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Wasser im Mittelpunkt internationaler Spannungen

Länder: Welt

Tags: Wasser, Konflikt

Wasser ist lebenswichtig und außerordentlich wertvoll. In einigen Regionen der Welt wird diese Ressource bereits heute knapp und sorgt damit für Spannungen und Konflikte. Der französische Experte für die geopolitische Rolle des Wassers Franck Galland äußert sich zu den strategischen Herausforderungen, die dieser unverzichtbare Rohstoff mit sich bringt. Für die ansteigende Nachfrage an Süßwasser sieht er eine Vielzahl von Gründen:

Eine wichtige Rolle spielen zunächst einmal die demographische Entwicklung und die Landwirtschaft: Die Weltbevölkerung wächst und in der landwirtschaftlichen Praxis besteht nach wie vor Reformbedarf. Mangels entsprechender Vorgaben aus der Politik haben die Bewässerungssysteme noch immer Lecks und die Felder werden tagsüber bewässert, wenn die Sonnenstrahlung am stärksten ist.

 

1000

Liter Süßwasser sind nötig, um einen Liter Milch zu produzieren. Für ein Kilo Fleisch benötigt man 15 000 Liter Wasser. 

 


Veränderte Ernährungsgewohnheiten verstärken die Nachfrage nach Wasser ebenfalls. "Ein Vegetarier", erläutert Franck Gallard, "verbraucht pro Tag insgesamt durchschnittlich 2 500 Liter Wasser, damit seine Nahrung nachwächst – ein Konsument von Fleisch aus Massentierhaltung hingegen verbraucht mehr als 5 000 Liter. Es geht um Größenordnungen von durchschnittlich 1 000 Litern Süßwasser für die Produktion von einem Liter Milch und 15 000 Liter für jedes Kilo Fleisch." Mehr Wasser wird auch in Regionen verbraucht, die schon von Wasserknappheit betroffen sind, weil sich die Menschen dort einen westlichen Lebensstil aneignen und ihre vegetarische Ernährung aufgeben.

 


Letztlich fällt auch der Wasserverbrauch der Industrie ins Gewicht. Besonders im Bergbau wird pro Jahr so viel Wasser verbraucht, wie in sämtlichen Privathaushalten der USA – und das in sehr ariden Regionen. Zudem werden große Mengen an Wasser für die Förderung fossiler Rohstoffe benötigt – vor allem für Schiefergas – sowie für die Kühlung von Wasser- und Atomkraftwerken. Auch für den Anbau von Getreide für Biokraftstoffe wird viel Wasser verbraucht – mehr noch, als für die Förderung von Öl, unterstreicht Franck Galland.

 

1995

lebten 400 Millionen Menschen in Regionen mit Wasserknappheit. Morgen werden es 4 Milliarden sein. 

 

 

Berücksichtigt man zusätzlich dazu noch Klimawandel und Temperaturanstieg, spitzt sich die Lage noch mehr zu, so Franck Galland: "1995 lebten 400 Millionen Menschen in Regionen mit Wasserknappheit. Morgen werden es 4 Milliarden sein." 

 

 

 

 


ARTE Info: Werden die Konflikte ums Wasser diplomatischer, wirtschaftlicher oder militärischer Art sein?

Militärische Auseinandersetzungen werden in Zukunft wohl eher durch dringenden Bedarf an natürlichen Rohstoffen wie Energie, Nahrungsmitteln und Wasser ausgelöst, als durch ideologische oder religiöse Differenzen oder Konflikte um nationale Ehre.

Peter Schwarz, CIA-Berater

Franck Galland: Der ehemalige CIA-Berater Peter Schwartz sagte, "militärische Auseinandersetzungen werden in Zukunft wohl eher durch dringenden Bedarf an natürlichen Rohstoffen wie Energie, Nahrungsmitteln und Wasser ausgelöst, als durch ideologische oder religiöse Differenzen oder Konflikte um nationale Ehre." Daher sind wohl leider auch militärische Konflikte zu befürchten. 

Zunächst einmal sind Auseinandersetzungen um den Verbrauch zu erwarten – das heißt man wird den Wasserverbrauch in ganzen Branchen reduzieren, zum Beispiel in der Industrie oder der Landwirtschaft.
Auch Grenzkonflikte sind absehbar, weil grenzübergreifende Grundwasservorkommen Spannungen zwischen den Ländern verursachen können, die darauf zugreifen.

Solche Grenzkonflikte können auch um Oberflächengewässer entstehen, besonders beim Bau von Staudämmen, wenn alte Rivalitäten wieder aufbrechen. Charles de Gaulle schrieb "wer die Höhen hält, hält auch die Niederungen" Das gilt auch für die Wasserpolitik. Zum Beispiel kontrolliert die Türkei die Quellen nach Mesopotamien und könnte auf die Terrorgruppe Islamischer Staat erheblichen Druck ausüben.

