In wenigen Wochen: eine Stadt (2/6), von Laurent Gaudé

Länder: Irak

Tags: Flüchtlinge, Literatur, Kurdistan

Zweites Kapitel der Reisebeschreibung nach Kawergorsk, im Herzen des kurdischen Nord-Irak.

Als die syrischen Flüchtlinge hier im August 2013 in brütender Hitze ankamen, musste alles sehr schnell gehen. Die kurdischen Behörden öffneten die Grenze, um ihre "Brüder" aufzunehmen. Drei Monate später scheint das Lager gut organisiert; bei näherem Hinsehen merken wir jedoch schnell, dass es sich ständig wandelt. Jeden Morgen geschieht etwas Neues. Anfangs schaffte man Zelte heran und stellte sie so auf, dass die Lastwagen noch durchkamen. Dann bauten die Behörden Strommasten und Toilettenkabinen und rissen die Erde auf, um Abwasserkanäle zu verlegen. Und ein paar Tage und Wochen später stand auf dem Grundstück eine Stadt. 

Wenn man das offensichtliche Elend und die Not einen Moment lang vergisst, kann man mit einiger Faszination dabei zusehen, wie hier in wenigen Monaten eine Stadt entsteht. Es vergeht kein Tag ohne irgendeine Neuerung. Eines Morgens werden gelbe Schubkarren gebracht. Sie stammen von einer norwegischen NGO und sollen beim Transport der Wasserkanister helfen, die täglich am Brunnen aufgefüllt werden müssen. An einem anderen Tag kommt ein Lastwagen mit Kerosin, das am Lagereingang verteilt wird. Es bildet sich eine lange Schlange. Das Kerosin dient als Brennstoff für die kleinen Kocher, die ausgegeben wurden, um die Zelte ein wenig warm zu halten. Dann wieder werden Innenzelte verteilt: Die riesigen weißen Zelte der Flüchtlingshilfe sind für sechs oder sieben Personen gedacht; doch die Familien sind oft zahlreicher und leben in einem einzigen großen Raum. Mit den Innenzelten kann man zwei kleinere Innenräume abteilen und so etwa getrennte Schlafstätten für Eltern und Kinder schaffen.

"Angesichts des allgemeinen Elends fragt niemand mehr nach Mitgift oder sozialer Herkunft."

 

Verblüfft entdecken wir an der Hauptstraße des Lagers ein Zelt, in dem Hochzeitskleider vermietet werden. Zwei Modelle sind an Bügeln ausgestellt. Wir fragen, ob hier denn geheiratet werde, und der Inhaber des Geschäftes bejaht. Für die jungen Leute sei es hier sogar einfacher, einen Partner zu finden! Alle leben auf engstem Raum. Die Tage sind lang. Und angesichts des allgemeinen Elends fragt niemand mehr nach Mitgift oder sozialer Herkunft. Alle Familien sind gleich – das mache die Begegnungen umso spontaner...

Auch gestorben wird in Kawergosk. Bis jetzt hat es unseres Wissens nach nur wenige getroffen. Man erzählt uns von einer Frau, die an einem Herzinfarkt starb. Ihre Familie, die in Syrien geblieben war, konnte per Telefon erreicht werden. Man vereinbarte einen Termin und brachte die Leiche bis an die Grenze, wo man sie der Familie übergab. Man stelle sich diese Heimreise vor, im eisig kalten Dezember. Und wieder ging es über die Grenze... diesmal jedoch in anderer Richtung. Leider werden in Kawergosk weitere Menschen sterben, und nicht immer wird man ihre Familien erreichen. Irgendwann wird die Stadt sicher einen Friedhof bekommen.

Ja, Kawergosk ist eine Stadt – aber nicht irgendeine. Es ist eine Stadt am Tropf, in der die Menschen täglich auf die Lastwagen warten, die ihre Brunnen mit Wasser füllen. Eine bunte Stadt, in der Leute, die sich sonst nie begegnet wären, plötzlich Nachbarn sind. So sagt es der junge Khaled, als ich ihn frage, was er aus dieser Prüfung gelernt hat. Khaled war Webdesigner in Damas. An seiner Kleidung und seiner Ausdrucksweise erkenne ich, dass er zu einer wohlhabenderen Schicht gehörte. Er gibt zu, dass der wahre Schock für ihn darin lag, plötzlich inmitten "all dieser Menschen zu sein, mit kleinen Betrügern ebenso wie ehrlichen Leuten" –  und zu begreifen, "dass sie alle gleich sind". Denn sie sitzen alle in einem Boot, teilen dieselben Wünsche und Ängste und denselben Selbsterhaltungstrieb. Eine Stadt also mit Menschen, die Nachbarn sind und einander bis in die intimsten Bereiche kennen; die fest zusammenhalten, obwohl sie einander sonst nie begegnet wären und in den Straßen von Damas wohl nie einen Blick gewechselt hätten. Eine seltsame Stadt, in der die Zeit stillsteht und die eingeschlossenen Bewohner faktisch auf einer Stufe stehen, auf der des Elends. Sie erinnert an utopische Stadtexperimente, an Charles Fouriers Idealstadt und die Salinen von Claude-Nicolas Ledoux, nur andersherum. Das Lager als urbanes Höllenexperiment. Das Lager als Abbild eines Lebens zwischen Bedürfnissen und Dringlichkeit. Eine gut organisierte Stadt; ruhig, aber resigniert.