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Warum Spanien? Warum Barcelona?

Länder: Spanien

Tags: Terrorismus, Prävention, Dschihad

Der Anschlag auf Las Ramblas in Barcelona war die schwerste Terrorattacke auf eine spanische Stadt seit den Zuganschlägen in Madrid im Jahr 2004. Weshalb haben die Dschihadisten Spanien und insbesondere Barcelona ins Visier genommen? Mögliche Antworten aus der internationalen Presse.

Spanische Strategien gegen den Terror

ARTE Reportage vom 7. Januar 2017: Die spanische Regierung hatte in den letzten Jahren ein Modell entwickelt, Terrorzellen im Land frühzeitig zu erkennen.

Für die katalanische Zeitung El Mundo war der Terrorismus in Spanien nie weg. Alles andere sei Augenwischerei. Es sei Selbstmord zu denken, Spanien nehme in diesem zivilisatorischen Krieg nur eine kleine Rolle ein. Auf der Titelseite der jüngsten Ausgabe der Al-Kaida-Zeitung Inspire sei bereits ein spanischer Zug zu sehen gewesen, der entgleist. Immer mehr Dschihadisten bezeichneten Spanien als verlorenes Land, das es zurückzuerobern gelte. So sei in der offiziellen Karte des Islamischen Staats die ganze iberische Halbinsel schwarz markiert. Die Präsenz der Islamisten im Land sei zuletzt gewachsen. Spanische Sicherheitskräfte seien daher stärker gegen Dschihadisten vorgegangen. Insgesamt gab es in den vergangenen fünf Jahren 120 Polizeioperationen gegen islamistische Anhänger. 

Katalonien ist laut El Mundo ein besonders beliebtes Ziel der Terroristen. 40 Prozent aller verhafteten Dschihadisten in Spanien wurden in Katalonien festgenommen. Fast alle lebten in Barcelona. Der spanischen Tageszeitung zufolge hat die Polizei in den rein muslimischen Vierteln der Metropole keinen Zugriff, die Dschihadisten bewegten sich dort wie "Fische im Wasser." In diesen Gegenden könnten sich Muslime schnell im persönlichen Kontakt mit Islamisten radikalisieren. Die Situation sei vergleichbar mit dem belgischen Problemviertel Moelenbeek. Dort, wo es eine starke muslimische Bevölkerung gebe, könne der Terrorismus tendenziell schneller wachsen.

 

Die Nahost-und Terror-Expertin Myriam Benraad im Interview mit Jürgen Biehle zu dem Terroranschlag in Barcelona:

 

Barcelona: Terror-Expertin Myriam Benraad im Gespräch
Barcelona: Terror-Expertin Myriam Benraad im Gespräch Die Nahost- und Terror-Expertin Myriam Benraad im Interview zu dem Terroranschlag in Barcelona. Barcelona: Terror-Expertin Myriam Benraad im Gespräch

 

 

Nacima Baron, Spanien-Spezialistin und Professorin an der Universität Paris-Est, erläutert gegenüber ARTE Info, warum gerade das katalanische Barcelona Ziel von Attentaten wurde:

"Das Ziel ist nicht Spanien, sondern eine bestimmte Stadt. Barcelona ist eine große Stadt, die gleichzeitig europäisch, spanisch und katalanisch ist. Mit ihrem Angriff auf die Einwohner Barcelonas haben die Terroristen zahlreiche Nationalitäten attackiert. Die Stadt steht für Frieden, für Demokratie und für Toleranz. Noch vor einigen Monaten zog eine große LGBT-Parade durch die Straßen. Barcelona ist ein beliebtes Urlaubsziel in einer friedlichen, europäischen Umgebung.
Barcelona ist außerdem eine katalanische Stadt, in der seit langem Sicherheitskräfte aufgestockt werden. Die Polizeipräsenz wurde ausgebaut. Doch die nationale und die lokale Polizei arbeiten schlecht zusammen. Deshalb konnte man Terrorattacke befürchten."

