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VW-Abgasaffäre: Keiner ist schuld

Länder: Deutschland

Tags: VW, Abgasskandal

Nach Bekanntwerden der Abgasaffäre kündigte der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn eine schonungslose Aufdeckung der Umstände an. Das gleiche Credo vertritt sein Nachfolger, der ehemalige Porsche-Chef Matthias Müller. Seither leitete VW zwar Maßnahmen zur Schadensbegrenzung ein, aber wer die Verantwortung für die Abgasmanipulation trägt, ist weiter unklar.

Klar ist dafür, dass VW im Jahr 2015 aufgrund des Skandals 1,6 Milliarden Verluste machte. Grund dafür ist, dass der Konzern 16,2 Milliarden Euro zurückstellen musste, um die drohenden Kosten durch die Abgasmanipulation zu decken. 2014 hatte der Konzern noch Gewinne von knapp 11 Milliarden erwirtschaftet.

Wir haben den aktuellen Stand in der VW-Abgasaffäre in drei Punkten für Sie zusammengefasst:

 

Die Klage in Amerika: 

Der VW-Konzern einigte sich im April dieses Jahres auf eine "Grundsatzvereinbarung" mit den amerikanischen Behörden und Klägeranwälten. Sie betrifft die Inhaber der rund 480.000 Fahrzeuge mit 2-Liter-Motoren, die von den Behörden bei Aufdeckung des Skandals im vergangenen September als manipuliert eingestuft wurden. Den Inhabern soll es nun freistehen, ob sie ihre Autos reparieren lassen, sie eintauschen oder zurückgeben. Zudem sollen die Verbraucher eine finanzielle Entschädigung erhalten. Die Einzelheiten der Vereinbarung sollen bis zum 21. Juni verhandelt werden, bis dahin verordnete der zuständige Richter allen Beteiligten Stillschweigen.

Damit ist die Gefahr eines Gerichtsprozesses in den Vereinigten Staaten erst einmal abgewendet, aber ein paar Unbekannte gibt es noch:

>>> In den USA zirkulieren noch etwa 90.000 Autos mit 3-Liter-Motoren, die ebenfalls als fragwürdig identifiziert wurden, von der Grundsatzvereinbarung aber ausgenommen sind.

>>> Noch laufen strafrechtliche Ermittlungen des amerikanischen Justizministeriums gegen VW. Das US-Justizministerium wirft dem Wolfsburger Autobauer den Einsatz von Betrugssoftware und Verstöße gegen das Klimaschutzgesetz vor. Die Verstöße könnten mit einer Milliardenstrafe geahndet werden.

 

Der Rückruf 

Insgesamt sind weltweit mehr als elf Millionen Diesel-Fahrzeuge von der Abgas-Manipulation betroffen, davon rund 2,5 Millionen Fahrzeuge in Deutschland. Hier startete VW seine große Rückrufaktion Ende Januar mit dem Model Amarok. Doch danach konnte VW seinen Zeitplan nicht einhalten. Für Februar war die Überarbeitung von 160.000 Passat-Modellen vorgesehen, doch die wurde nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Grund ist eine fehlende Freigabe durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Das KBA hatte nach Bekanntwerden der Fälle in den USA Überprüfungen an Fahrzeugen durchgeführt und die Fehler in drei Kategorien eingeteilt:

>>> Gruppe I: unauffälliges bzw. erklärbares Verhalten bei abweichenden Emissionen
>>> Gruppe II: auffällig hohe Stickoxid-Werte 
>>> Gruppe III: Fahrzeuge mit unzulässiger Abschalteinrichtung

Zu dieser letzten Gruppe gehören nur VW-Fahrzeuge mit dem Skandal-Diesel EA 189 an Bord: VW Beetle 2.0 TDI, Golf 1.6 TDI, VW Passat 2.0 TDI, VW Polo 1.2 TDI, bestimmte Modelle des VW Amarok. 

Der Rückruf betrifft nun als nächstes betroffene VW Golf-Modelle: 15.000 Besitzer von manipulierten Golf-Diesel aus ganz Europa sollen per Schreiben aus Wolfsburg informiert werden. Laut einem Bericht der Autobild ist es Fahrzeughaltern mit betroffenen Modellen jedoch angeraten, eine VW-Werkstatt aufzusuchen, da ihnen andernfalls die Fahrlizens entzogen werden könnte. Ob ihr Fahrzeug betroffen ist, können Sie auf dieser Internetseite prüfen, die VW für seine Kunden bereit gestellt hat.

 

Die Schuldfrage 

Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn hatte bereits im September die Konsequenzen aus dem Abgasskandal gezogen: Er hatte sich zunächst im Namen des Unternehmens entschuldigt und war am Tag darauf zurückgetreten. Nun wurde bekannt, dass er bereits 2013 wusste, dass Autos der BlueMotion-Serie weit mehr CO² ausstoßen als angegeben. Der CO²-Ausstoß stimme nur dann mit den Angaben überein, wenn ideale Testbedingungen vorherrschten, unter Realbedingungen stiege er allerdings um bis zu 18 Prozent. Winterkorn soll daraufhin angeordnet haben, das Problem durch technische Innovation zu lösen. Bisher hatte er immer angegeben, von den gefälschten Daten nichts gewusst zu haben.

Wolfgang Hatz, der zuletzt Entwicklungsvorstand beim Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche war, verliess das Unternehmen Anfang Mai. Er war seit September beurlaubt, da er zwischen 2007 und 2012 die Motorenentwicklung bei VW leitete. In dieser Zeit wurde auch die Betrugssoftware in Dieselmotoren eingebaut, mit der die Abgaswerte verfälscht wurden. Hatz soll laut Unternehmensangaben seit seiner Beurlaubung konstruktiv bei der Aufklärung geholfen haben und nichts von der Betrügersoftware gewusst haben. 

Das Unternehmen hatte zudem eine interne Ermittlung in Auftrag gegeben, um die Schuldigen in der Abgasaffäre zu entlarven. Beauftragt hatte das Unternehmen die US-Kanzlei Jones Day. Einen Zwischenstand der Ermittlungen hatte VW ursprünglich Mitte April veröffentlichen wollen, doch das wurde nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Dafür soll es zwei Gründe geben: Zum einen soll die US-Kanzlei in den Ermittlungen noch nicht soweit sein wie ursprünglich angenommen. Zum anderen könnte die Veröffentlichung eines Zwischenberichts Auswirkungen auf die Ermittlungen der US-Justizbehörde haben und sich zum Nachteil für VW auswirken.
 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016