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Welche Strategie im Kampf gegen Boko Haram?

Länder: Nigeria

Tags: ia, Tschad, Afrikanische Union

Seit Jahren verbreitet die Terrorgruppe Boko Haram im Nordosten Nigerias Angst und Schrecken. 13.000 Menschen haben sie seit 2009 ermordet, etwa 1,5 Millionen Menschen mussten vor ihnen fliehen. In den letzten Monaten haben ihre Übergriffe ein neues Ausmaß der Gewalt erreicht. Die nigerianische Armee scheint machtlos. Ihr gelingt es nicht, die Terroristen zurückzudrängen. Seit einiger Zeit greifen die Aktionen von Boko Haram auch in die Nachbarstaaten Nigerias über.

 

 

Ende Januar hat die Afrikanische Union reagiert und die Entsendung einer Eingreiftruppe von 7500 Mann beschlossen. Details des Einsatzes sollen in den kommenden Wochen geklärt werden.

Nigerias Nachbarland Tschad hat unterdessen bereits gehandelt und Truppen in die Grenzregion geschickt. Diesen ist bereits ein Schlag gegen Boko Haram gelungen. Am dritten Februar haben die Terroristen aus der nigerianischen Grenzstadt Gamboru vertrieben. Am Tag darauf drängten Soldaten des Tschad und des Kamerun einen Gegenschlag der Terroristen auf die Nachbarstadt Fotokol im Kamerun zurück.

ARTE Journal hat die Afrika-Experten Carlos Koos vom Leibniz Institut für globale und regionale Studien und Philippe Hugon vom französischen "Institut de Relations Internationales et Stratégiques" zu dem Konflikt und den Chancen gegen Boko Haram befragt.

 

ARTE Journal: Wie kann man Boko Haram bekämpfen?

 

Carlo Koos

Carlo Koos: Boko Haram existiert schon seit den frühen 2000er Jahren. Zunächst war es eine friedliche, religiöse Gruppe, die sich gegen Benachteiligungen der Bevölkerung eingesetzt hat. Gegen Mitte, Ende der 2000er haben sich die Kämpfer dann radikalisiert und zu einer Terrororganisation entwickelt. Es wäre natürlich schon viel früher nötig gewesen, die Lebensumstände im Norden Nigerias zu verbessern und der Bevölkerung eine sozioökonomische Perspektive zu geben, dafür ist es jetzt aber zu spät. Die Organisation hat ein Eigenleben entwickelt und würde sich heute vermutlich nicht mehr mit einer politischen Einbindung zufrieden geben. Daher ist ein militärisches Eingreifen im Moment auf jeden Fall notwendig. Die nigerianische Armee, eine für afrikanische Verhältnisse recht gut ausgebildete und gut ausgerüstete Armee, ist schon länger im Nordosten stationiert mit der Aufgabe Boko Haram zu bekämpfen.

 

Warum ist die nigerianische Armee dennoch so machtlos?

 

Die Armee ist bis in die hohen Ränge hinauf sehr korrupt, manche haben sogar Verbindungen zu Boko Haram.

Philippe Hugon - 05/02/2015

Philippe Hugon: Das hat mehrere Gründe. Die Armee ist bis in die hohen Ränge hinauf sehr korrupt, manche haben sogar Verbindungen zu Boko Haram. Anfänglich haben sie ihnen anfänglich Waffen geliefert. Die Armee operiert auf einem Terrain, das sie nicht gut kennt. Außerdem hat sie keine Waffen gegen sehr mobile Bewegungen, denen es gelingt, sich in die Bevölkerung zu infiltrieren und sogar manchmal deren Unterstützung zu erlangen, vor allem von der Volksgruppe der Kanouri, der mehrheitlich die Boko Haram-Kämpfer angehören. Die Armee beschränkt sich darauf, gewaltsam gegen die Bevölkerung vorzugehen, sie ist sehr unbeliebt geworden.

 

Carlo Koss: Dazu kann ich Ihnen nur Vermutungen geben. Nigeria ist ein großes Land und die Kontrolle des Staates im Nordosten ist nicht so stark, sowohl was die Legitimität des Staates betrifft als auch im Bezug auf sein Gewaltmonopol. Boko Haram füllt dieses Legitimations- und Machvakuum in Nigerias Randprovinzen aus. Die Mittel Boko Haram auf so einer Fläche verfolgen zu können, sind relativ begrenzt. Durch die sehr brüchigen Grenzverläufe zum Niger und zu Kamerun können sich die bewaffneten Gruppen leicht bewegen und das macht es für die Armee schwierig, die Gruppe nachhaltig zu bekämpfen. Das Militär wäre dazu auf Informationsunterstützung aus der lokalen Bevölkerung angewiesen. Aber durch Menschrechtsverletzungen, die die nigerianische Armee an der Bevölkerung immer wieder begangen hat, haben sie das Vertrauen der Bevölkerung zerstört und können nicht auf deren Hilfe zählen.

 

Boko Haram FR

 

Wie sehen Sie die Erfolgschancen einer Eingreiftruppe, die die Afrikanische Union vor Kurzem beschlossen hat?

 

Sollten diese 7500 Mann aber tatsächlich zum Einsatz kommen, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sehr viel Einfluss auf die Bekämpfung von Boko Haram hätten. 

