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Welche Auswirkungen hat der Bruch zwischen Riad und Teheran für den Nahen Osten?

Länder: Iran, Saudi-Arabien

Tags: Schiiten, Sunniten, Diplomatie

Nach der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen al-Nimr durch das wahabbitische Königshaus Saudi-Arabiens, droht die Lage zwischen Saudi-Arabien und dem Iran zu eskalieren. Während sich die beiden rivalisierenden Großmächte bisher indirekt auf Kriegsschauplätzen in Syrien oder im Jemen bekriegten, befürchten Beobachter nun einen offenen Konflikt um die Vorherrschaft in der Golfregion. Ein Konflikt, der durch unterschiedliche Konfessionen gefüttert wird.

Stein des Anstoßes: die Hinrichtung al-Nimrs

Der Geistliche Nimr al-Nimr gehörte während des Arabischen Frühlings zu den Vordenkern und Anführern der Proteste im Osten des saudischen Königreichs. Dabei äußerte er sich entschieden gegen das Königshaus. Al-Nimr wurde am Samstag zusammen mit 46 weiteren Menschen wegen Aufwiegelung und Verdachts auf terroristische Aktivitäten hingerichtet. 

Nach der Hinrichtung al-Nimrs haben schiitische Demonstranten überall in der arabischen Welt protestiert. In der iranischen Hauptstadt Teheran stürmten aufgebrachte Demonstranten die saudi-arabische Botschaft und setzten Teile des Gebäudes in Brand. Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei warnte Riad unmittelbar vor der "Rache Gottes". Saudi-Arabien hat derweil die diplomatischen Beziehungen zum Iran gekappt. Weitere sunnitisch regierte Staaten wie der Sudan, Bahrain und die Vereinigten Emirate gehen ebenfalls auf Distanz zum Mullah-Regime. 

Die Spannungen zwischen den Konfessionen, zwischen Schiiten und Sunniten, drohen sich im gesamten Nahen Osten zuzuspitzen. So wurden im Irak am Montagmorgen bei Bombenanschlägen auf zwei sunnitische Moscheen mehrere Menschen verletzt. Außerdem wurde der Muezzin einer weiteren sunnitischen Moschee nach Behördenangaben ermordet. 

 

Rivalisierende Schutzmächte

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist jahrhundertealt. Die Beziehungen zwischen Riad und Teheran sind seit der islamischen Revolution im Iran 1979 angespannt. Der Iran versteht sich als Schutzmacht der Schiiten und unterstützt die schiitisch geprägte Regierung von Baschar al-Assad in Syrien sowie die Huthi-Rebellen im Jemen-Krieg.

Das Königreich Saudi-Arabien versteht sich hingegen als Schutzmacht der Sunniten. Im Königreich Saudi-Arabien ist der Wahabismus Staatsreligion, eine erzkonservative Interpretation des Korans, ähnlich derjenigen der Dschihadistengruppen, die in Syrien kämpfen und indirekt von den Waffen und finanziellen Ressourcen des Königreichs profitieren. In den Augen der wahabitischen Sunniten sind Schiiten Ketzer.

 

Was steht auf dem Spiel?

Ein offener Konflikt zwischen den beiden Großmächten würde die vom Westen initiierten Friedensbemühungen im Syrien-Konflikt zunichte machen. Anders gesagt: Eine Annäherung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ist eine Grundvoraussetzung für die Lösung des blutigen Kriegs in Syrien, aber auch im Jemen. Doch auch in anderen Ländern des Nahen Ostens drohen schwellende Konflikte durch die diplomatische Krise zwischen Riad und Teheran erneut zu entflammen:

 

Schiiten und Sunniten weltweit

80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten. Länder mit einer schiitischen Mehrheit sind der Irak, der Iran und Bahrain. Der historische Bruch zwischen Schiiten und Sunniten geht auf das 7. Jahrhundert zurück. Er entstand, weil die beiden Lager unterschiedliche Vorstellungen zum Erbe des Propheten Mohammeds haben.

Die heuchlerische Verhalten des Westens

In der diplomatischen Krise dürften die USA fortan eine entscheidende Rolle einnehmen. Die USA pflegen mit Saudi-Arabien traditionell eine enge Partnerschaft und konnten zuletzt auch mit dem Iran, im Rahmen des Nuklearabkommens, historische diplomatische Fortschritte erzielen. Auch europäische Länder wie Deutschland und Frankreich pflegen traditionell eine enge Beziehung mit dem saudi-arabischen Königreich.

Für den Westen ist Saudi-Arabien aus wirtschaftlichen Gründen interessant. Sowohl Deutschland als auch Frankreich versorgen das Königreich mit Rüstungsgütern. Dass die Ölmonarchie die Menschenrechte mit Füßen tritt und im Jahr 2015 einen Rekord an Exekutionen verbuchte, ist ein offenes Geheimnis. Nach der Hinrichtung al-Nimrs, der drohenden Eskalation des Konflikts zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, scheint nun doch Bewegung in dieser Frage aufzukommen: Die Opposition im deutschen Bundestag forderte, die Waffenlieferungen umgehend zu stoppen.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016