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Von Sfax nach Straßburg: Die Odyssee eines tunesischen Haraga

Länder: Frankreich, Italien, Tunesien

Tags: Lampedusa, Verbogenheit, Migration

Ein Haraga – wörtlich „der, der etwas verheizt“ – ist jemand, der Gesetze übertritt, etwa schwarzfährt oder Stoppschilder missachtet. Haraga heißen auch jene, die illegal über das Meer nach Europa wollen. Von Sfax über Lampedusa nach Straßburg: die Geschichte eines Migranten, der Ihr Nachbar sein könnte.

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Ich komme aus Sfax. Die Schule habe ich mit 17 aufgegeben, weil ich nicht mehr mit ansehen konnte, wie sich meine Eltern abrackerten und ihnen helfen wollte. Und auch, weil ich das Internat gehasst habe. Gut war ich nur in Geschichte und Mathematik, aber vielleicht hätte ich doch bis zum Abitur durchhalten sollen. Danach habe ich zehn Jahre lang in der Cafeteria der Universität gearbeitet, war dort sogar der Boss. Im Ramadan, in den Ferien und am Wochenende habe ich als Taxifahrer dazuverdient. In den letzten Jahren bin ich nur noch Taxi gefahren, das bringt mehr ein und hat mir auch mehr Spaß gemacht.

Vor fünfzehn Jahren habe ich dann mehrmals ein Visum für Frankreich beantragt. Aber ich hatte weder ausreichende Einkünfte, noch eine Unterkunft, noch ein Jobangebot vorzuweisen – also hatte Frankreich kein Interesse, mich aufzunehmen. Eines Tages hat mich ein Typ in einem Cafe angesprochen: „1.000 Euro¸ und ich besorg dir ein gefälschtes Visum.“ Ich habe gezahlt, aber er hat mich reingelegt, ist einfach verschwunden. Normalerweise zahlst du für ein Visum nur eine Stempelmarke von 20 Euro.

2001 habe ich dann ein Flugticket gekauft: Tunis – Abidjan mit Zwischenlandung in Zürich. Ich wollte von dort mit dem Zug weiter nach Frankreich, bin aber nie aus der Transitzone rausgekommen. Ein Polizist hat mir damals gesagt: „Für euch Araber ist jetzt Schluss in der Schweiz.“ – das war einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September. Ich musste also weiter an die Elfenbeinküste. Da bin ich zehn Tage geblieben und dann wieder nach Hause geflogen.

Im Juli 2002 habe ich ein Visum für Deutschland beantragt, aber das hat auch nicht geklappt. Und da habe ich dann angefangen, an eine Bootsüberfahrt zu denken, obwohl man damals, noch unter Ben Ali, mindestens zwei Jahre Gefängnis riskierte, wenn man erwischt wurde – und die Strafen für die Schlepper waren noch um einiges härter. Unser Präsident hat ja von Frankreich mächtig Geld dafür bekommen, dass er die Ausreisewilligen aufhielt.

Anfang 2011 habe ich die Idee mit dem Boot dann fallen gelassen, da gingen ja die Demonstrationen los, bei uns in Sfax war das am 12. Januar. Da gab's auch Gewalt, und ich musste Taxi fahren, mitten in den Protesten und Zusammenstößen mit der Polizei. Und dann gab's plötzlich keine Polizei mehr, die Polizisten hatten keine Führung mehr, an der Küste patrouillierten nur noch ein paar Soldaten. In einem Café habe ich dann jemanden getroffen, der mir gesagt hat: „Für 450 Euro kommst du rüber.“

 
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Ende März habe ich mich von meiner Mutter, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedet und bin los, an den Strand von Djerba, nur mit ein bisschen Milch und ein bisschen Wasser. Meine Papiere habe ich damals nicht mitgenommen - damit ich sie nicht verliere, und vor allem, damit sie mich bei der Ankunft nicht identifizieren konnten. Wir haben uns um halb zehn Uhr Abends am Strand getroffen und dem Schlepper das Geld gegeben. Der hat es an seinen Bruder weitergegeben, bevor er mit uns an Bord gegangen ist. Wir waren 64 Passagiere, ausschließlich Männer, zusammengequetscht wie die Sardinen, auf einem Holzboot, das keine zehn Meter lang war. 

