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Welche Gefahren gibt es weltweit?

Länder: Welt

Tags: Chemiewaffen, Terrorismus

Die Welt hat noch lange nicht mit dem Thema Chemiewaffen abgeschlossen, obwohl diese manchmal fälschlicherweise als Geister der Vergangenheit betrachtet werden. Die tragischen Auswirkungen ihres Einsatzes für Böden und Meere weltweit sind eine große ökologische Belastung für die heutige und die zukünftige Weltbevölkerung. Aber die größte Gefahr bergen vielleicht der Fortschritt der Wissenschaft und die Bedrohung durch Terrororganisationen.

Die Kapitel: 

- Eine auf Generationen gezeichnete Umwelt

- Wohin mit den Abfällen des Krieges?

- Die Bedrohung durch Terrororganisationen

 

 
Eine auf Generationen gezeichnete Umwelt 

Dr. Paul Walker ist Direktor des Programms für Umweltsicherheit und nachhaltige Entwicklung der von Michail Gorbatschow gegründeten Umweltorganisation Internationales Grünes Kreuz (Green Cross International). Für den  Chemiewaffenexperten, der ein großer Verfechter der Abrüstung von Massenvernichtungswaffen ist, hinterlässt der chemische Aufrüstungswettlauf ein wahrhaft vergiftetes Erbe. 

Paul Walker : l'héritage empoisonné des armes chimiques
Die Meere und Ozeane

Laut einem Bericht von Dr. Paul Walker ("Assessing the Dangers and Removal of Sea-Dumped Munitions and other Hazardous Debris") wurden zwischen 1946 und 1965 300.000 Tonnen chemischer und biologischer Substanzen in die Weltmeere geworfen. Diese giftigen Munitionen werden zwar momentan gesichert, sie werden aber voraussichtlich nie ganz aus den Meeren gefischt werden können.

@nderswo im Netz: 

1. Das James Monterey Institute hat eine Karte veröffentlicht, auf der die in das Meer geworfenen chemischen Waffen verzeichnet sind und die eine Vorstellung von der Größenordnung des Problems gibt. 

2. Das Middlebury Institute of International Studies in Monterey hat ein Video veröffentlicht.

3. "Versenktes Gift", ein Dokumentarfilm von ARTE (2014): Hier in der französischen Version als VoD zu leihen oder zu kaufen, ein begleitendes Internetdossier gibt es hier auf Deutsch.

Die Böden und die Erde

Auf der Welt wurden durch den Einsatz chemischer Waffen bereits einige Landstriche vollständig verseucht, wie zum Beispiel die sogenannte Rote Zone (832 km2) rund um Verdun während des Ersten Weltkrieges. Die genauen Standorte der Abwürfe, wo heute die giftigen Blindgänger liegen, wurden vom französischen Staat aber als geheim klassifiziert, mit der offiziellen Begründung, Sammler abhalten zu wollen.  

Die französische Umweltgruppe "Robin des Bois" hat angefangen, eine Bestandsaufnahme aller Kriegsabfälle auf französischem Grund und Boden zu erstellen, besonders im Nordosten des Landes. Es ist das schwere und giftige Erbe von drei Kriegen, die in diesem Teil Frankreichs gewütet haben. Zwischen 2008 und 2011 hat die Gruppe 566 Munitionsfunde verzeichnet. Hier ein Auszug aus ihrem Forschungsbericht:  

Im Norden und Osten Frankreichs wurden zwischen 1914 und 1918 eine Milliarde Granaten aller Kaliber verschossen, die 15 Millionen Tonnen Metall entsprechen. Ein Viertel dieser Granaten ist nicht explodiert, 6% von ihnen enthalten Giftgas.

