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Was ist eigentlich ein Dalai Lama?

Länder: Welt

Tags: Tibet, Dalaï-Lama

Durch seinen freidlichen Kampf gegen die chinesische Besatzung hat Tenzin Gyatso, der vierzehnte Dalai Lama weltweite Berühmtheit erlangt. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter der Bezeichnung Dalai Lama? Und wie wird man zum spirituellen Führer der Tibeter? ARTE Thema schafft Klarheit.

Sein Name übersetzt bedeutet „Ozean der Weisheit“ oder „ozeangleicher Lehrer“. Er ist die einflussreichste Persönlichkeit Tibets und eine hohe geistliche Autorität in der gesamten buddhistischen Welt. Im tibetischen Buddhismus wird der Dalai Lama als Reinkarnation von Avalokiteshvara verstanden. Avalokiteshvara ist ein Bodhisattva, ein Buddha-gleiches Erleuchtungswesen, das das irdische Dasein und das ihm unausweichlich innewohnende Leiden bereits überwunden hat. Als Bodhisattva des universellen Mitgefühls hat er die Reinkarnation aber wieder auf sich genommen, um allen Leidenden zur Befreiung zu verhelfen.

 

Zweifaches Oberhaupt

Neben seiner Funktion als höchste geistliche Autorität des tibetischen Buddhismus übte der Dalai Lama – seit der fünften Reinkarnation im 17. Jahrhundert - auch die weltliche Herrschaft als Staatsoberhaupt und Regierungschef aus. Den Titel "Dalai Lama" verlieh der mongolische Fürst Altan Khan erstmals 1578 seinem spirituellen Lehrer, der Dritten Reinkarnation von Avalokiteshvara, Sonam Gyatso, dessen Name im Tibetischen „Ozean“ bedeutet.

Tenzin Gyatso, der aktuelle Dalai Lama, beendete allerdings die Tradtion der weltlichen Herrschaft am 10. März 2011. Er legte sein Amt zugunsten einer demokratisch gewählten Regierung unter einem Ministerpräsidenten zurück.

 

Das Konzept der Reinkarnationslinie

Zu den Besonderheiten des tibetischen Buddhismus gehört der Glaube an die Trülku, die Reinkarnationen vergangener Lamas, wie die tibetischen Lehrmeister bezeichnet werden. Der Dalai Lama und der Penchen Lama, die zweite religiöse Autorität in Tibet, stehen jeweils für eine Reinkarnationslinie. Die Vorstellung der Reinkarnation, die je nach Interpretation als Emanation einer geistigen Kraft oder als konkrete Wiedergeburt verstanden wird, prägte den tibetischen Volksglauben bereits vor der Ankunft des Buddhismus im 7. Jahrhundert. Die Entwicklung des tibetischen Staats ist eng mit dem Buddhismus verbunden. Die jüngste der vier großen Schulen des tibetischen Buddhismus, die Gelug-Schule – „Schule der Tugendhaften“ – hat bis heute die Aufgabe, die aktuelle Reinkarnation des Avalokiteshvara und aller Dalai Lama aufzufinden und ihn auszubilden. Gendün Drub, ein Schüler des Gründers der Gelug-Schule, wurde posthum zum ersten Dalai Lama ernannt. Er ist also der Ahnherr der Reinkarnationslinie des Avalokiteshvara.

 

Wie findet man den Erwählten?

Die Auffindung der aktuellen Reinkarnation des Avalokiteshvara, also des nächsten Dalai Lama, obliegt speziellen Kommissionen. Dass der Kandidat aus dem gesamten tibetischen Volk kommen kann, ist eine lange Tradition, die auf eine Vision des zweiten Dalai Lama zurückgeht. Die Auffindung ermöglichen verschiedene Vorzeichen und Hinweise, die der amtierende Dalai Lama hinterlässt. So heißt es etwa, eines der Indizien, die zum aktuellen Dalai Lama geführt haben, sei eine Vision von einem „Haus mit blauem Dach“ gewesen. Wenn ein Reinkarnations-Kandidat, in der Regel noch ein Kleinkind, aus einer Serie von ähnlichen Gegenständen spontan jene herausfindet, die dem regierenden Dalai Lama gehören, und Angehörige von ihm wiederzuerkennen scheint, gilt das als starker Hinweis darauf, dass er tatsächlich eine Wiederverkörperung ist.

 

Tenzin Gyatso, der letzte Dalai Lama?

Die weltliche Macht hat der 14. Dalai Lama 2011 zurückgelegt und damit schon eine Hälfte des Amtes abgeschafft. Er überraschte bei dieser Gelegenheit viele Buddhisten, indem er sogar noch weiter ging und erklärte, er wünsche die ganze Institution zu modernisieren und wolle an seinem 90. Geburtstag, im Jahr 2025, eine Versammlung einberufen, die über deren Daseinsberechtigung beraten solle. Tenzin Gyatso hatte auch zuvor schon Unkonventionelles über seine Nachfolge gesagt, etwa dass er sich eine weibliche Reinkarnation wünschen würde, „weil die Frauen mehr Einfluss auf die Gesellschaft haben.“

China reagierte auf diese Erklärungen gereizt und mit eigenen Vorstellungen von einer Reform der Institution Dalai Lama: „Die Reinkarnation des Dalai Lama muss von der Zentralregierung abgesegnet werden und von niemand anderem, den Dalai Lama selbst eingeschlossen. Nur die Zustimmung der chinesischen Zentralregierung weist eine Reinkarnation als legitim aus.“ Anders gesagt, Peking möchte sich den Dalai Lama in Zukunft selbst aussuchen. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016