Ein paar Seemeilen nach Djerba hat uns ein Patrouillenboot der Armee angehalten. Sie haben uns befohlen kehrt zu machen. Sie haben uns auch gewarnt vor dem starken Wind auf offener See. Damit hatten sie auch recht, wir hatten später sehr zu kämpfen mit den Wellen. Aber wir wollten auf keinen Fall zurück. Wir haben gedroht, das Boot anzuzünden, wenn sie uns nicht fahren lassen. Als wir angefangen haben, Diesel im Boot auszuschütten, haben sie uns gesagt: „Okay, dann macht doch, was ihr wollt.“

Auf halber Strecke hat dann die Wasserpumpe den Geist aufgegeben. Das Boot ist langsam voll gelaufen, wir haben das Wasser mit Dieselkanistern abgeschöpft, so gut es ging. Zum Glück hat es der Schlepper geschafft, die Pumpe zu reparieren. Die Überfahrt hat 25 Stunden gedauert. Wir haben uns gegenseitig unser Leben erzählt und unsere Träume von Europa.

Gleichzeitig mit uns ist ein anderes Boot mit 45 Passagieren aufgebrochen. Sie hatten auch eine Panne, haben es aber nicht geschafft, sie zu reparieren. Nur drei von ihnen haben überlebt. Sie hatten sich an Bretter geklammert und wurden vom letzten Boot aufgefischt, das an dem Abend abgelegt hatte. Ich habe sie später in Lampedusa gesehen. Kein schöner Anblick: Sie hatten überall Wunden, am Körper, im Gesicht – irgendwelche Fische hatten sie halb aufgefressen. All die Leute, die da schon im Meer umgekommen sind, das ist eine echte Katastrophe.

 

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Am nächsten Abend um Viertel vor elf sind wir in Lamedusa angekommen. Hundert Meter vor der Küste haben uns Rettungsboote aufgefischt. Die Küstenwache hat unser Boot zerstört. Die Kranken und Verletzten sind mit Krankenwagen weggebracht worden, wir anderen sind ins Auffanglager gekommen. Das Rote Kreuz hat sich gut um uns gekümmert, uns mit Essen, Kleidern und sogar Zigaretten versorgt. Aber das Lager war hoffnungslos überbelegt, die Betten waren alle besetzt, die Leute haben auf dem Boden geschlafen, sogar in den Hängen der Hügel rund um das Lager herum. 25.000 Tunesier sind 2011 in Lampedusa gelandet, das ist schon eine gewaltige Zahl. Nach acht Tagen haben sie uns auf verschieden Durchgangslager in Italien aufgeteilt. Ich bin nach Foggia gekommen, ich habe sogar das Glück gehabt, dass ich mit einem Freund aus Sfax zusammenbleiben konnte, der mit mir abgehauen war. Er ist jetzt in Paris - ein echter Freund, ich würde alles für ihn tun. 

In Foggia gab's mehr Platz, wir waren zu zweit in einem Zimmer, das war wesentlich erträglicher. Die Italiener haben uns eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis für sechs Monate gegeben. Am Tag durften wir in die Stadt, am Abend mussten wir zurück ins Lager. Am dritten Tag bin ich nicht zurückgegangen, sondern habe den Zug nach Mailand genommen und dort den nach Lyon. Aber die französischen Zöllner haben den Zug kontrolliert und mich direkt an der Grenze, in Modane, rausgeworfen. Sie haben noch zwei weitere Illegale geschnappt, einen anderen Tunesier und einen Türken. Die Bahnpolizei hat uns Fingerabdrücke genommen und uns fotografiert. Sie haben uns ein Papier gegeben, auf dem stand, dass wir das französische Staatsgebiet unverzüglich zu verlassen hatten. Ich habe gefragt, wo ich denn hin soll, und einer der Beamten hat gemeint: „Mir ist es egal, ob du in Italien oder in Frankreich verschwindest.“ Sie haben uns zu essen gegeben und uns laufen lassen.