Die Umweltgruppe "Robin des Bois"

"Die französischen Regionen Nord-Pas-de-Calais, Lothringen, Champagne-Ardenne, Ile-de-France, Picardie, Elsass und Franche-Comté sind Gebiete, die während der Kriege belagert waren. Im Norden und Osten Frankreichs wurden zwischen 1914 und 1918 eine Milliarde Granaten aller Kaliber verschossen, die 15 Millionen Tonnen Metall entsprechen. Ein Viertel dieser Granaten ist nicht explodiert, 6% von ihnen enthalten Giftgas. Im Zweiten Weltkrieg wurden 1700 französische Gemeinden bombardiert. 14% der englischen Bomben und 16% der deutschen Bomben sind nie explodiert und die meisten haben sich bis zu vier Meter tief in den Boden gebohrt, 20% bis zu sechs Meter tief, 10% bis zu sieben Meter tief. 1% dieser Blindgänger liegt heute in einer Tiefe von mehr als neun Metern. In den Böden, Kellern, Flüssen, Seen, Kanälen und im Grundwasser sammeln sich deren toxische Schadstoffe an. Diese stellen weiterhin eine Gefahr dar. 

In diesen sieben Regionen Nord- und Ostfrankreichs leben und arbeiten 25 Millionen Menschen Seite an Seite mit diesen Blindgängern in einem Gebiet, das von Bombenkratern, Granattrichtern, Minenkratern und Schützengräben völlig entstellt wurde.

Die Zuckerfabrikanten der Region ernten jedes Jahr gemeinsam mit den Zuckerrüben hunderte von Blindgängern, alte Granaten, Raketen und Patronenhülsen.“ 

 Einen Artikel über die Arbeit der Umweltorganisation finden Sie hier

 

Wohin mit den Abfällen des Krieges?

Das Projekt SECOIA: Frankreich liegt weit zurück, was die Vernichtung von den auf seinem Territorium gefundenen Chemiewaffen, die vor 1946 dort abgeworfen wurden, betrifft. Bis 1994 wurden die Chemiewaffen in Frankreich einfach auf dem Meer zur Explosion gebracht, in der Somme-Bucht. Aber seit der Unterzeichnung der Chemiewaffenkonvention 1997 muss der Abrüstungsprozess nach umweltfreundlichen Maßstäben erfolgen.

Nachdem es jahrelang hinausgezögert wurde, sollen nun ab 2016 im Rahmen des SECOIA-Programms (von französisch: Site d'Elimination de Chargement d'Objets Identifiés Anciens) endlich insgesamt 267 Tonnen Munition aus dem Ersten Weltkrieg zerstört werden, was ungefähr 18.000 Granaten entspricht. Alle in Frankreich gefundenen Blindgänger, um die 20-25 Tonnen jährlich, werden auf einem Militärgelände bei Suippes im Département Marne gelagert. Dort gibt es ein abgesichertes Depot, das ursprünglich für nukleare Abfälle gebaut worden war und heute entmilitarisiert ist. 

Bei 42 Tonnen vernichteter Munitionsbestände, die im Rahmen des SECOIA-Projekts  jährlich beseitigt werden sollen, wird es also zehn bis zwölf Jahre dauern, das Zwischenlager abzubauen.

Pierre-Yves Channaux,
Leiter der Koordinierungsstelle für 
chemische Munition (C4)

Seit September 2012 hat dort die Koordinierungsstelle für chemische Munition (C4) eine mobile Einheit für Abrüstung (UMD) aufgebaut, die vor Ort chemische Waffen entschärfen kann und somit die große Aufgabe der Zerstörung der Chemiewaffen angehen kann, allerdings in einem verhältnismäßig langsamen Tempo.

2013 konnte die UMD nur 117 Munitionen neutralisieren. Im kommenden Jahr soll nun endlich das SECOIA-Projekt im Lager von Mailly die Arbeit aufnehmen, 70 Kilometer von dem Zwischenlager bei Suippes entfernt. Dazu muss der zwischengelagerte toxische Munitionsbestand überführt werden. Geplant sind 135 Transportfahrten jährlich in vier gepanzerten Lastwagen.

