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Warum ein solcher Sinneswandel?

Länder: Israel

Tags: Besiedlung, Ariel Scharon

Ariel Scharons Rückzugsplan für den Gazastreifen hat die Israelis überrascht. Der energische General, gewählt mitten während der Intifada, um die Sicherheit wiederherzustellen, war immer ein glühender Verfechter der Besiedlung. Unter der Regierung Begins (1977-1981) war er Landwirtschaftsminister, dann Bauminister unter Schamir (1991-1992). Er persönlich ordnete den Bau tausender Wohneinheiten im Westjordanland und im Gazastreifen an. Zudem stemmte er sich mit aller Macht gegen die Oslo-Abkommen von 1993, die einen Rückzug der israelischen Streitkräfte aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland vorsahen. Wie ist der dann folgende Sinneswandel zu erklären? Hier die am weitesten verbreiteten Hypothesen:

 

Ariel Scharon, der Stratege

Ariel Scharon war nicht religiös. Für ihn hatten die jüdischen Siedlungen keinen messianischen Charakter. Ihr einziger Zweck bestand darin, die Sicherheit Israels zu garantieren. Durch die Ansiedlung von Zivilisten inmitten der palästinensischen Gebiete konnte Israel diese besser kontrollieren und die Bevölkerung im „Hinterland“ schützen – dem Gebiet innerhalb der Grenzen von vor 1967. Mit nur 8000 Siedlern gegenüber mehr als 1 Million Palästinensern ist die Besiedlung des Gazastreifens gescheitert. Nicht nur boten die Siedlungen Israel keinen Schutz mehr, sondern es waren tausende von Soldaten zu deren Schutz im Einsatz. Als guter Stratege beschloss Ariel Scharon, den Gazastreifen aufzugeben und seine Streitkräfte anderswo einzusetzen.

 

Ariel Scharon, der Machiavellist

Ariel Scharon weigerte sich, den Rückzug aus dem Gazastreifen mit der Palästinenserbehörde von Mahmud Abbas abzusprechen. Letzterer konnte daraus keinen politischen Nutzen ziehen; vielmehr erntete die islamistische Bewegung der Hamas, die seit Jahren den Siedlern im Gazastreifen das Leben schwer machte, die Lorbeeren für den Abzug Israels. Sechs Monate nach dem Rückzug gewann die Hamas die Parlamentswahlen haushoch und setzte sich setzte sich als alleiniger Herrscher über den Gazastreifen durch. Ergebnis:  Nach Meinung Israels spielt jeder Rückzug den Extremisten in die Hände „Wenn wir morgen das Westjordanland verließen, übernähme die Hamas dort die Macht und könnte ihre Raketenwerfer 15 km vor Tel Aviv stationieren“, heißt es in Israel oft. In Umfragen finden sich immer weniger Unterstützer für einen einseitigen Rückzug. Mit der Opferung des Gazastreifens hätte Ariel Scharon „seine“ Siedlungen im Westjordanland gerettet.

 

Ariel Scharon, das Clanoberhaupt 

Als Ariel Scharon seinen Rückzugsplan vorstellt, stehen seine beiden Söhne Omri und Gilad im Mittelpunkt politisch-juristischer Affären. Der Premierminister steht ihnen besonders nahe – unter anderem auch deshalb, weil er nach dem Sechstagekrieg von 1967 einen 14-jährigen Sohn verloren hat. Für seine ehemaligen Mitstreiter steckt hinter seinem skandalösen Umschwenken in der Siedlungsfrage allein seine Familie. Für die israelische Rechte ist das allmächtige Justizsystem fest in der Hand hartnäckiger Linker, die einen Rückzug aus den 1967 eroberten Gebieten unterstützen. Nach ihrer Ansicht hat Ariel Scharon die Richter mit seinem Rückzug aus dem Gazastreifen gnädig gestimmt. Dennoch wurde Omri Scharon im Januar 2006, als sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wegen  illegaler Finanzierung des Likud-Blocks zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016