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Was trinken wir, wann essen wir? #2

Länder: Frankreich

Tags: Cannes 2014

Eine alkoholisch-gastronomische Filmchronik aus Cannes, von Benoît Douvres.


"Ich wäre jetzt in der richtigen Stimmung, um ein kleines Bierchen zu lutschen." Wenn man so einen Satz hört, der einer adretten Pressereferentin bei der Eröffnungsfeier zur Quinzaine des Réalisateurs ganz unschuldig über die Lippen kommt – ich nehme an, sie war wohl am Verdursten und nicht gerade Alkoholikerin oder anderweitig motiviert – dann sagt man sich, dass die 67.Filmfestspiele von Cannes endlich begonnen haben. 

 


Das also war mein erstes echtes Fest – abgesehen von einem Blitzbesuch bei der "Party Girl"-Fete, bei der man eigentlich nur wenige Leute traf, die sich an den angemessenen Leoparden-Muster-dress code hielten – und auch meine erste Sturmwarnung, als es darum ging, um 3 Uhr nachts auf mein Zimmer zuzusteuern, das direkt am "Boulevard Tuby" liegt, an der vielbefahrenen Ringstraße von Cannes – und das ohne Doppelfenster…      

 


So habe ich am anderen Morgen das unangenehme Gefühl, "wie eine Krabbe rückwärts zu laufen" (sagt Daniel Ceccaldi im Filmklassiker "Strandhotel"  – nein, es ist kein Zitat von Nuri Bilge Ceylan), als ich in aller Herrgottsfrühe das Grand Théâtre Lumière betrete, um mir "The Captive" von Atom Egoyan anzusehen. 

 


"Man schreibt so lange schreckliche Dinge, bis diese schrecklichen Dinge Wirklichkeit werden." Dieses Axiom gilt wohl auch fürs Kulinarische. Denn gerade als Ryan Reynolds einen Kirsch-Rhabarber-Kuchen kaufen geht, "überzogen mit Schokolade und Macaroni", wird seine Tochter gekidnappt.   

 


Das verschlägt einem so den Appetit, dass niemand mehr feste Nahrung zu sich nimmt, bevor dieser Film zu Ende ist, bei dem es einem zuweilen schon schlecht werden kann.  

 


Bereits am Vorabend wurde in Cannes sehr Deftiges serviert, als Mike Leigh seinen Film "Mr. Turner" vorstellte – ein Porträt des britischen Landschaftsmalers für den "das Ragout nie salzig genug sein konnte" und der dem rundlichen britischen Filmemacher recht ähnlich sieht.  

 


Turner liebte es, seine Leinwand mit Sahne, Schokolade und Eigelb zu traktieren, und vor allem mit Johannisbeer-Gelee. In Leighs Film verschlingt er Salzkartoffeln auf einem Dampfschiff – ich stelle gerade fest, dass mein Wortspiel: pommes-vapeur/bateau-vapeur im englischen Original nicht funktioniert (auf Deutsch auch nicht!) -  stößt mit Grog an und fordert den Kunstkritiker John Ruskin auf, sich zwischen einem Rindernierchen-Pie und einer  Kalbspastete mit Schinken zu entscheiden. Und dann wundert man sich, dass alle Blähungen haben. Da aber Mike Leigh mit Vorliebe das Hässliche darstellt, bietet er uns hier einen ergreifenden Match cut zwischen einem Schweinekopf, dem man gerade die Speckschwarte absäbelt und Turners Wangen unter der Klinge seines Vaters und ex-Barbiers. Eines macht uns der Film klar: Nach "Mr.Turner" werden wir das Licht mit anderen Augen betrachten – und von dieser Feststellung kann uns auch kein Glas Sherry abbringen.     

 


Hut ab schließlich für das "Party Girl" Angélique aus dem lothringischen Forbach: Currywurst-Tequila bei Morgengrauen, nach einer durchgezechten Nacht mit schlechtem Champagner - das ist schon beachtlich. Abgesehen davon habe ich mich ganz feige um die 196 Minuten von Nuri Bilge Ceylans "Winterschlaf" gedrückt, der auf mich ähnlich wirken dürfte wie Kamillentee. Aber bei der nächsten Vorführung gibt es da wohl kein Entkommen….  

   


B.D.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016