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Vierter Tag

Länder: Tchad

Tags: Flüchtlinge, Darfur, Literatur

Uwe Timm ist ein engagierter Schriftsteller mit einem politischen Anliegen: Deshalb war er sofort bereit, für ARTE Reportage in das Flüchtlingslager Breidjing im Tschad zu fahren, um über die Menschen dort und ihre Schicksale zu berichten. Vierter Teil seines Reisetagebuchs.

Das Flüchtlingslager liegt nur wenige Kilometer von der Verwaltungsstation entfernt. Die Sonne, die Wärme, der blaue Himmel sind für mich, den Nordländer, immer wie eine Bestechung, die mir die Armut in den südlichen Ländern nie als so drückend erscheinen lässt.   Dieser erste freundliche Eindruck wird noch verstärkt durch die das Lager in Sektionen einteilenden, terrakottafarbenen Mauern. Sie sind aus luftgetrockneten Ziegeln errichtet. An und in diese Mauern eingelagert die kleinen Behausungen, abgedeckt mit Stroh oder Plastikbahnen. Dazwischen, grau und blau,  von der UNHCR gelieferte Planen. Vor den meisten dieser Hütten ist eine kleine, vielleicht vier, allenfalls sechs Quadratmeter große freie Fläche, hin und wieder mit einem Busch oder Baum bestanden. Schmale Gassen teilen die einzelnen Blöcke. Die Mauern, fast mannshoch, verlaufen nicht gerade, sondern leicht gewunden wie über den Daumen gepeilt und sind dem leicht gewellten Boden angepasst. Auch das ist wichtig: Die Flüchtlinge haben die Behausungen wie auch die langen Mauern selbst errichtet. Kein Wellblech, keine Bretter, sondern  Lehm, Äste, Stroh. Natürliches, in der Umgebung gefundenes Material. Dieses Flüchtlingslager sieht, das muss gesagt sein, freundlicher aus als viele der Favelas in  Brasilien oder Kolumbien. Und zu diesem freundlichen Eindruck tragen auch die vielen bunten Baumwollschleier bei, die von den Frauen getragen werden. Teilweise sind sie mit realistischen Motiven bedruckt: Einer dieser großen Schals zeigte die Banknoten verschiedener Länder, ein anderer stilisierte Pelikane, besonders auffallend einer mit großen grünen Fröschen.

Der Fremde kann sich frei bewegen. Viele Kinder folgen ihm zwar neugierig, aber bedrängen ihn nicht. Einige streichen mir wie verstohlen und zufällig über die Hand, über die Haut. Kleine Kinder weichen hin und wieder erschreckt zurück, verstecken sich hinter den Müttern. Weiße sind hier offensichtlich  sehr seltene Gäste, dieser hier wird freundlich aufgenommen, nicht angebettelt. Die Flüchtlinge sprechen Arabisch und Masalit, einige beherrschen etwas Englisch, sie haben es aus dem Sudan in den frankophonen Tschad mitgebracht. Zwei Übersetzer begleiten uns.

Ein großer Mann, gekleidet in ein einfaches, weißes Gewand, auf dem Kopf eine weiße Kappe, ist der Sprecher von Block 5. Er empfängt uns mit einer würdevollen Höflichkeit  und bittet uns in die kleine offene Versammlungshalle. Vier roh behauene Pfosten tragen in ihren gewachsenen Gabelungen das Flache mit Stroh gedeckte Dach. Es ist die denkbar einfachste Form aller späteren Hallen. Auf meine Bitte schreibt der Chef mir seinen Namen in arabischer Schrift in mein Notizbuch. Die Übersetzer liest es vor: Suleymann Ah-ar. Mit einer Handbewegung bittet Suleymann uns auf einem Teppich am Boden Platz zu nehmen. Eine Frau bringt einen Teller mit Nudeln. Bei den reduzierten Lebensmittelzuteilungen eine wahrhaft großzügige Geste. Die Frauen setzen sich etwas abseits auf den staubigen Boden.

