Wem gehört Europa?

Länder: Europäische Union

Tags: Eigentümer, Großbauern, Ackerland, Immobilien

Immer weniger Menschen besitzen immer mehr Grund und Boden in Europa. Eine bedenkliche Entwicklung, denn diese Wenigen können die Preise bestimmen. Junge Menschen, die gerade erst anfangen Geld zu verdienen, haben dann eher geringe Chancen, ein Stückchen Land oder eine Immobilie zur Selbstverwirklichung zu erwerben. Doch dagegen regt sich Widerstand – sowohl in den Städten als auch auf dem Land.

Samstag, 16. Mai

14:00

Yourope

Wem gehört Europa?

Ob Wälder, Straßen, Felder oder Gebäude – alles hat seinen Wert und seinen Eigentümer. Gerade in Krisenzeiten ziehen Immobilien und Grundstücke als Sachwerte wieder Aufmerksamkeit auf sich. Doch wenn man über Eigentum spricht, stellt sich automatisch auch die Frage nach Gerechtigkeit.

 

 

Etwa die Hälfte der gesamten EU-Agrarfläche wird von Großgrundbesitzern kontrolliert

Ein eigenes Fleckchen Erde für Ackerbau und Viehzucht? Eine eigene kleine Farm? Für junge Menschen in Europa wird es immer aussichtsloser, sich derartige Immobilien anzuschaffen. Zum einen schrumpft Europas Agrarfläche zugunsten von Straßen und wachsenden Städten. Zum anderen werden Kleinbauern und kleinbäuerliche Strukturen von den "Großen" verdrängt: von internationalen Konzernen und Großbauern, die immer mehr Fläche zur landwirtschaftlichen Nutzung konzentrieren. Etwa die Hälfte der gesamten EU-Agrarfläche wird inzwischen von Großgrundbesitzern kontrolliert. Demgegenüber besitzen oder pachten kleine Bauernhöfe (kleiner als zwei Hektar) nur zwei Prozent der Fläche. Zwischen 2000 und 2010 hat sich die Zahl kleiner Betriebe in der EU um 28 Prozent verringert und sie sinkt weiter.

 

Der Faktencheck

 

Yourope MDR5  faktencheck

Überblick :

 

Frankreich: Terre de Liens hilft jungen Kleinbauern, ihr eigenes Land zu bestellen

Russland: Noch nie war Ackerland so begehrt wie heute

Deutschland: Kollektives Eigentum gegen Immobilienspekulation – das Mietshäuser-Syndikat macht’s möglich

Rumänien: Wald-Eigentümer aus Idealismus

 

 

 

Frankreich: Terre de Liens hilft jungen Kleinbauern, ihr eigenes Land zu bestellen

 

Auch in Frankreich gibt es diese Entwicklung: Waren 1955 noch 80 Prozent der französischen Bauernhöfe kleiner als 20 Hektar, beträgt ihre Durchschnittsgröße heute bereits 80 Hektar – viermal mehr als vor 60 Jahren. Junge Kleinbauern oder jene, die es werden wollen, können in diesem Wettbewerb finanziell nicht mithalten. Die französische NGO Terre de Liens hilft ihnen, den Traum vom eigenen Bauernhof dennoch zu verwirklichen. 2.300 Hektar Land hat die Organisation bereits gekauft, um sie günstig an junge Kleinbauern zu verpachten. So wollen sie wieder mehr Vielfalt in die landwirtschaftlichen Strukturen bringen.

Reportage

 

Yourope MDR5  ONG France

Russland: Noch nie war Ackerland so begehrt wie heute

 

Die Weltbevölkerung wächst, der Bedarf an Lebensmitteln steigt, aber die landwirtschaftliche Nutzfläche nimmt weltweit ab, das heißt, dass die Preise für Ackerland immer weiter steigen. In der Hoffnung auf satte Gewinne investieren Anleger deshalb immer öfter in ein Stück Land. Konzerne, Kapitalfonds und Regierungen kaufen oder pachten in anderen Ländern Bodenflächen, um sie zu bewirtschaften und sich Zugänge zu knappen Ressourcen zu sichern oder um einfach damit zu spekulieren.