Ich habe einen Freund angerufen, der in Straßburg lebt, und ihm das Dorf beschrieben, in dem ich war. Er hat es auf Google Maps gefunden und mir gesagt, ich soll dort warten, er fährt gleich los und ist im Morgengrauen da. Ich habe mich die ganze Nacht in den Bergen versteckt, weit weg von der Straße, in Regen und Kälte. Um sieben Uhr morgens ist mein Freund angekommen und hat mich nach Frankreich mitgenommen.

 

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Ich habe in Frankreich nie eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt, weil ich hundertprozentig sicher bin, dass ich keine Chance habe. Ich habe weder einen Lohnzettel, noch eine Einstellungszusage, noch eine Heirat in Aussicht, noch Geld, um mir einen Anwalt zu leisten. Ich habe nur ein paar tunesische Freunde und einen französischen Arzt, der mir hilft.

Ich wusste, dass es hart werden würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass das Gesetz so schwer zu begreifen sein würde. Diese Sache mit den Papieren ist so was, was wir daheim „unmögliche Liebe“ nennen. Ich liebe die Freiheit mehr als alles andere, aber ich bin hier nicht frei. Ich kann zum Beispiel nicht in der Nähe des Bahnhofs herumlaufen, an der zentralen Umsteigestelle der Straßenbahn oder auf dem Weihnachtsmarkt – zu viele Polizisten. Das tut mir am meisten weh: dass ich hier nicht frei bin. Wenn ihr nach Tunesien kommt, seid ihr Menschen, die kommen und gehen können, wie sie wollen - wir sind hier nur Tiere.

Am Anfang war ich sechs Monate lang in Paris. Da hat uns eine Journalistin von Al-Arabija Geld angeboten, für ein Interview auf der Baustelle, wo wir illegal arbeiteten. Wir haben abgelehnt. Ich habe in einem verlassenen Haus gewohnt und mit einem Türken für einen Laden gearbeitet, der Baufirmen unter der Hand mit Material versorgt. Dann bin ich zurück nach Straßburg. Hier arbeite ich auf Abbruchbaustellen, für kleine Firmen, schwarz.

Seit ich in Frankreich bin, bin ich sechs Mal festgenommen worden. Im Mai haben sie mich in das hiesige Abschiebelager gesteckt. Nach sechs Tagen bin ich vor Gericht gekommen und dann per Flugzeug nach Italien abgeschoben worden. In Rom haben sie mich wieder laufen lassen. Ich bin zurück nach Mailand und habe den Bus nach Straßburg genommen. Die Schweizer Zöllner haben mich durchgelassen, mit meiner abgelaufenen italienischen Aufenthaltsgenehmigung und meinem tunesischen Pass. Das ist doch sinnlos. Ich hatte dem Richter ja gleich gesagt, dass ich doch sofort wieder zurückkomme und dass das Geld für die Abschiebung zum Fenster rausgeworfen ist.

Von Juni bis August habe ich überhaupt keine Arbeit mehr gefunden. Das war hart. Noch dazu war das gerade im Ramadan, ich habe nichts gegessen, hatte kein Geld, aber meine 30 Zigaretten am Tag habe ich doch gebraucht. In Tunesien habe ich einmal in der Woche eine Haschischpfeife geraucht, aber hier, mit dem ganzen Stress, rauche ich wie ein Fabrikschlot.

Ich habe das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung, aber keine Wohnbeihilfe. Deswegen lebe ich in einem Obdachlosenheim. Ich weiß auch genau, dass ich irgendwann wieder abgeschoben werde, wenn nicht heute, dann morgen. Ich habe derzeit wirklich ein Scheißleben, aber ich bin trotzdem zufrieden. Ich komme rum, und der Wille, mir etwas aufzubauen, hält mich aufrecht.

Ich mag Herausforderungen. Ich kaufe mir zum Beispiel immer schwerere Sudoku-Hefte. Das hat mich sogar schon mal gerettet. Ich war in der Straßenbahn, beim Tüfteln an einem Sudoku. Da sind Polizisten zugestiegen. Ich habe mich voll auf mein Sudoku konzentriert, um meine Panik unter Kontrolle zu halten. Und sie sind an mir vorbei, ohne mich zu kontrollieren - sicher, weil ich gewirkt habe wie ein ganz normaler Typ auf dem Weg zur Arbeit.

Texte und Fotos von Laure Siegel

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016