"Bei 42 Tonnen vernichteter Munitionsbestände, die im Rahmen des SECOIA-Projekts  jährlich beseitigt werden sollen, wird es also zehn bis zwölf Jahre dauern, das Zwischenlager abzubauen. Denn man muss auch die jährlichen Neuentdeckungen einberechnen", erklärt der Leiter der C4-Koordinierungsstelle Pierre-Yves Channaux in einem Artikel der französischen Zeitung "L'Union"

 

Die Behörden wollen natürlich sicherstellen, dass all dies unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen geschieht. Aber die Bewohner der Region beobachten diese Transporte sehr genau. Jean-Raymond Egon, der Bürgermeister von Suippes, spricht in einem Interview mit der Regisseurin Fabienne Lips-Dumas über die sogenannte „Vimy-Affäre“. 2001 wurden 55 Tonnen chemischer Waffen, die bis dahin unter freiem Himmel gelagert waren, mit höchster Dringlichkeit nach Suippes abtransportiert, denn sie befanden sich bereits in einem fortgeschrittenen Verfallsstadium. Dafür wurden 12.500 Menschen aus der Gegend um Suippes für einige Tage umgesiedelt: "Vimy hat die Angst, was den Transport der chemischen Munitionsbestände betrifft, angeschürt. Denn damals haben wir diese chemischen Munitionsabfälle bei uns ankommen sehen. Dabei wurde viel Aufmerksamkeit erregt, es war fast wie Werbung, für den Konvoi zum Beispiel die Autobahn komplett zu sperren. Alle haben sich gefragt, was da bei uns passiert. Heute kommen die chemischen Munitionsbestände regelmäßig bei uns in Suippes an. Es gibt aber keine gesperrten Straßen mehr und keine speziell ausgezeichneten Sondertransporte. Das ist meiner Meinung nach wesentlich beruhigender. Man hätte im Vorfeld mehr darüber sprechen müssen, die Bevölkerung besser informieren müssen. Ab dem Zeitpunkt, ab dem ich weiß, dass diese toxischen Waffen gesichert und richtig gelagert werden, weiß ich auch, dass für mich und die Einwohner hier keine Gefahr besteht."

 

Trotz dieser offen zu Tage getragenen Zuversicht des Bürgermeisters sorgt die Entscheidung, Munitionsbestände umzulagern nicht immer und überall für Zustimmung. In den Vereinigten Staaten gab es am Rande solcher Transporte mehrere schwere Zwischenfälle: 2005 zum Beispiel wurden durch die Entgleisung eines Güterzuges in der Nähe einer kleinen Stadt in North Carolina 60 Tonnen Chlor freigesetzt. Der Unfall führte dazu, dass neun Menschen starben, 250 weitere wurden verletzt.

 

@ndersowo im Netz:

1. Laut Angaben der US-Umweltschutzbehörde bedrohen rund 12.000 Chemieanlagen in den Vereinigten Staaten mehr als eine Millionen Menschen, die in unmittelbarer Nähe dieser Anlagen leben: Mother Jones : Map: Is There a Risky Chemical Plant Near You?  Aufgrund dieser Erkenntnis wurde eine Bürgervereinigung gegründet, mit dem Ziel, die Öffentlichkeit zu warnen und die Politiker mit dem Problem zu konfrontieren: 

2. Lesen Sie auch das Interview mit Daniel Froment in der Zeitung „Le Nouvel Observateur“ (auf französisch). Froment ist ein bekannter Militäringenieur, der die französische Politik in Bezug auf chemische Waffentests mitbestimmte und bei den internationalen Verhandlungen zu verschiedenen politischen Krisen dabei war. Er erklärt auch, woher die Abkürzung SECOIA eigentlich kommt.

 

 

Die Bedrohung durch Terrororganisationen

Andrew Weber war von 2009 bis 2014 Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium und zuständig für nukleare, chemische und biologische Verteidigungsprogramme. Er kennt die geopolitischen Fragen im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen und spricht über die Risiken, die Terrororganisationen für die  internationale Sicherheit in diesem Bereich darstellen.  

