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Video eines "Mörders" in Uniform

Länder: Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Rassismus, Polizei, USA

Ein weißer Polizist aus dem US-Bundesstaat South Carolina wurde des Mordes angeklagt, nachdem ein Amateurvideo seine Version einer Auseinandersetzung mit einem schwarzen Verdächtigen widerlegte. Auf dem von der New York Times veröffentlichten Video ist klar zu erkennen, wie der Polizist Michael T. Slager, 33 Jahre alt, dem flüchtenden Walter L. Scott, 50 Jahre alt, 8 mal in den Rücken schießt. Das Video lässt keine Waffe im Besitz des Opfers erkennen. Dennoch hatte der Polizist behauptet, um sein Leben gefürchtet zu haben. Der Vorfall ereignete sich am Samstag in der Stadt North Charleston, Auslöser soll eine banale Verkehrskontrolle wegen offenbar nicht funktionierender Rücklichter gewesen sein.

Dieser Akt von tödlicher Polizeigewalt lässt die Debatte um unverhältnismäßigen Gewalteinsatz der Sicherheitskräfte in den Vereinigten Staaten, insbesondere gegen Schwarze, erneut aufflammen. Und die Diskussion um die Ausstattung der Polizei mit Körperkameras. 

Es ist der Tod des 18 jährigen Michael in Ferguson, im August 2014, der die Debatte um Polizeigewalt und latenten Rassismus  landesweit entfacht hat. Sie erinnern sich: Der weiße Polizist Darren Wilson erschoss den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown. Die Menschen in Ferguson reagierten mit schweren Auseinandersetzungen. Was genau geschah, ist bis heute nicht geklärt –  aber der fall von Ferguson hat das Thema endlich ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Genau wie der Polizist in Charleston trug auch Darren Wilson keine Körperkamera.

47%

der Bevölkerung von North Charleston hat afro-amerikanische Wurzeln.

 

80%

der Polizisten in North Charleston sind weiss.

 

In Ferguson wurde noch im September 2014 begonnen, die Polizei mit sogenannten

Body-Cams auszurüsten. Immer mehr Städte setzten auf den diese neue Technologie, die das Verhalten von Polizisten aber auch von potentiellen Verdächtigen positiv beeinflussen soll. Denn das Vertrauen zwischen den Uniformierten und besonders der schwarzen Bevölkerung ist zerrüttet. In der 20 000 Seelen Stadt Ferguson sind zwei Drittel der Bevölkerung schwarz, aber nur 3 der  53 Polizeibeamte haben afro-amerikanische Wurzeln. Auch in North Charleston, Ort des jüngsten tödlichen Schüsse eines Polizisten gegen einen Schwarzen, ist das Verhältnis von schwarzer Bevölkerung und weißen Polizeibeamten unausgewogen: 47 % der Bevölkerung in der 100 000 Einwohner Stadt hat afro-amerikanische Wurzeln, rund 80% der Polizisten dagegen sind weiß. Die Todesschüsse von Ferguson oder North Charleston sowie zahlreiche weiteren Fälle in den USA hätten vielleicht vermieden werden können, hätte die Beamten die Szene gefilmt.

75 Millionen Dollar über 3 Jahre für 50.000 neue Body-Cams

 

Noch ist nur ein kleiner Teil der  750 000 Polizisten in den USA mit der Kamera um den Hals oder an Brille oder Mütze ausgestattet, bald  sollen es zehntausende sein.  US-Präsident Barack Obama will lokale Polizeibehörden in den kommenden drei Jahren mit 75 Millionen Dollar unterstützen, damit 50.000 Körperkameras angeschafft werden können.  Obwohl Obamas Plan mehr Überwachung im öffentlichen Raum bedeutet, unterstützen auch Bürgerrechtler den Einsatz von Body-Cams.

So befindet zum Beispiel die Organisation ACLU (American Civil Liberties Union), dass die Vorteile eindeutig gegenüber den Nachteilen überwiegen. "Auch wenn wir im Grundsatz die Ausweitung von Überwachungskameras im amerikanischen Alltag kritisch sehen, ist es mit Körperkameras für die Polizei aus unserer Sicht etwas anderes, weil sie den möglichen Missbrauch der Polizeigewalt überprüfbar machen", erklärt ACLU. 

"Wenn man Polizeibeamten eine Kamera umhängt, tendieren sie dazu, sich etwas besser zu betragen, die Regeln etwas besser zu befolgen. Und wenn ein Bürger weiß, dass ein Beamter eine Kamera umhat, wachsen die Chancen, dass sich der Bürger etwas besser beträgt", sagt William A. Farrar, Polizeichef im kalifornischen Rialto. Er startete 2012 einen Feldversuch, seit dem tragen 70 Beamten in Rialto Body-Cameras. Das Ergebnis: Die Gewaltanwendung von Polizisten ging um 60 Prozent zurück, und die Beschwerden über Polizisten nahmen um 88 Prozent ab. 

