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Vergewaltigung – Ein Kriegsverbrechen

Länder: Kroatien

Tags: de Bosnie-Herzégovine, Kriegsverbrechen, Kroatien

Kroatien hat als erstes Land der Welt die während des Unabhängigkeitskampfes verübten Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen anerkannt. 

  „Die serbischen Soldaten sind zu uns gekommen. Einer von ihnen hat mich aufgefordert, mich neben ihn zu setzen. Er hat zu mir gesagt: ‚Zieh dich aus‘. Ich habe gefleht: ‚Bitte, bitte.‘ Er hat wiederholt: ‚Zieh dich aus, sonst hole ich ein Dutzend anderer Männer, und sie werden dich erschießen.‘ Ich habe versucht, ihn davon abzubringen, mich zu vergewaltigen, aber ich hatte keine Kraft mehr. Er sagte zu mir, dass ich seine Gefangene sei und dass wir beide Spaß haben würden. Danach kam ein anderer Mann. Er hat mich in ein anderes Zimmer mitgenommen. Er hat mich ebenfalls vergewaltigt.“ Berichte wie der von Snejnana, die zu Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskriegs, der von 1991 bis 1995 dauerte, 22 Jahre alt war, gibt es in jeder Konfliktzone zuhauf. Vier Jahre lang wurde die junge Frau immer wieder vergewaltigt. Nach Informationen der UNO, teilt sie dieses Schicksal mit 2 200 Leidensgenossinnen. 

 

Im Mai 2015 hat die kroatische Regierung ein weltweit einzigartiges Gesetz verabschiedet, in dem die Vergewaltigungen, deren Opfer diese Frauen wurden, als nie verjährende Kriegsverbrechen anerkannt werden. Wenn die Frauen vor einer ab Januar 2016 eingerichteten Expertenkommission ausgesagt haben, können sie ein Schmerzensgeld in Höhe von bis zu 20 000 Euro und verschiedene staatliche Hilfen erhalten. Dazu zählen unter anderem eine psychologische Betreuung, kostenlose Sozial- und Krankenversicherung, Unterstützung für die Unterbringung in Zentren für Kriegsveteranen sowie eine monatliche Rente von 320 Euro – das sind mehr als 80 % des kroatischen Mindestlohns.

 

Sie dürfen nicht ungestraft davonkommen

Europa und der Rest der Welt haben in Sachen Anerkennung der Opfer von Kriegsvergewaltigungen noch einen langen Weg vor sich. Vom 10. bis 13. Juni 2014 fand in London ein einzigartiges Gipfeltreffen zum Thema statt, bei dem die Frage der sexuellen Gewalt im Kontext bewaffneter Konflikte und der Einsatz von Vergewaltigungen als „Kriegswaffe“ diskutiert wurden. Den Vorsitz bei der Versammlung führten der damalige britische Außenminister William Hague und die Schauspielerin Angelina Jolie, die sich stark für die weiblichen Opfer einsetzt.   Sie hatte 2012 bei In the Land of Blood and Honeyeinem Film über die an bosnischen Frauen während des Bosnienkriegs 1995 systematisch verübte sexuelle Gewalt, Regie geführt.

 

Zu dem Treffen kamen Vertreter aus 123 Ländern, darunter 48 Außenminister, sowie Vergewaltigungsopfer, um „das Bewusstsein zu wecken“ für die Ausmaße des Übels, um dafür zu sorgen, dass die Verbrechen „nicht ungestraft bleiben“ und um „eine unaufhaltsame Bewegung anzustoßen“, die in „konkrete Aktionen vor Ort“ münden würden. Denn die Zahlen sind erschreckend. Laut Vereinten Nationen werden in der Demokratischen Republik Kongo täglich 36 Frauen und Mädchen vergewaltigt. Die Zahl der Opfer sexueller Gewalt wird auf insgesamt 200 000 seit 1998 geschätzt. Im Kontext des Völkermords in Ruanda wurden 1994 zwischen 250 000 und 500 000 Frauen vergewaltigt. In Sierra Leone waren es mehr als 60 000 und im Bosnienkrieg zu Beginn der 1990er Jahre mindestens 20 000.

 

Während des Zweiten Weltkriegs blieb auch Europa nicht verschont. Die Zahl der deutschen Frauen, die nach Ende der Naziherrschaft 1945 von Soldaten der Sowjetarmee vergewaltigt wurden, wird auf zwei Millionen geschätzt. Die Schätzungen für die Missbrauchsopfer beim Einfall der nationalsozialistischen Truppen in der UdSSR ab 1941 bewegen sich in ähnlichen Bereichen. Bei der Befreiung Italiens sollen zwischen dem 15. Mai und Anfang Juli 1944 tausende Frauen von Soldaten des französischen Expeditionskorps (CEF) vergewaltigt worden sein. Nach Berichten der Tageszeitung Libération, wurden Frauen, Männer, Kinder und alte Menschen – Zivilisten zwischen 8 und 72 Jahren – Opfer dieser als marrocchinate bezeichneten  Massenvergewaltigungen.

 

Zuletzt geändert am 17. Januar 2017