Befragt, seit wie vielen Jahren er hier im Lager lebt, erzählt Suleymann  ruhig und gefasst seine Geschichte, die er mit den meisten anderen im Lager teilt. Vor zehn Jahren waren sie nachts aus dem Dorf geflohen, als die islamistischen Djandjawids, die "Reiter des Teufel", erschienen. Hütten und Häuser wurden angezündet, Frauen vergewaltigt, Männer und auch Kinder getötet. Er ist mit Frau und Kind davon gelaufen, hat sich versteckt und ist nachts zu Fuß weiter geflohen. Nach einem langen Marsch sind sie über die Grenze in den Tschad gekommen. Sie hatten das Glück, in der Nähe der Grenze zu wohnen. Andere waren dem Morden ausgeliefert. Mit ihm sind viele aus seinem Dorf geflohen.

Und warum wurden sie vertrieben, er wie all die anderen Flüchtlinge hier ist doch auch Moslem?

Wegen des Viehs, sagt er, wegen des Lands. 

Hier angelangt, wurde ihnen 2003 zumindest eine vorläufige Bleibe zugewiesen. Die Ernährung wurde durch das World Food Programm gesichert.   Suleymann Ah-ar war einmal Herr über eine große Herde von Rindern und Schafen. Auf meine Frage, wie viele es gewesen waren, sagt er nur: Viele. In seiner ruhigen aufrechten Haltung  drückt sich der  Stolz des einmal Besitzenden aus, auch wenn von der großen Herde nur zwei Schafe geblieben sind, die jetzt auf der kleinen staubigen Fläche vor der Hütte stehen. Er war schon in der alten Ortschaft der zweite Chef.  Zu seinem  Stolz gehört, dass er nicht über das Schicksal jammert, sondern ruhig, fast sachlich erzählt. Ein Gesicht, das von Trauer geprägt ist. Ich darf einen Blick in seine kleine, vielleicht sechs Quadratmeter große Hütte werfen. Am Boden eine Matratze,  ein Plastikstuhl, ein verblichener ausgefranster Teppich. Ein paar Habseligkeiten. Elektrizität gibt es nicht. Fließendes Wasser auch nicht. Man kann sich zu bestimmten Stunden Trinkwasser holen. Die Wasserversorgung organisiert eine der Nichtstaatlichen Organisationen. Das Trinkwasser wird in großen Tanks gespeichert und an verschiedenen Stellen stehen chromblitzende Wasserhähne in einer Höhe, dass auch Kinder sie öffnen können. 

Befragt, welche Probleme es im Augenblick gebe, sagt  Suleyman Ah-ar: Die Rationierung der Holz- und Lebensmittellieferungen. Von 12,5 Kilogramm auf 4 Kilogramm pro Kopf und pro Monat. Die Reduktion der Lebensmittel hängt, man ahnt es, mit der Situation in Syrien zusammen, wo Millionen auf der Flucht sind. Aber das kann für diese Menschen in ihrer Not kein Argument sein, dass andere Menschen ebenfalls in Not sind. Die unmittelbaren Folgen dieser Rationierung sind, sagt Suleymann, Diebstahl von Lebensmitteln und Gewalt. Eine Gewalt, die zwischen den Menschen, die hier auf so engem Raum zusammenleben, nun plötzlich ausbricht und sich besonders gegen die Frauen richtet. In dem Lager gibt es keine Polizei, keine Gerichtsbarkeit. Kriminalität gebe es in dem Lager sonst nicht. Es gibt auch nichts zu stehlen. Die Armut schafft die Gleichheit. Die Probleme der Gewalt zwischen Mann und Frau, zwischen Nachbarn werden innerhalb der Kommune besprochen und auch gelöst. Aber diese neue Gewalt ist nicht durch Gespräche und Vermittlung zu lösen, wenn die Ursachen im Hunger liegen.   Frauen sind die Hauptleidtragenden in diesem Lager, sie, die Schwächeren, sind den körperlichen Übergriffen preisgegeben und zugleich, wie man beobachten kann, diejenigen, die den Alltag strukturieren, die eine prekäre soziale Ordnung aufrecht erhalten. Man sieht sie geschäftig arbeiten. Kochen, vor allem bei dem  Herbeischaffen von Holz, Wasser,  Essbarem, das sie in der kargen Landschaft sammeln.  Während unseres Aufenthalts stirbt eine Frau, die Zwillinge erwartete. Bei ihr hätte ein Kaiserschnitt gemacht werden müssen. Der aber kann in der Krankenstation nicht ausgeführt werden. Es gibt keinen Chirurg und keinen Operationsraum. Die Frau starb auf dem Transport in das Krankenhaus in Abéché, das fünf quälende Stunden entfernt liegt.

