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"Vierter Brief" von Atiq Rahimi

Länder: Libanon

Tags: Flüchtlinge, Palästina, Beirut, Literatur

Dein dritter Brief ist nicht von Hand geschrieben. Er wurde ausgedruckt, auf einem gewöhnlichen weißen Blatt Papier. Du erzählst darin vom Abendessen mit deiner Mutter, davon, wie besorgt sie war, als du ihr sagtest, dass du mich liebst, beunruhigt darüber, dass ich älter bin als du, und in allergrößter Sorge, weil ich Schriftsteller und Regisseur bin... Ein Glück, dass du ihr nicht erzählt hast, dass ich ein Flüchtling bin!

Ein Flüchtling ist das schlimmste Wesen auf Erden. Ja, ein Flüchtling macht Angst. Er ist ein Schuldiger, ein Verurteilter, ein Verdammter! Sowohl im eigenen Land als auch im Zufluchtsland. So wie die palästinensischen Flüchtlinge im Turm der Türme. Eingesperrt, ohne Zukunft, ohne Vergangenheit... Schwebend in der Zeit, erstarrt im Raum.

Das Leben im Exil ist ein weißes Blatt Papier, weißer noch als deins. Bestimmt hast du irgendwo diese Geschichte gelesen, die ich überall erzähle:

"Ich träumte von einem Anderswo, einem besseren Leben; ich floh vor dem Krieg. Schweigend, ängstlich, näherte ich mich der Grenze, in der Hoffnung, Schrecken und Leid würden meine Spur verlieren.

Es war Nacht, eine kalte Nacht. Vollkommene Stille. Ich hörte nur das gedämpfte Geräusch meiner eisigen Schritte im Schnee ... An der Grenze angekommen, riet mir der Schleuser, mich noch einmal umzudrehen und einen letzten Blick auf mein Heimatland zu werfen. Ich blieb stehen und schaute zurück. Und sah nichts als eine weite schneebedeckte Fläche, die meine Fußspuren trug.

Und jenseits der Grenze Ödnis, leer wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ohne eine einzige Spur. Ich sagte mir, so würde es sein, das Exil: ein leeres, weißes Blatt, das  beschrieben werden muss."

Seitdem schreibe ich, wo immer ich hingehe, und bitte auch die anderen, die Vertriebenen, zu schreiben. Ihr Leben, die Spuren ihres Lebens festzuhalten. So wie ich hier, in einer Schule in Burj el-Barajneh, die Kinder gebeten habe, auf losen Blättern von ihren schönsten Erinnerungen zu erzählen. Hier einige davon:

Israa‘ Sbeih: "Eines Tages bin ich mit meiner Familie zum Strand gegangen. Als wir ankamen, sah ich das klare Wasser und den blauen Himmel und spürte den warmen Sand unter den Füßen. Ich lief zum Wasser, um zu baden. Den ganzen Nachmittag über haben wir gespielt, und am Ende des Tages haben wir Eis gegessen."

Abdallah Sbeih: "Eines Tages sind mein Vater, meine Mutter und ich zum Vergnügungspark gegangen. Schon am Eingang sah ich lauter tolle Attraktionen. "Komm, wir spielen!", sagte ich zu meinem Vater. Wir sind Autoskooter gefahren... Diese Autos sind so schön und machen so viel Spaß! Sie sind wunderbar! Ich war auch auf den großen Schaukeln und auf allen Karussells und Bahnen, die mir gefielen. Es war toll! Am Ende haben wir eine Kleinigkeit gegessen und Saft getrunken. Zu Hause war ich überglücklich und habe mir geschworen, wieder hinzugehen."

Doha Sbeih: "Eines Tages bin ich mit meiner Familie in den Zoo gegangen. Wir haben uns alle Tiere angeschaut, die es dort gab. Als erstes sahen wir einen Affen, der plappernd eine Banane aß, dann einen Hasen, der Möhren knabberte, und einen Pfau, der stolz seine schönen Federn zeigte. Und die Vögel, die oben in den Bäumen zwitscherten. Plötzlich sah ich, wie ein Junge den Affen schlug, ich lief zu ihm und sagte: "Warum schlägst du ihn? Er ist doch ein Lebewesen, das Schmerz empfindet!" "Danke für deinen Rat", antwortete der Junge. Dann holte er eine Banane für den Affen, und der nahm sie und lächelte übers ganze Gesicht. Nachdem wir uns im Zoo amüsiert hatten, sind wir guter Dinge wieder nach Hause gegangen."

So einfach ist es, das Glück auf den weißen Blättern des Exils niederzuschreiben. Im Turm der Türme zeigt sich dieser Traum vom schlichten Glück auch in den Behausungen und auf der Kleidung der Exilanten. Schau dir diese Fotos an:

 

Schau dir an, wie die Gestalten, die sich dort umherbewegen, in der Szenerie verschwimmen. Vielleicht ist ja das der Traum dieser Vertriebenen: mit dem Raum zu verschmelzen, mit der Stadt, dem Land deiner Ahnen - das sich hingibt und sich verwehrt, sich weder hingibt noch sich verwehrt - und vielleicht sogar mit der Welt...

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016