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Was ist eine chemische Waffe?

Länder: Welt

Tags: Chemiewaffen

Vier Tonnen Sarin reichen aus, um die Hälfte aller Lebewesen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer zu töten. Für dieselbe tödliche Wirkung wären 20 Tonnen Senfgas nötig. Der Einsatz von vier Tonnen VX-Nervengas könnte in einem dicht besiedelten Stadtgebiet zu hunderttausenden Todesfällen führen. Was verbirgt sich hinter den Namen dieser Gase? Welche werden von der Armee eingesetzt und welche werden gegen Zivilisten verwendet? Ab wann gelten Giftgase als chemische Waffen? Und welche Auswirkungen haben sie, welche Symptome verursachen sie? 

Die offizielle Definition von chemischen Waffen ist sehr technisch, aber dennoch wichtig. Gemäß Artikel II des Übereinkommens über das Verbot chemischer Waffen umfasst der Ausdruck "chemische Waffe" drei Punkte: 

1. Toxische Chemikalien, das heißt Chemikalien, die durch ihre chemische Wirkung bei Menschen und Tieren den Tod, eine vorübergehende Handlungsunfähigkeit oder einen Dauerschaden herbeiführen können, sowie deren Vorprodukte, das heißt alle chemischen Reaktionskomponenten, die auf irgendeiner Stufe bei der Produktion einer toxischen Chemikalie beteiligt sind. 

2. Munitionen oder Geräte, die eigens dazu entworfen wurden, durch die Freisetzung von toxischen Chemikalien den Tod oder sonstige Körperschäden herbeizuführen. 

3. Jede Ausrüstung, die eigens dazu entworfen wurde, um in unmittelbarem Zusammenhang mit den oben genannten Munitionen oder Geräten verwendet zu werden

 

Die OPCW unterscheidet drei Kategorien von Chemikalien, die deklariert werden müssen und deren Produktionsstätten inspiziert werden, in Art und Weise abhängig von dem Produktionsvolumen:

1. Chemikalien und ihre direkten Ausgangsstoffe, die so gut wie kein anderes Produktionsziel haben, als zu Chemiemassenvernichtungswaffen verarbeitet zu werden. Sie sind sehr strengen Einschränkungen unterworfen, in Bezug auf die Produktion, die Produktionshöchstgrenze ist auf eine Tonne pro Jahr und pro Staat festgesetzt und eine Ausnahmegenehmigung ist nötig, und betreffend ihres Transports.

2. Chemikalien, die zwar Ausgangsstoffe für Chemiewaffen sind, die aber auch in der herkömmlichen Industrie genutzt werden, wie im Synthetisierungsprozess mancher Medikamente oder bei der Produktion von Schmiermitteln, Insektenvernichtungsmitteln oder Pestiziden. Chlor ist beispielsweise auch eine Chemikalie, die zweifach verwendet werden kann.

3. Die Chemikalien, die hauptsächlich in friedlicher Absicht industrielle Anwendung finden, als Pflanzenschutzmittel, Insektenvernichtungsmittel, Schmiermittel, in Farben, Putz oder Textilien. 

 

Hier eine Übersicht der Giftgase, die am häufigsten als chemische Waffen eingesetzt werden: 

Nervenkampfstoffe: Ursprünglich handelt es sich um Derivate von Pflanzenschutzmitteln, die wegen ihrer Struktur auch phosphororganische Verbindungen genannt werden. Es handelt sich dabei um farblose, geschmacks- und geruchsneutrale Flüssigkeiten. Werden sie eingeatmet oder über die Haut aufgenommen, blockieren diese Nervengase das Nervensystem des Menschen und lähmen nach und nach die Atemmuskulatur. Sarin, Soman und Tabun, die bekanntesten Nervenkampfstoffe, wurden in den 30er Jahren von der deutschen Chemieindustrie synthetisiert. Der VX-Kampfstoff wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem englischen Chemiker entwickelt. 

