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"Von dem wirtschaftlichen Aufschwung in Russland und China profitiert die ganze Welt"

Länder: China, Russland

Tags: Wirtschaftsbeziehungen, Apec, Interview

Auf dem zweitägigen Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) in Peking haben sich die 21 APEC-Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten getroffen. Auf dem Programm standen Themen wie die Sicherheitspolitik und der Handel. Mitglieder der APEC sind China und Russland, zwei Länder dessen wirtschaftliche Beziehungen immer enger werden. Bedroht die stärkere Bindung zwischen Russland und China die Beziehungen mit Europa und den USA?

Am 09. November 2014, einen Tag vor dem Beginn des APEC-Gipfels in Peking, an dem auch der US-amerikanische Präsident Barack Obama teilnahm, trafen sich der chinesische Präsident Xi Jinping und der russische Präsident Wladimir Putin, um ihre Zusammenarbeit nochmal zu stärken. Es ist nun das zehnte Treffen der Staatsmänner innerhalb der letzten beiden Jahre. Auf dem Wirtschaftsforum wollen die beiden Länder das Unterzeichnen von verschiedenen Abkommen vorantreiben, vor allem im Energiebereich. Zu diesem Anlass lobte Präsident Xi  das exzellente Wachstum der chinesisch-russischen Beziehungen: „Jetzt sind wir im Herbst angekommen und es ist Zeit, die Früchte zu ernten. Welcher Art die Veränderungen in der Welt auch sein werden, wir werden unseren Weg weiterverfolgen, um unsere auf Gegenseitigkeit beruhende und fruchtbare Zusammenarbeit zu verlängern und zu verstärken.“ China und Russland haben sich in den letzten Jahren nochmal deutlich angenähert, nicht zuletzt weil zwischen Moskau und dem Westen ein tiefer Graben klafft. Außerdem fürchten sich Chinas Nachbarn vor der Macht und den Ambitionen des Landes. Erst Mitte Oktober dieses Jahres haben China und Russland rund 40 bilaterale Verträge unterzeichnet – darunter zahlreiche Finanz-, Handels-und Energieabkommen.

 

Mehr über die jüngsten Abkommen erfahren Sie in unserer Grafik.

 

 

 

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Über die chinesisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen hat ARTE Info mit Dr. Alexander Libmann, Wissenschaftler an der Berliner "Stiftung Wissenschaft und Politik", gesprochen, dessen Schwerpunkt auf den wirtschaftlichen Beziehungen Russlands mit anderen Staaten liegt.

 

ARTE: Wie ist es um die chinesisch-russischen Wirtschaftbeziehungen bestellt?

 

Dr. Alexander Libmann: Für die russische Regierung haben die chinesischen Partner Priorität. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit China sind für Russland enorm wichtig. Schaut man aber auf die tatsächliche wirtschaftliche Verflechtung zwischen Russland und China, dann liegt sie deutlich hinter dem Niveau der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Russland und Europa.

 

Warum ist China für Russland so wichtig und umgekehrt, in welchen Bereichen haben sie Abkommen geschlossen?

 

Dr. Alexander Libmann: China profitiert von Russland in zwei Bereichen. Erstens ist Russland ein Land voller Rohstoffe. China hat insbesondere im Energiebereich seit Jahren permanente Probleme. Es kann sich zwar mit einheimischer Kohle selbst versorgen, aber nicht mit Erdöl und Erdgas. Aus diesem Grund sind die russischen Gas- und Ölvorkommen für China sehr attraktiv. Ein zweiter Aspekt ist der Konsumentenmarkt. China versucht schon seit Jahren aktiver auf den russischen Konsumentenmarkt zu dringen. Ein Beispiel dafür ist die Freihandelszone innerhalb von Shanghai Cooperation Organzisation, die China schon seit Jahren vorschlägt.

 

Für Russland sind die Beziehungen zu China aus zwei Gründen von Bedeutung. Erstens kommen auch hier wieder die russischen Rohstoffe ins Spiel. Russland ist auf China als Abnehmer der Ressourcen angewiesen und möchte deshalb die Rolle Chinas weiter ausbauen. Zweitens versucht Russland in China einen Ersatzweg zu den globalen Kapitalmärkten zu finden.

