil ihres Erfolgs der Arbeit von AIQ, ohne sie hätten wir es nicht schaffen können.

Dominic Cummings

Doch war dies auch beim Brexit der Fall? Das untersucht derzeit die britische Wahlkommission. Das Ja zum EU-Austritt konnte sich schließlich nur knapp behaupten. Am 23. Juni 2016 sprachen sich 52 Prozent der Briten für den Brexit aus. Das Unternehmen AIQ brüstete sich auf seiner Internetseite damit, daran erheblich mitgewirkt zu haben. Bis vor kurzem war auf der Webseite der Datenanalysefirma ein Zitat des "Vote Leave"-Wahlkampfleiters Dominic Cummings zu finden: "Ohne Zweifel schuldet die "Vote Leave"-Kampagne einen großen Teil ihres Erfolgs der Arbeit von AIQ, ohne sie hätten wir es nicht schaffen können."
AIQ agiert hierbei nicht nur wie CA, es wird auch eng mit dem britischen Unternehmen in Verbindung gebracht. Whistleblower Wylie gibt an, AIQ sei als "Abteilung" von CA bezeichnet worden. Er selbst sei an der Gründung des kanadischen Unternehmens beteiligt gewesen. Beide Firmen hätten Daten von Usern missbraucht und "arbeiteten Hand in Hand", so der Datenspezialist. Ohne die fragwürdigen Machenschaften sei der Brexit niemals möglich gewesen, so Wylie.

 

Staatliche Wahlkommission ermittelt

Auch die Organisation "Vote Leave" steht in der Kritik. Der Grund: Bei der Kampagne für einen EU-Austritt sei es in Budgetfragen nicht mit rechten Dingen zugegangen. Das jedenfalls behauptet der zweite Whistleblower und ehemalige "Vote Leave"-Aktivist Shahmir Sanni, der vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit ging. Vor dem Votum war er ehrenamtlich für die Jugendkampagne BeLeave tätig, die laut Sanni, eng mit "Vote Leave" zusammengearbeitet hat. Sanni gibt an, "Vote Leave" habe eine an BeLeave gerichtete Spende von 625.000 Pfund direkt für Datenanalysen an AIQ weitergeleitet. Eigentlich hätte das nicht geschehen dürfen, denn die EU-Gegner hatten die gesetzlich vorgeschriebene Ausgabengrenze von 7 Millionen Pfund für politische Wahlkampagnen schon erreicht. Zusätzliche Ausgaben, auch durch nahestehende Aktivistengruppen, wären nicht erlaubt gewesen. 

"Vote Leave" bestreitet alle Vorwürfe. Nun wird sich die britische Wahlkommission mit dem Fall befassen. Sicher ist: Es wird nicht das Ende der gezielten Wahlwerbung sein. Im Herbst wählen die Amerikaner einen neuen Kongress. Rund 600 Millionen Dollar dürften zuvor in digitale Werbung fließen, doppelt so viel wie noch vor vier Jahren.  
 

Zuletzt geändert am 27. März 2018