Carlo Koos - 05/02/2015

Carlo Koos: Die Afrikanische Union ist ein sehr träges Konstrukt mit wenig Finanzmittel und sie ist auch nicht wirklich gut ausgestattet. Die erste Frage, die sich stellt ist, wann eine solche Truppe kommen würde. Sollten diese 7500 Mann aber tatsächlich zum Einsatz kommen, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sehr viel Einfluss auf die Bekämpfung von Boko Haram hätten. Denn sie sprechen die lokalen Sprachen nicht und werden Schwierigkeiten haben, sich mit der Bevölkerung zu verständigen. Auch bei früheren Einsätzen konnte die Afrikanische Union in der Regel keine besonders großen Erfolge verzeichnen. Eine Kooperation mit den Nachbarstaaten Nigerias hätte mehr Sinn.

 

Philippe Hugon, chercheur à l’Iris et spécialiste de l’Afrique

Philippe Hugon: Zuerst muss die Eingreiftruppe finanziert werden. Sicherlich von den Vereinten Nationen und das braucht Zeit. Die Afrikanische Union hat sich zwar geeinigt, aber die Schwierigkeit wird sein, diese Einigung umzusetzen.

 

 

Das heißt militärisches Eingreifen, wie es der Tschad seit ein paar Tagen macht?

 

Carlo Koos: Ja, eine regionale Initiative ist sehr wichtig, vor allem weil, die Region zwischen dem Nordosten Nigerias, dem Niger, dem Tschad und Kamerun sehr durchlässig ist. Außerdem können die Truppen dieser Nachbarstaaten unter lokalen Bedingungen arbeiten und sich mit der Bevölkerung verständigen. Allerdings kann ich mir schwer vorstellen, dass die kamerunische und tschadische Armee tiefe Vorstöße nach Nigeria machen werden. Der Hauptaspekt wird eher sein, koordiniert dagegen vorzugehen, dass Boko Haram in den Grenzstaaten keinen Rückzugsraum findet.

 

Wie stehen die Chancen des Tschad in diesem Kampf? 

 

Der Tschad stellt eine der mächtigsten Armeen Afrikas, der Staat ist direkt von der Bedrohung Boko Haram betroffen. 

Philippe Hugon - 05/02/2015

Philippe Hugon: Der Tschad stellt eine der mächtigsten Armeen Afrikas, der Staat ist direkt von der Bedrohung Boko Haram betroffen. N’Djamena ist weniger als 200 Kilometer von den Zonen entfernt, die unter der Kontrolle von Boko Haram sind. Sie befürchten auch einen Zusammenschluss zwischen Boko Haram und den Seleka-Milizen in Zentralafrika. Daher haben sie sich stark mobilisiert. Teile der Gebiete von Boko Haram haben sie bereits zurückerobert, aber mit etwa 3000 Soldaten der afrikanischen Truppen gegenüber 8.000 bis 30.000 Soldaten,  die ihnen Experten zufolge gegenüberstehen, sind sie zahlenmäßig unterlegen.

 

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass sich die Truppen des Tschad dauerhaft in Nigeria stationieren?

 

Philippe Hugon: Nigeria ist sehr wachsam, was seine nationale Souveränität betrifft. Sie haben das Eingreifen der Truppen aus Nachbarstaaten zugestimmt, aber die Frage, ob diese Truppen länger vor Ort bleiben, kann sich erst nach den Wahlen stellen. 

 

Wie deuten Sie Nigerias anfängliche Vorbehalte gegenüber einem Eingreifen der tschadischen Truppen in ihrem Staatsgebiet?

 

Carlo Koos: Das ist eine ganz natürliche Haltung, da geht es um ein Souveränitätsverständnis. Jeder souveräne Staat der Welt hat was dagegen, wenn eine fremde Armee einmarschiert. Da wurde sicher internationaler Druck ausgeübt, um so eine lokale Aktion zu starten.

 

Hat sich die Zusammenarbeit zwischen den Staaten in der Region verbessert?

 

Die regionale Zusammenarbeit macht Fortschritte, aber die militärischen Mittel variieren stark, im Bezug auf ihre Kompetenzen, Technik und Organisation.

Philippe Hugon - 05/02/2015

Philippe Hugon: Ja, selbst wenn sehr große Rivalitäten, vor allem zwischen Nigeria und dem Kamerun bestehen bleiben. Die regionale Zusammenarbeit macht Fortschritte, aber die militärischen Mittel variieren stark, im Bezug auf ihre Kompetenzen, Technik und Organisation. Sie brauchen auf jeden Fall logistische Unterstützung, die nur westliche Staaten wie die USA oder Frankreich liefern könnten.  

 

Wie müssen Nigeria und die Nachbarstaaten also vorgehen?

 

Carlo Koos: Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass das eine Sache ist, die sich in den nächsten Monaten oder sogar in den nächsten ein bis zwei Jahren befrieden ließe. Der Zug ist abgefahren. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Boko Haram nicht unabhängig agiert, sondern finanziell und moralisch von Al-Kaida im Maghreb unterstützt wird und moralisch auch von der Terrormiliz IS. Ich glaube langfristig wird es auf einen Mix verschiedener Strategien ankommen. Die Lebensumstände der Bevölkerung im Nordosten des Landes müssen eklatant verbessert werden, es müssen Anreize für nicht komplett radikalisierte Kämpfer geschaffen werden, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren und die am stärksten radikalisierten Truppenteile können wirklich nur militärisch bekämpft werden, durch ein kooperatives Vorgehen zwischen den Nachbarstaaten. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016