Und noch mehr aufschlussreiche Beobachtungen bescherte die Kamerabestückung in Rialto: Jene Streifen, die ohne Kameras ausrückten, wurden doppelt so oft in Zwischenfälle mit Gewaltanwendung verwickelt wie die Kollegen mit Kameras. Die Auswertung des Videomaterials ergab außerdem, dass Polizisten ohne Kameras deutlich eher Gewalt anwendeten, obwohl sie selbst nicht physisch bedroht waren. Die kameratragenden Polizisten ergriffen im Beobachtungszeitraum in keinem einzigen Fall als erste zur Gewalt, während die Beamten ohne Kamera dies in fünf von 17 Fällen taten.

Signifikanter Rückgang der gewalttätigen Vorfälle bei Polizeieinsätzen.

 

Eine Verminderung von Polizeieinsätzen, bei denen Gewalt angewendet wird, kann man auch in Oakland beobachten. Die Stadt in im US-Bundestaat Kalifornien besitzt landesweit die größte Armada von kameratragenden Polizisten. Und kann einen signifikanten Rückgang der gewalttätigen Vorfälle bei Polizeieinsätzen vorweisen.

 

Polizei Oklahoma

 

Dass diese Kameraausstattung  in den technikaffinen USA noch nicht landesweit zum Polizeialltag gehört, liegt auch daran, dass viele Polizisten sie nicht verwenden wollen. Sie fühlen sich kontrolliert und kollektiv unter Verdacht gestellt. Dazu kommt ein weiterer Schwachpunkt für die schon mit Kameras ausgestatteten Beamten: Sie können die kleinen Geräte nach Belieben ein- oder auszuschalten. 

Es bleibt dem engagierten US-Bürger aber noch eine andere Methode, um Polizeigewalt oder Polizeiwillkür entgegenzutreten. Nämlich die Beamten beim Einsatz selbst zu filmen. Diese Amateurvideos kann man zum Beispiel seit 2010 auf der Website Filming Cops öffentlich machen. Denn das Filmen von Polizisten ist bisher überall in den USA erlaubt – nur in Texas gibt es einen Vorstoß, um künftig den Filmenden zu verpflichten, mindestens 25 Fuß (rund 13 Meter) Abstand von den Beamten zu halten. Filming Cops gibt auch Tipps,  wie man sich an einen Polizisten wendet, der wissen will, warum man ihn filmt. Erstens kann man gar nichts sagen - auch das ist ein Recht in den USA. Oder aber man erklärt ihm: 

„Nach zahlreichen, vor lokalen oder nationalen Gerichten untersuchten Fällen, zeichne ich hier polizeiliche Aktivitäten auf, um einen objektiven, wahrheitsgemäßen Beleg des hier Stattgefundenen zu erstellen. Ich stelle Ihre Fähigkeit, Recht und Ordnung herzustellen, nicht in Frage, sondern ich bin hier, um die Situation objektiv zu dokumentieren. Das ist sowohl in Ihrem wie meinem Interesse.

Auch in Deutschland laufen Pilotprojekte mit kameratragenden Polizisten. Vorreiter ist Frankfurt, aber auch in Wiesbaden, Offenbach und neuerdings auch in Hamburg,  St Pauli, kommen sie zum Einsatz. Anders in den USA, sollen sie in Deutschland allerdings in erster Linie die Beamten vor Übergriffen schützen.

Doch ganz gleich, warum und von wem die Polizei bei der Arbeit gefilmt wird, ein Allheilmittel ist das nicht. Denn nichts ersetzt gute, saubere Polizeiarbeit. 

DIe Body-Cam: Sie wiegt ca. 800 g. und kostet in Deutschland rund 1800 euro. Sie kann an einer speziellen Weste angebracht werden, aber es gibt auch Modelle, die an einer Brille oder einer Mütze befestigt werden können. Die Body-Cam zeichnet das komplette Geschehen im „Pre-Recording-Modus“ auf bzw. überschreibt die aufgenommenen Sequenzen immer wieder, ohne diese zu speichern. Erst wenn der mit der Body-Cam ausgestattete Beamte in brenzligen Situationen die Videofunktion aktiviert, werden rückwirkend die Videosequenzen der letzten 30 bis 60 Sekunden auf dem Datenträger gespeichert

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016