Lungenkampfstoffe: Diese leicht flüchtigen Substanzen wie Phosgen, Diphosgen, Chlor und Chlorpikrin können in gasförmiger oder flüssiger Form freigesetzt werden. Die erstickenden Gase blockieren die Sauerstoffzufuhr in den Körper, was zu einem toxischen Lungenödem führt. Das Opfer stirbt durch Ersticken. 

Hautkampfstoffe: Diese öligen Flüssigkeiten führen bei Hautkontakt sofort oder einige Stunden danach zu schweren Verätzungen und Verbrennungen. Es bilden sich oftmals Blasen auf der Haut. Der Kontakt mit den Augen führt zu starken Reizungen und kann zu schweren Augenentzündungen oder sogar zur Erblindung führen. Die Schädigung der Atemwege kann ähnlich wie bei den Lungenkampfstoffen verlaufen. Die bekanntesten gewebeschädigenden Stoffe sind das Yperit, auch Senfgas genannt, das besonders im Ersten Weltkrieg massenhaft eingesetzt wurde, sowie andere Stickstoffloste und Lewisite. 

Blutkampfstoffe: Diese sehr instabilen Verbindungen gelangen normalerweise über die Atemwege oder über die Haut in den Körper und wirken sehr schnell. Sie führen zum Tod durch Ersticken. Darunter fallen Cyanwasserstoff und Chlorcyan, sowie Arsenwasserstoff und Blausäure (Zyklon B). 

Neutralisierende Reizstoffe: Diese chemischen Substanzen verursachen Reizungen der Haut und der Atemwege, starke Schmerzen in der Brust und eine vorübergehende   Handlungsunfähigkeit. Die neutralisierenden Stoffe werden vor allem verwendet, um Unruhen niederzuschlagen, wurden aber auch schon bei Kriegshandlungen eingesetzt.  Die am häufigsten genutzten Reizstoffe sind CS- und CN-Tränengas sowie Adamsit, das Übelkeit und Brechreiz verursacht. Die Chemiewaffenkonvention ermöglicht den Einsatz von neutralisierenden Reizstoffen als Mittel zur Bekämpfung von Unruhen im Inland, um die innenpolitische Ordnung aufrecht zu erhalten. Sie werden daher im strengen Sinne nicht als tödliche chemische Waffen betrachtet. Es ist beim Einsatz von Tränengas gegen Demonstranten aber durchaus schon zu Todesfällen durch Ersticken gekommen, insbesondere in Ägypten, Bahrain, Palästina und der Türkei. Aktivisten haben deswegen eine Internetseite erstellt, auf der sie versuchen, die Herkunft der Gaskartuschen zu verfolgen. Damit wollen sie auf deren tödliche Wirkung und folglich ihren illegalen Einsatz aufmerksam machen. 

Psychokampfstoffe: Diese weniger bekannten psychogenen Stoffe machen den Menschen vorübergehend kampfunfähig, indem sie auf das zentrale Nervensystem einwirken und die Opfer körperlich oder mental außer Gefecht setzen. Sie greifen die Psyche des Menschen an und können Halluzinationen auslösen. Der bekannteste Psychokampfstoff ist Benzilsäureester (BZ). Für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen zählen die Psychokampfstoffe zu den erlaubten Mitteln zur Bekämpfung von Unruhen im Inland, ihr Einsatz ist also unter bestimmten Bedingungen erlaubt. 

Quellen: Büro der Vereinten Nationen für Abrüstungsfragen / Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) 

 

 

Ralf Trapp ist ehemaliger Inspektor bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Er war bei den ersten internationalen Verhandlungen über die tödlichen Waffen in der deutschen Delegation dabei. Diese Verhandlungen führten schließlich zur Unterzeichnung der Chemiewaffenkonvention in Paris 1993. Der studierte Chemiker und Toxikologe arbeitet heute als unabhängiger Berater für Abrüstungsfragen. Er beschreibt uns die verschiedenen Kampfstoffe, die zu einem chemischen Militärarsenal gehören. 

 

 

Ralf Trapp: Was ist eine Chemiewaffe?

(3 min)

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016