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Volksbühne: 100 Jahre und nicht weniger rebellisch

Länder: Deutschland

Tags: Volksbühne, Theater

Die Berliner Volksbühne steht seit ihrer Eröffnung vor 100 nach wie vor für radikales, freies und modernes Theater. Diese Woche nähern wir uns nun jeden Tag einem anderen Protagonisten der Volksbühne. Im letzten Teil unserer Reportage-Reihe treffen wir Regisseur und Moderator Jürgen Kuttner. Er organisiert seit 20 Jahren monatlich einen Abend, an dem er auf humoristische Weise Videoschnipsel hinterfragt. Zum 100. Geburtstag der Volksbühne hat er nun eine bunte Revue vorbereitet, die das Theaterkonzept Volksbühne selbstironisch unter die Lupe nimmt.

 

Die Kunst dem Volke! - 100 Jahre Geschichte der Volksbühne

Im Telefonbuch hat sie dreimal die Adresse gewechselt. Dabei steht der Kalksteinbau seit hundert Jahren an derselben Stelle, mitten in Berlin. Die Idee, das Theater zu gründen, ist sogar noch um einige Jahre älter. Am 23. März 1890 wurde im Berliner Volksblatt unter dem Motto "Die Kunst dem Volke!" ein Aufruf zur Gründung einer freien Volksbühne gestartet. Im Zuge der Arbeiterbewegung hatte man zum Ziel, auch dem Proletariat Zugang zu Kultur zu verschaffen. Der Verein "Neue Freie Volksbühne" wurde gegründet und durch Spenden der Mitglieder, den sogenannten "Arbeitergroschen", kam schnell eine beträchtliche Summe für den Bau des Theaters zusammen.

 

Theater am Bülowplatz

Von 1913 bis 1914 wurde der Entwurf von Oskar Kaufmann am Bülowplatz, mitten in Berlin, erbaut. Das Theater, das für 2.000 Besucher vorgesehen war, pflegte ein besonderes Platzvergabesystem. Um der Arbeiterklasse den Kauf einer Karte zu ermöglichen, verlangte man einen einheitlichen Mindestbetrag von 50 Pfennig und verloste anschließend die Sitzplätze. Von Anfang an war die Volksbühne Treffpunkt einer alternativen und rebellischen Theaterszene. Wer hier spielte, gehörte zu den ganz Großen im Theatergeschäft oder wurde zum Star.

 

Theater am Horst-Wessel-Platz

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, war diese experimentfreudige Zeit schlagartig vorbei. Das Prinzip des Volkstheaters, das der Arbeiterklasse die Freuden der Kultur näher bringen sollte, war nicht mehr erwünscht. Von nun an war die Volksbühne gleichgeschaltet, wie die übrigen Theater Deutschlands auch. Der Bülowplatz wurde nach einem ermordeten „Nazi-Märtyrer“ umbenannt. Nachdem Bomben das Theatergebäude schwer beschädigten, wurde es 1944 geschlossen.

 
Theater am Rosa-Luxemburg-Platz

Nach Kriegsende befand sich die Ruine in Ostberlin. Zwischen 1950 und 1954 wurde das Gebäude wieder aufgebaut und Mitte der 1950er Jahre als hauptstädtisches Theater in der DDR wiedereröffnet. Erneut versammelte die Volksbühne die Größen der Branche unter ihrem Dach, darunter der Regisseur Benno Besson oder die Schauspielerin Katharina Thalbach. Der Spielplan der Volksbühne verknüpfte in dieser Zeit ausschließlich Gegenwartsstücke mit einer modernen Regie.

Nach der Wende übernahm 1992 Frank Castorf die Intendanz. Noch heute leitet er die Volksbühne. Er machte sie in den 22 Jahren zu dem, was sie heute ist: eines der spannendsten Theater in der deutschen Hauptstadt. Auf der Bühne wird viel experimentiert: Neue Theatermöglichkeiten werden erprobt und die Grenzen zwischen Schauspiel, Performance und Tanz aufgehoben. Die Berliner Volksbühne ist zwar alt, aber rebellisch wie eh und je.

Lea Rauch

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016