"Van Gogh – Artaud"... Der Selbstmörder durch die Gesellschaft

Länder: Frankreich

Tags: Artaud, Van Gogh, Orsay

In der Ausstellung "Van Gogh - Artaud" im Pariser Musée d'Orsay stehen sich zwei Künstler gegenüber, die Seelenverwandte hätten sein können.

Bis zum 6. Juli 2014 stellt das Pariser Musée d'Orsay Werke von Van Gogh und Artaud aus. 
 

Januar 1947: Antonin Artaud eilt durch die Säle des Pariser „Musée de l’Orangerie.“ Zum ersten Mal sieht er hier die Gemälde des niederländischen Malers, der ein halbes Jahrhundert zuvor verstorben war. Artaud ist wie vom Donner gerührt. Van Gogh entzündet in ihm ein Feuer, das ihn blendet und verzehrt. Er wird SEIN Maler. Der 50-jährige Künstler hat nur noch ein Jahr zu leben. Der Theater-Theoretiker, Schauspieler, Schriftsteller, Essayist, Zeichner und Dichter lebt in einem permanenten Schaffensrausch, innerlich völlig vereinnahmt von seiner schriftstellerischen und zeichnerischen Tätigkeit. Aber seine Kräfte lassen nach.
 

Die Freiheit, die er erst seit einigen Monaten genießt, kann die neun Jahre nicht auslöschen, in denen er in verschiedenen psychiatrischen Anstalten interniert war, wo er zahlreiche Elektroschocks über sich ergehen lassen musste. Während dieser Zeit denunziert Artaud unablässig die Unmenschlichkeit der  geschlossenen psychiatrischen Kliniken und die Barbarei der dort praktizierten Behandlungen. Für die Psychiater empfindet er nichts als Abscheu. Auf van Gogh hatte ihn der Galerist Pierre Loeb aufmerksam gemacht. Da sich Loeb darüber bewusst war, welche traumatischen Erfahrungen Artaud in der Psychiatrie gemacht hatte, schlug er ihm vor, einen Text über den Maler zu schreiben, der damals als verrückt galt. Als in der Presse Auszüge aus dem Buch eines gewissen Dr. Beer, Du démon de Van Gogh (Über van Goghs Dämon), veröffentlicht wurden, in dem der Arzt den Maler und sein Werk lediglich aus dem klinischen Blickwinkel betrachtet, entschließt sich Artaud, dem Mann mit dem abgeschnittenen Ohr zu Hilfe zu eilen. Ende Januar 1947 schreibt er: Van Gogh, ein Selbstmörder durch die Gesellschaft. In diesem kraftvollen und radikalen Text – einem der schönsten und treffendsten der Kunstgeschichte – lehnt er sich gegen das Urteil auf, das die Gesellschaft seiner Zeit über die psychische Gesundheit des Malers fällt. Artaud ist der Auffassung, dass diejenigen, die van Goghs Malerei störte, den angeblich „Geisteskranken“ daran hindern wollten, „unerträgliche Wahrheiten“ zu äußern und ihn daher zum Selbstmord trieben.      

 

Auszug aus dem Nachwort:

Van Gogh starb nicht etwa an einem Delirium als solchem, sondern deshalb, weil er physisch der Schauplatz eines Problems war, mit dem sich von Beginn an der feindliche Geist dieser Menschheit auseinandersetzt, nämlich mit dem Problem der Vorherrschaft des Fleisches über den Geist, des Körpers über das Fleisch, oder die des Geistes über das eine oder das andere. Und wo ist in diesem Delirium der Ort des menschlichen Ichs? Van Gogh hat sein Ich das ganze Leben lang gesucht, mit seltsamer Energie und Entschlossenheit. Er hat sich nicht in einem Anfall von Wahnsinn umgebracht, in der Trancezustand desjenigen, der sein Ich nicht finden kann. Ganz im Gegenteil: Gerade, als er es gefunden hatte, als er entdeckt hatte, was und wer er war, trieb ihn das allgemeine Bewusstsein der Gesellschaft – um ihn dafür zu bestrafen, dass er sich von ihr losgerissen hatte – zum Selbstmord.

"Van Gogh, le suicidé de la société" ("Van Gogh, ein Selbstmörder durch die Gesellschaft") von Antonin Artaud (Französische Ausgabe : Éditions Gallimard)

 

Im Interview mit ARTE Journal spricht Gérard Mordillat über die Werke der beiden Künstler:

 

Gérard Mordillat

Der 1949 in Paris geborene Gérard Mordillat ist Romanschriftsteller und Filmemacher. Er hat unter anderem Vive la sociale !, Rue des Rigoles, L´attraction universelle, Les Vivants et les morts, und Notre part des ténèbres, sowie zahlreiche Spiel-und Dokumentarfilme (En compagnie d´Antonin Artaud, Paddy, Billy-ze-kick...) für das Kino und auch das Fernsehen veröffentlicht. Gemeinsam mit Jérôme Prieur hat er für ARTE die Fernsehserien Corpus Christi, L´Origine du christianisme und L´Apocalype geschrieben. Seinen Roman Les Vivants et les morts hat er selbst für das Fernsehen adaptiert. Seine jüngsten Veröffentlichungen (in Frankreich) sind das Essay Le miroir voilé et autres écrits sur l'image sowie der Roman Xenia.  Im Augenblick arbeitet er mit Jérôme Prieur für ARTE an einer Dokumentarreihe über den Islam.