Ich denke nicht, dass Wasser die alleinige Ursache für Konflikte sein wird. Vielmehr wird es bestehende Spannungen noch weiter verschärfen.

Franck Galland

Aber ich denke nicht, dass Wasser die alleinige Ursache für Konflikte sein wird. Vielmehr wird es bestehende Spannungen noch weiter verschärfen.

Es ist zu erwarten, dass aufgrund all dieser Spannungen die Internationale Gemeinschaft eingreifen muss, sobald rote Linien überschritten werden – sei es in diplomatischer, politischer, militärischer oder humanitärer Hinsicht. So kann man davon ausgehen, dass ums Wasser eine Krise großen Ausmaßes bevorsteht – allerdings in Form einer Reihe regional begrenzter Krisen.

 

 


ARTE Info: Sind bestimmte Regionen stärker betroffen?

Die "Achse des Durstes" ist die nach meiner Ansicht am stärksten betroffene Zone. Sie erstreckt sich von Nordafrika über den Nahen und Mittleren Osten, über Indien und Pakistan bis hin nach Nordost-China. 

Franck Galland

Franck Galland: Es ist eine "Achse des Durstes" von Gibraltar bis in den Nordosten Chinas zu erkennen. Diese Achse zieht sich durch Länder, in denen die politische Lage schon sehr angespannt und deren Sicherheit bedroht ist. Die nach meiner Ansicht am stärksten betroffene Zone erstreckt sich von Nordafrika über den Nahen und Mittleren Osten, über Indien und Pakistan bis hin nach Nordost-China. In dieser Großregion träten die Auswirkungen des Klimawandels mit der Halbierung der Wasservorkommen, wie es die pessimistischsten Szenarien vorhersagen, am stärksten hervor. 

Anlass zur Beunruhigung geben auch die Buschfeuer in Australien. Allerdings hat Australien rechtzeitig Maßnahmen ergriffen: Schon seit den 90er Jahren investiert das Land in technologische Lösungen und Infrastruktur.

Hingegen werden Länder, die sich gegen solche Investitionen entschieden haben oder sich diese ganz einfach nicht leisten konnten, in den nächsten Jahren bei der Wasserversorgung vor enormen Problemen stehen.

 


 

Wasser steht bei grenzübergreifender Umweltverschmutzung auf der Tagesordnung, aber es ist wichtig, zu handeln, noch bevor solche Probleme auftreten. Die Behörden für regionale Kooperation haben hier die Aufgabe, Konflikten vorzubeugen.

Franck Galland

ARTE Info: Wie sehen die Herausforderungen für die Zukunft aus?

Franck Galland: Eine klare Herausforderung ist die Regierungsführung. Wasser muss in allen Staaten wieder politisches Hauptthema werden. Nötig sind Investitionen und funktionierende Partnerschaften.

Wasser steht bei grenzübergreifender Umweltverschmutzung auf der Tagesordnung, wie z.B. bei chinesischen Firmen, die 2005 den Fluss Songhua mit Benzol verschmutzten und Schäden bis nach Russland verursachten.
Allerdings ist es wichtig, zu handeln, noch bevor solche Probleme auftreten. Die Behörden für regionale Kooperation haben hier die Aufgabe, Konflikten vorzubeugen.

Wasser muss auch in den Einzelstaaten politisches Hauptthema werden. Das beste Beispiel hierfür ist Algerien: Ende der 90er Jahre wurde dem Land wegen seiner Probleme mit Wasserressourcen und Abwasserreinigung ein düsteres Schicksal prophezeit. Aber Präsident Bouteflika und der derzeitige Premierminister modernisierten die veralteten Anlagen im Hauruckverfahren. Massiven Investitionen ist es zu verdanken, dass in Algier heute an 7 Tagen in der Woche rund um die Uhr Trinkwasser zur Verfügung steht. Dieses Beispiel zeigt: Für Zukunftsinvestitionen ist es nicht zu spät.

 

 Franck Galland hat mehrere Bücher über die strategischen Herausforderungen rund um die Ressource Wasser verfasst, die in dem französischen CNRS Verlag erschienen. Nachdem er das Präsidentenamt für Sicherheit bei dem französischen Wasserverteiler Suez Environnement bekleidet hat, ist er heute Leiter eines Beratungskabinetts für urbane Wassernetze. Er hat Risikostudien für etwa 40 Länder erstellt, um nötige Sanierungsarbeiten des Wassernetzes herauszustellen. Er ist zudem Berater des französischen Komitees für Zivilschutz, dem "Haut Comité Français pour la Defense Civile", und Wissenschaftler des Recherchenetzwerkes "Fondation pour la Recherche Strategique". 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016