Bevölkerungsreiche Länder wie China sorgen mit dem Kauf von Agrarland darüber hinaus auch für die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung. Mittlerweile schauen sich die Chinesen aber nicht nur in Süd-Ost-Asien oder Afrika um. Auch in Europa gewinnen sie an Boden. Zum Beispiel in Bulgarien, besonders aber in Russland. Von 1992 bis 1998 schrumpfte Russlands Agrarproduktion um rund 40 Prozent. Viele Kolchosen sind inzwischen verlassen, das Land liegt brach. Chinesische Großinvestoren pachten dieses Ackerland günstig und produzieren mit chinesischen Arbeitern Gemüse für den russischen Markt.

 

 

agriculteur chinois en russie

Chinesischer Gastarbeiter in Russland, Tomatenplantage

 

 

Chinesische Gemüseplantagen wie diese schießen in Russland derzeit wie Pilze aus dem Boden. Tausende Hektar sind von solchen Anlagen bereits bedeckt. Monokulturen, auf mehrere Ernten im Jahr ausgelegt. Die Produkte sind konkurrenzlos günstig und in Zeiten des Importboykotts europäischer Lebensmittel gefragter denn je.

Eigentümer dieser Flächen sind meist russische Privatinvestoren, die bankrotte Kolchosen als Geldanlage nutzen. In den chinesischen Großunternehmern finden sie dankbare Pächter.

 

kolkhoze abandon

Verfallene Kolchose 100 Kilometer westlich von Moskau

 

 

Reportage

 

Yourope MDR5 Terres Russie

Deutschland: Kollektives Eigentum gegen Immobilienspekulation – das Mietshäuser Syndikat macht’s möglich

 

Nicht nur die Preise von Ackerflächen klettern stetig nach oben, in den Großstädten steigen die Kaufpreise für Wohneigentum in Höhen, die sich vor allem junge Menschen kaum noch leisten können. Besonders rasant ist der Anstieg in Deutschlands Hauptstadt Berlin: Für eine Eigentumswohnung zahlt man heute pro Quadratmeter fast 13 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Und auch die Mieten sind auf Rekordniveau.

 

berlin immeuble

 

Bezahlbarer Wohnraum ist rar wie nie. Dagegen wehrt sich das Mietshäuser-Syndikat mit einer pfiffigen Idee: Viele junge Menschen tun sich zusammen, um den Erwerb eines Hauses zu finanzieren, das sie dann aber nie wieder verkaufen werden. Das Ergebnis: Das Haus gehört allen, die drin wohnen, wird aber dem Immobilienmarkt entzogen. Auf diese Weise wird der Immobilienspekulation der Kampf angesagt und die Wohnkosten im Haus bleiben auch für spätere Mieter weiter günstig und stabil.

Reportage

 

Yourope MDR5 Immeuble Berlin

 

Natürliche Ressourcen sind beispielsweise in großen Teilen in Staatsbesitz. Aber eben nicht ganz und das kann verheerende Folgen für die Natur haben – wie zum Beispiel in Rumänien.

 

 

Rumänien: Wald-Eigentümer aus Idealismus

 

Während des Kommunismus wurde fast der gesamte Wald Rumäniens verstaatlicht. Nach der kommunistischen Diktatur begann man mit langwierigen und komplizierten Rückübertragungen an die ursprünglichen Eigentümer oder deren Nachfahren. Heute ist etwa die Hälfte des rumänischen Waldes in privater Hand. Darunter auch Urwald mit jahrhundertealten Bäumen.

Doch statt den Wald zu schützen, versilbern ihn manche Eigentümer, indem sie an Großinvestoren weiterverkaufen oder verpachten. Die wiederum holzen ab, was abzuholzen geht. Täglich verschwinden in den Karpaten Flächen, so groß wie zwei Fußballfelder. Was also tun, um die Waldzerstörung zu stoppen? Am besten den Wald selber kaufen, um ihn zu bewahren oder wieder aufzuforsten. Das dachten sich auch einige Umweltaktivisten.

 

Reportage

 

Yourope MDR5  Carpates

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016