Katalonien: Hochburg der spanischen Salafisten

Dass Radikalislamismus in Katalonien besonders ausgeprägt sei, betont auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Die Hälfte aller salafistischen Vereinigungen Spaniens hätte sich in Katalonien niedergelassen. Der Anteil an Muslimen sei höher als in anderen spanischen Regionen und das Arabische nach Katalanisch und Spanisch die meistgesprochene Sprache.

Barcelona sei als Ort des Massentourismus ein attraktives Ziel, da die Angreifer dort große Menschenmengen attackieren können und der wirtschaftliche Schaden groß sei, so die NZZ. Zudem sei das hemmungslose Feiern in einigen Orten Kataloniens, etwa im Badeort Cambril, wo die Polizei fünf Terrorverdächtige tötete, "den verklemmten Dschihadisten ein Dorn im Auge."

Auch für die NZZ ist dschihadistischer Terrorismus in Spanien keine Neuheit. Das Blatt verweist auf das islamistische Attentat von 1985. Bereits damals starben bei einer Bombenexplosion in Madrid 18 Menschen. Präsenter ist vielen der Anschlag von 2004, als bei mehreren Attacken auf Züge 191 Menschen in der spanischen Hauptstadt ihr Leben ließen. Laut NZZ war der Anschlag damals "eine Antwort auf den Angriff im Irak, an dem sich Spanien damals (…) prominent beteiligte". Seitdem versuchten Dschihadisten den Krieg in die westlichen Metropolen zu tragen. Die Islamisten hätten die anti-spanische Propaganda in den vergangenen zwei Jahren intensiviert. Mit Spanien verbänden sie die Nostalgie. Schließlich habe die iberische Halbinsel einst weitgehend unter islamischer Herrschaft gestanden.

 

Anschlag war "wahrscheinlich"

Für den französischen Historiker Michaël Prazan, Autor des Buchs "Histoire du Terrorisme" (Deutsch: Geschichte des Terrorismus) ist es kein Zufall, dass Spanien attackiert wird. Schließlich gäbe es in den islamistischen Gruppen wie Al-Kaida und IS "Denker", die nicht vergessen haben, das Spanien im Jahr 1.000 noch größtenteils zum islamischen Kalifat gehört habe. Da sich die Iberer am Krieg gegen den IS beteiligen und im Irak das Militär ausbilden, sei ein Anschlag wahrscheinlich gewesen. Spanien sei es gewohnt, ein Ziel des Terrorismus zu sein.

Dass es dennoch seit 2004 keine weiteren Anschläge gab, erklärt das Time Magazine mit einer massiven Verhaftungswelle nach den Anschlägen. Über 700 verdächtige Dschihadisten wurden seitdem in Spanien festgenommen, die Polizeipräsenz massiv erhöht. "Eine effektive Maßnahme zum Terrorschutz", urteilt die amerikanische Wochenzeitung. Durch die Festnahmen habe die Polizei einen weiteren Anschlag in Madrid im Jahr 2008 durch die pakistanische Taliban vereitelt. Außerdem sei die Ausländerfeindlichkeit in Spanien schwach ausgeprägt. Die Zahl der einheimischen IS-Kämpfer, die für die Terrormiliz aus Spanien nach Syrien zogen, sei viel geringer als etwa in Frankreich.

Dennoch war der Anschlag der konservativen argentinischen Zeitung La Nacion zufolge unvermeidlich. Als Mitglied der Militärkoalition, die den IS in Syrien und im Irak bekämpft, habe Spanien schon lange auf der Liste der Terroristen gestanden. Die spanische Regierung sei sich der Gefahr bewusst gewesen. Deshalb habe man auch schon vor einem Jahr die zweithöchste Warnstufe im Kampf gegen den Terrorismus ausgerufen. 

 

 

Zuletzt geändert am 19. August 2017