Andrew Weber : les dangers des armes chimiques

 

Das Mandat der Organisation für das Verbot chemischer Waffen weist einige Mängel auf, auf die Spezialisten regelmäßig hinweisen. Besonders besorgt sie die Tatsache, dass nur die Aktivitäten von offiziellen Staaten überwacht werden und nicht die von nichtstaatlichen Organisationen wie Sekten oder terroristischen Gruppen. Der Krieg, der momentan in der Ukraine tobt, sowie das brutale Auftreten der Terrormiliz  „Islamischer Staat“ sind Konflikte, die jenseits von Sicherheitsvorschriften und internationalem Recht geführt werden. Sie haben diese Problematik wieder neu aufgezeigt.

Ende Januar haben die amerikanischen Geheimdienste den Tod von Abu Malik durch einen Luftangriff der internationalen Koalition gegen die Dschihadistenmiliz IS im Irak verkündet.  Abu Malik war ein Experte der Terrororganisation für chemische Waffen. Nach der Arbeit in der Chemiewaffenfabrik Al-Muthanna von Saddam Hussein, schloss er sich nach dessen Sturz 2005 dem Terrornetzwerk al-Qaida an und stieß schließlich zur IS-Miliz. Er wurde anscheinend getötet, bevor er sein technologisches Fachwissen in den Dienst des Terrorismus stellen konnte. Dennoch wird der IS verdächtigt, Chlorin gegen die irakische Armee und die Kurden eingesetzt zu haben. Letztere hatten die Internationale Gemeinschaft bereits im letzten Herbst alarmiert.

Alle Geheimdienste weltweit wissen, dass Terroristen seit Jahren versuchen, sich chemische Waffen anzueignen. Die Risiken sind vielfältig: es könnte ihnen zum Beispiel gelingen, große Mengen an toxischen Stoffen zu entwickeln oder aber auch Gebiete zu besetzen, an denen alte chemische Waffen gelagert werden. Zum Beispiel sind die Restbestände des Chemiewaffenarsenals von Saddam Hussein, die in den Bunkern 13 und 41 in der Chemiewaffenfabrik Al-Muthanna liegen, noch intakt. Ihre Abrüstung ist wegen der unruhigen Sicherheitslage in der Region schwer in Rückstand geraten. Die irakischen Behörden können außerdem keine detaillierte Übersicht darüber geben, was sich überhaupt in diesen Bunkern befindet. Der Grund: wichtige offizielle Dokumente sind in den Archiven der Vereinten Nationen in New York noch bis 2038 oder 2068 unter Verschluss.

Eine chemische Waffe ist genau die Waffe, die eine terroristische Gruppierung wählen würde. Denn sie tötet schnell und ohne Unterschiede zu machen, ihr Einsatz würde eine Massenpanik auslösen und ein breites Medienecho hervorrufen. 1988 beschrieb der damalige iranische Parlamentspräsident Hashemi Rafsanjani chemische und biologische Waffen als die "Atombombe der Armen"

Natürlich könnte nicht jede kleine Gruppierung einen Angriff von großem Ausmaß koordinieren. Aber Spezialisten sind sich einig, dass schon ein kleines Team von erfahrenen Chemikern mit einigen Tausend bis einigen Millionen Dollar, eine ausreichende Menge an Gas herstellen könnte, denn Giftgas ist einfach zu fabrizieren und zu handhaben.

Der Aum-Sekte, die für die Giftgasattacken in Japan 1994 in Matsumoto (südlich von Nagano) und 1995 in der Tokioter U-Bahn mit 19 Toten und 6.000 Verletzten verantwortlich ist, gelang es zum Beispiel, sich mit nur 30 Millionen Dollar über Scheinfirmen das Material zu besorgen, gut ausgestattete Labore zu bauen und so mehrere hundert Tonnen von insgesamt 40 verschiedenen Chemikalien herzustellen.

Wenn das Potential des Materials voll ausgeschöpft worden wäre, hätte die Sekte laut einer Schätzung sogar 50 Tonnen chemischer Waffen produzieren können und damit 4,2 Millionen Menschen töten können. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016