Was tun? (5/6), von Laurent Gaudé

Länder: Irak

Tags: Flüchtlinge, Literatur, Kurdistan

Fünftes Kapitel der Reisebeschreibung nach Kawergorsk, im Herzen des kurdischen Nord-Irak.

Kawergosk ist ein geschlossenes Lager. Um hineinzukommen, passieren wir jeden Tag drei Checkpoints, bevor wir unser Auto abstellen dürfen. Die Flüchtlinge dürfen das Lager nur mit einer Genehmigung verlassen. Momentan vergeben die kurdischen Behörden eine Genehmigung pro Familie. Die Väter oder die ältesten Söhne gehen jeden Morgen hinaus, um Arbeit zu suchen. Die Frauen sind im Lager gefangen. Man wird annehmen dürfen, dass die Ein- und Ausgangsregeln langfristig lockerer werden. In anderen Lagern in Kurdistan, etwa im nördlicher gelegenen Domiz-Camp mit rund 50 000 Menschen, können sich die Flüchtlinge frei bewegen. Doch das Lager von Kawergosk wurde erst vor drei Monaten errichtet, und die Behörden wollen es in Ruhe aufbauen. Für die Flüchtlinge ist diese Situation dennoch schwer erträglich. Zum täglichen Gefühl von Entwurzelung und Angst kommt nun noch der Eindruck des Eingesperrtseins. Keiner weiß, wie lange es noch so gehen wird – wie viele Wochen, Monate oder Jahre sie hier noch leben müssen. Für die Frauen sind die Tage lang und immer gleich; eine Folge lebensnotwendiger Gesten, als wäre das Leben nichts als das: Aufstehen, Warten, Essen, Schlafengehen, Aufstehen, Warten, Essen, Schlafengehen, und so weiter. Es ist zum Verrücktwerden. Eine junge Frau mit erschöpftem Gesicht und melancholischem Blick sagt uns: „Würde ich den Weg nach Hause kennen, ich würde sofort losgehen.“ Wir schauen sie an. Trotz der Kälte trägt sie ein T-Shirt und Flip-Flops, doch wir wissen, dass sie es ernst meint. Nichts würde sie daran hindern, zu gehen, wenn sie nur könnte.

"Die Männer stellten von Anfang an ihren Einfallsreichtum unter Beweis"

 

Jeder im Lager stellt sich die gleiche Frage: was tun? Wie die Tage füllen? Die Männer stellten von Anfang an ihren Einfallsreichtum unter Beweis. An einem sonnigen Wintertag entdecke ich vor einem Zelt einen Laib Brot, der auf einer Plane trocknet. Da es am Vortag geregnet hat, frage ich mich, ob es sich um den Versuch eines Unglücksraben handelt, ein durch ein Leck im Zelt nass gewordenes Brot wieder essbar zu machen. Doch dann finde ich in allen Gängen diese zum Trocknen ausgelegten Brote. Schließlich frage ich nach, und die Flüchtlinge erklären mir, dass sie die Reste des erhaltenen Brotes trocknen, um es für ein paar Dinare an den Hirten zu verkaufen, der mitten im Camp wohnt und damit seine Tiere füttert. Ein lächerlicher Tauschhandel, und doch ist einem nach Weinen zumute, wenn man sieht, wie diese Menschen durchhalten, kämpfen und Wege finden, um Waren zu tauschen, ein wenig Geld zu verdienen und das bisschen Leben zu verbessern, das ihnen noch bleibt.

Auf den ersten Blick scheint es, als hätten alle Flüchtlinge in Kawergosk das gleiche, traurige Schicksal – doch bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass die Bewohner dieser kleinen Stadt keineswegs alle gleich sind. Die Unterschiede sind groß, je nachdem, ob man das Lager verlassen kann oder nicht. Ob man eine Familie oder Kontakte in Erbil hat oder niemanden kennt. Ob man über Ersparnisse verfügt oder völlig besitzlos ist. Und ob man sich zu helfen weiß. Seit unserer Ankunft essen wir stets im Lager zu Mittag. Dafür gibt es nur einen einzigen Ort. Es ist nicht wirklich ein Restaurant, eher ein großes Zelt mit drei Plastiktischen und einigen Stühlen. Der Besitzer heißt Farhed. Das Essen ist gut. Ein Schawarma, das uns die Hände wärmt, und ein zuvorkommend servierter kurdischer Tee. Neugierig bitte ich Farhed, mir seine Geschichte zu erzählen. Als er im Lager ankam, besaß er nur 100 Dollar. Er investierte sie in Zigaretten, die er zu einem höheren Preis wieder verkaufte. Davon kaufte er einen Bestand an Handykarten, die er ebenfalls gewinnbringend weitergab. Bald darauf eröffnete er das erste kleine Geschäft des Lagers. Ein paar Tomatenkisten, Zwiebeln, Gebäck… Jedes Mal setzte er aufs Ganze und investierte seinen gesamten Gewinn. Jedes Mal sah er die Bedürfnisse der Lagerbewohner richtig vorher und wusste sie zu bedienen. Er ist der einzige, der in Kawergosk ein Restaurant führt.  Bald werden sicherlich noch andere aufmachen – aber dann wird Fahred schon weiter sein. Neuesten Informationen zufolge soll er einen Laden eröffnet haben, in dem man Passfotos machen kann – ein wichtiger Ort, denn die Flüchtlinge brauchen Fotos für all die Papiere, die man von ihnen verlangt.

"In der beißenden Kälte dieses großen, eintönigen Lagers wärmt Farheds kleines Lokal einem das Herz, denn es zeigt, wie einfallsreich die Menschen sein können"

 

Raffiniert will ich Farhed nicht nennen, denn das klingt irgendwie abwertend. Und darum geht es gar nicht. Farhed ist begabt. Er hat ein Gespür fürs Geschäft. Er versteht es, sich anzupassen. Er gibt sich nicht vom Schicksal geschlagen, sondern kämpft weiter, fängt klein an und baut dann größer und größer. Farhed hat ein Gespür für das Leben. In Amerika, denke ich sofort, wäre er wohl eine dieser lebenden Legenden, die als Eisverkäufer oder Straßenkehrer beginnen und an ihrem Lebensende ein riesiges Imperium besitzen. In der beißenden Kälte dieses großen, eintönigen Lagers wärmt Farheds kleines Lokal einem das Herz, denn es zeigt, wie einfallsreich die Menschen sein können. Zigaretten verkaufen sich eben auch in der Hölle... 

 

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Zuletzt geändert am 31. Dezember 2017