Suleymanns Wunsch? Er möchte zurück in sein Dorf. Und die Rationen sollten wieder erhöht werden.  Eine junge Frau in Weiß hat sich zu uns gesetzt. Sie ist 33 Jahre alt, spricht französisch, hat acht Kinder und war von einer der Hilfsorganisationen für vierzehn Tage nach Europa, nach Holland eingeladen worden. Vierzehn Tage das Paradies, wo man alles kaufen kann. Das Wasser aus der Leitung kommt. Und der ewige Regen? Aber der bringt Wasser. Und das Land ist grün und fruchtbar.  Dass das Paradies nicht das Paradies ist, wissen die dort Lebenden.  Aber  für die Menschen hier ist es genau das.

Viele Kinder folgen den Gästen aus dem Norden, neugierig und  flüsternd. Schenkt man ihnen eine Kleinigkeit? Das Für und Wider. Unsere Produktionsleiterin, die alles organisiert, auch noch aus dem Französischen übersetzen muss, Anne, ist dagegen. Ich denke  an die Zeit, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, die Stadt war zerstört, Trümmer, Hunger und Kälte und Krankheiten. Die Kaugummis der Amerikaner, die Schokolade, die Kekse, die uns von den GIs geschenkt wurden,  waren wie ein Versprechen auf eine andere, reichere, freundliche Welt. Die Engländer schenkten nichts. Wer weiß, vielleicht findet die Hinwendung zu Amerika, zu den Jeans, den Filmen, der Musik, worüber sich die Erwachsenen damals empörten, ihren ersten Grund in diesen Geschenken und dem Geschmack von Kaugummi und Schokolade. Unsere Wünsche und Ängste reichen tief in die Kindheit hinab. Wie auch die Erinnerung an die Flüchtlinge aus dem Osten, die aus Pommern und Ostpreußen kamen und nach Hamburg geflohen waren. Sie hausten in fensterlosen Nissenhütten am Isebek-Ufer. In einer dieser Hütten waren bis zu vierzig Menschen untergebracht. Auch das ist ein Erinnerungsbild, Frauen, die  vor den dampfenden Wannen stehen und Wäsche waschen, Kohlen sammeln, Holz hacken. Es fehlten die Männer. Die waren tot oder in Gefangenschaft. Und die wenigen, die es noch gab,  waren alt oder invalid. Die Zeit der an Krücken Gehenden, der Männer mit den  umgeschlagenen Jackenärmeln.  Und das Mädchen und der Junge, die im Winter barfuß in  die Schule kamen, bis ihnen ein paar Schuhe geschenkt wurden. Willkommen waren die Flüchtlinge, obwohl sie deutsch sprachen und dieselbe Hautfarbe hatten, nicht. 

Ich versuche den Menschen zu sagen, diese Flucht ist nicht so neu, sieben Millionen Menschen waren von den Ostgebieten in den Westen geflohen. Das ist kein Trost, könnte aber den Blick freigeben auf  die Möglichkeit zu handeln. Tätig zu werden. Der Entschluss, in der neuen Umgebung sein Leben zu planen, etwas zu beginnen. In der Fremde heimisch zu werden. Das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge, das im fernen Genf angesiedelt ist, versucht jetzt nach zehn Jahren eine Lösung für dieses  Lager zu finden, in dem die Flüchtlinge wie in einem Limbus leben, nicht mehr dort, woher sie kamen, und nicht da, wo sie sind. Es wäre der Versuch, die Flüchtlinge, die man bislang im Abseits alimentiert hat, zur Integration zu bewegen. Darum wurde der sudanesische Lehrplan auf den des Tschads umgestellt.