Für China sind besonders die russischen Öl-und Gasvorkommen attraktiv.

Dr. Alexander Libmann, Stiftung Wissenschaft und Politik

 

An einem Punkt stimmen die Interessen der beiden Länder überein, und zwar im Bereich der Gaspipelines, genau in dem Bereich, wo es in den letzten Monaten die wichtigsten Entwicklungen gab. Die genauen Vorgänge zwischen China und Russland sind ziemlich intransparent. Bei den ursprünglichen Abkommen wurden beispielsweise die Preise für die russischen Gaslieferungen gar nicht angegeben. Außerdem ist nach wie vor nicht klar, ob China die Bauarbeiten finanzieren wird oder ob Russland, also Unternehmen wie Gazprom, Kredite dazu beziehen muss.

 

 

Möchten sich Russland und China unabhängiger von Europa und den USA machen?

 

Dr. Alexander Libmann: Das sehe ich definitiv nicht so. Ich sehe erstens überhaupt keinen Wunsch seitens der chinesischen Regierung sich unabhängig oder unabhängiger von Europa oder den USA zu machen. Ganz im Gegenteil, alles was China in den letzten 20 Jahren gemacht hat, war auf den Aufbau von wirtschaftlichen Verpflichtungen fokussiert. Das ist der wichtigste Einflussfaktor, den China heute überhaupt in der Weltwirtschaft hat. In Bezug auf Russland ist diese Frage schwieriger zu beantworten. Russlands Rhetorik zielt sicherlich darauf ab, sich unabhängiger vom Westen zu machen, indem wirtschaftliche Beziehungen zu China aufgebaut werden. Inwieweit das aber tatsächlich das Ziel Russlands ist, bleibt unklar.

 

Was bedeutet eine immer stärkere Vertiefung der russisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen für Europa und die USA?

Russlands Rhetorik zielt sicherlich darauf ab, sich unabhängiger vom Westen zu machen, indem wirtschaftliche Beziehungen zu China aufgebaut werden."

Dr. Alexander Libmann, Stiftung Wissenschaft und Politik

 

Dr. Alexander Libmann: Ich sehe da ehrlich gesagt überhaupt keine Probleme für Europa und die USA. Die wirtschaftlichen Beziehungen sind grundsätzlich gut. Von den chinesisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen profitieren Russland und China gleichermaßen und von dem wirtschaftlichen Aufschwung in Russland und China profitiert wiederum die ganze Welt. Gasbeziehungen sind da schon etwas komplexer, aber auch in diesem Bereich verschlechtern sich für Europa nicht die Bedingungen, nur weil Russland verstärkt mit China handelt. Ein klares Ziel in Europa ist die Diversifizierung von Gaslieferungen. Ich glaube, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit und die Beziehungen zwischen Russland und China dazu beitragen, dass Russland politisch weniger aggressiv vorgeht, da es definitiv nicht im chinesischen Interesse ist, einen Partner zu haben, der Probleme mit dem Westen hat.

 

Das illegale Vorgehen Russlands in der Ukraine scheint China gänzlich egal zu sein, es geht dem Land vor allem um wirtschaftlichen Profit. Ist China der Gewinner der Ukraine-Krise?

 

Dr. Alexander Libmann: China ist nicht egal, was Russland macht und grundsätzlich ist das Land mit derartigen Instabilitäten unzufrieden. Es wird permanent von der Weltgemeinschaft gezwungen, Stellung zu beziehen. Die chinesische Regierung macht dies in Konfliktfragen allerdings nur sehr ungern, vor allem wenn es dabei nicht um die eigenen Interessen Chinas geht. Ich glaube Peking profitiert definitiv von dem Ukraine-Konflikt, zumindest weil Russland jetzt als Verhandlungspartner schwächer geworden und eher bereit ist, Chinas Bedingungen zu akzeptieren. China profitiert aber definitiv nicht von den grundsätzlichen weltwirtschaftlichen Problemen, weil es der Produzent für die Weltwirtschaft ist, auch für Europa. Wenn die Weltwirtschaft abschwächt, dann ist das auch für China schlecht.