Der daraus entstandene Konflikt wird sichtbar bei dem Besuch der Schule. Einfache Bauten, aus getrockneten Backsteinen errichtet. 1500 Schüler werden von 15 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. Die Schulräume sind leer, keine Bank, kein Tisch. Eine Tafel, mit Kreide beschrieben, lehnt an der Wand, arabische Schriftzeichen und Zahlen, und sogleich fällt einem ein, unsere Zahlen kommen aus dem Arabischen. Draußen im Schatten einer Akazie sitzen vier Lehrer, zwei Frauen, zwei Männer. Der große freie Platz vor der Schule ist leer. Keine Kinder sind zu sehen.  Ein Schulstreik.

Wir erfahren, die Flüchtlinge schicken ihre Kinder nicht zur Schule. Sie weigern sich, die Kinder nach dem neuen Lehrplan des Tschad unterrichten zu lassen. Dabei kann der Unterschied allenfalls die Geschichte des Landes betreffen.  Und in höheren Klassen das Erlernen des Französischen.

Die Flüchtlinge haben Angst, ihre Identität zu verlieren. Die wiederum ist an die Hoffnung gebunden, in die alte Heimat zurückkehren zu können. Wünscht auch der Tschad eine Rückkehr der Flüchtlinge? Die offizielle Antwort ist Ja. Aber ich bin mir nicht so sicher. Man hat eher den Eindruck, dass dieses  von der UNO unterstützte Lager für die Region auch eine Art Entwicklungshilfe ist. Viele Jobs sind damit verbunden: Fahrer, Wächter, Monteure, Angestellte.

Gegen eine Rückkehr spricht die historische Erfahrung: Dort, wo sie waren, leben inzwischen andere, die wiederum vertrieben werden müssten. Eine lange Geschichte der Vereine aus Ostpreußen und Schlesien, all die Gesangs- und Volkstanzgruppen, in denen in Deutschland über Jahrzehnte die Hoffnung auf Rückkehr gepflegt wurde, sind mit dem Sterben der Generation der Vertriebenen bedeutungslos geworden. Auch hier ist eine Rückkehr nicht mehr möglich. Es ginge darum, den Entschluss von der vorläufigen alimentierten Bleibe zur selbstständig bestimmten und für den Unterhalt selbst sorgenden Gemeinschaft zu finden. Wenn der Eindruck nicht trügt, fehlt es aber unter den Flüchtlingen an einer politischen Führung, die diese Integration vermitteln kann. Der Wunsch der alten Menschen ist die Rückkehr. Und der Wunsch der jungen? Sie wollen aus dem Lager. Wollen eine Zukunft haben. Wenn es zurück in den Sudan ginge, gut, aber besser wäre Europa. Deutschland oder Holland.

Ein junger Mann spricht mich an zwei Tagen gleich dreimal in einem guten Englisch an, einmal auf dem kleinen Markt, zweimal vor dem Lager. Ob ich  ihm eine Erlaubnis für die Einreise nach Deutschland verschaffen könne?  Das wäre der Weg aus der Armut und Hoffnungslosigkeit. Denn irgendeine qualifizierte Arbeit findet sich hier nicht. Ernährt zu werden, ist in seinem Alter, das ich um die dreißig schätze, keine Option, weder für seinen  Stolz, noch für die Neugierde, noch für seinen Ehrgeiz. Und so, wie der Mann aussieht, so wie er mir begegnet, mit dieser  freundlichen Hartnäckigkeit, wird er sich bald auf den Weg machen. Und niemand kann es ihm verdenken.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016