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US-Luftangriffe zur Rettung der Jesiden im Irak

Länder: Irak, Syrien, Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Irak, Islamischer Staat, Jesiden, Christen, Obama, USA

Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ setzt ihre Angriffe im Norden Iraks fort. Nach den Schiiten und den Christen sind es nun die kurdischen Jesiden, die vor den Islamisten fliehen. Nach UN-Angaben sind bereits 200.000 Menschen vor den sunnitischen Extremisten auf der Flucht. Die US-Luftwaffe hat nun ihre Stellungen angegriffen. Barack Obama hatte zuvor grünes Licht für Luftschläge im Irak gegeben, um den Vormarsch der Dschihadistengruppe zu stoppen.

Sie sind zu Fuß geflüchtet, die meisten nur mit ihren Kleidern am Leib - Zehntausende Jesiden verstecken sich derzeit im Sindschar-Gebirge nahe der syrischen Grenze im Norden des Iraks – auf der Flucht vor Ermordungen, Entführungen und Vergewaltigungen. Die Geflüchteten leben unter freiem Himmel. Zelte, in denen sie sich vor der sengenden Sommerhitze schützen könnten, gibt es nicht. Es fehlt es ihnen an allem – an Essen, Trinken und Medikamenten. Die Lage für die religiöse Minderheit wird immer bedrohlicher. Denn die Menschen sind völlig abgeschnitten und von den IS-Kämpfern umringt. Kommt niemand den Flüchtlingen schnell zu Hilfe, drohen sie zu verhungern und zu verdursten. Mindestens 70 von ihnen sind offenbar in den letzten Tagen gestorben.  Erste Hilfspakete wurden per Fallschirm abgeworfen, viele Kartons aber zerschellten auf dem steinigen Boden des Gebirges, andere landeten in den Händen der Extremisten. Die Vereinten Nationen bereiten nun einen humanitären Korridor vor, um den Menschen aus den bedrohten Gebieten die Flucht zu ermöglichen.

„Amerika kommt zu Hilfe“

„Wenn wir die Möglichkeit haben, ein Massaker zu verhindern, dürfen wir nicht wegschauen“, erklärte nun US-Präsident Barack Obama. Ein Völkermord müsse verhindert werden. Die USA haben daher damit begonnen, am Sindschar-Gebirge Nahrungsmittel und Wasser aus Flugzeugen abzuwerfen. Zum Schutz der bedrohten Minderheit hat Obama zudem grünes Licht gegeben für Luftangriffe im Irak. Die Entsendung von Bodentruppen schloss er aus. Es werde sich vielmehr um „gezielte Operationen“ handeln, so der US-Präsident. Am Nachmittag griffen US-Kampfflugzeuge IS-Stellungen an, nachdem die Dschihadisten die Kurdenhauptstadt Erbil mit Artillerie beschossen hatten. Washington will verhindern, dass IS-Kämpfer Bagdad oder Erbil einnehmen, denn in diesen Städten sind derzeit 800 US-Militärberater stationiert.

 

 

Jesiden in der Falle

Zuletzt ist die Terrormiliz „Islamischer Staat“ immer weiter in Richtung Norden an die Grenzen der Autonomieregion Kurdistan und damit in die christliche sowie jesidische Gebiete vorgerückt. Die Jesiden werden immer weiter in die Enge getrieben. Schätzungen zufolge sind 130.000 von ihnen aus der ehemaligen jesidischen Hochburg Sindschar in die Städte Dohuk und Erbil im kurdischen Autonomiegebiet geflohen. In Sindschar selbst sollen nur noch etwa 25.000 der einst 300.000 Einwohner ausharren – in ständiger Angst vor weiteren Massakern der Gotteskrieger. Laut Augenzeugen sollen die Extremisten bereits 500 Männer der Glaubensgemeinschaft getötet haben. Ihre Frauen und Töchter seien als Geiseln genommen worden, um sie zu Ehen mit Dschihadisten zu zwingen. Die IS-Kämpfer, die mit äußerster Grausamkeit und Brutalität gegen Andersgläubige vorgehen, halten die Jesiden für Teufelsanbeter. Sie haben ihnen ein Ultimatum gestellt: Entweder sie treten zum Islam über oder sie werden getötet.

 

Unaufhaltsamer Vormarsch der IS-Kämpfer

In den vergangenen Tagen haben die Extremisten, denen mittlerweile mindestens 30.000 Mann angehören, weite Gebiete zwischen der nordirakischen Mossul und der Grenze zu Syrien erobert. Die kurdischen Pschmerga-Kämpfer haben zwar eine Gegenoffensive gestartet – jedoch vergebens. Weder die kurdischen noch die irakischen Streitkräfte scheinen derzeit den Gotteskriegern gewachsen. Diese vermelden einen Gewinn nach dem anderen. Im Handstreich haben sie sämtliche von Christen bewohnte Städte rund um Mossul erobert: Tal Kaif, Bartella und Karamlesch, aber auch Karakosch, die größte christliche Stadt des Landes. Sie sollen Kirchen besetzt, Kreuze heruntergerissen und wertvolle heilige Schriften verbrannt haben. Hunderttausend Christen sind in Richtung der Kurdengebiete geflohen.

 

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Nächstes Ziel: Bagdad

Die IS-Kämpfer haben bei ihrem Feldzug zahlreiche moderne Waffen, Panzer und Fahrzeuge erbeuten können. Seit Anfang Juni ist die Stadt Mossul komplett in den Händen der Terrormiliz. Sie hat auch den Staudamm eingenommen und kontrolliert damit große Mengen an Trinkwasser, sowie den Zugang zu dem Fluss, der durch das Herz der Hauptstadt Bagdad fließt. IS-Kommandos sollen inzwischen nur noch 20 Kilometer von der südlichen Stadtgrenze von Bagdad entfernt sein. Sie drohen, die Hauptstadt einzunehmen. Viele geben dem irakischen Ministerpräsidenten al-Maliki eine Mitschuld am Wiedererstarken der Extremisten. Denn er habe allein die Interessen der Schiiten vertreten und die Sunniten und Kurden an den Rand gedrängt. Eigentlich soll Präsident Fuad Massum einen Politiker mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragen. Doch der Streit um das Amt des Ministerpräsidenten hält an. Das Parlament soll erst am Sonntag wieder zusammenkommen, um über die Wahl des Regierungschefs zu beraten. Während in Bagdad weiter um eine politische Lösung gerungen wird, setzen die IS-Kämpfer ihren Vormarsch ungehindert fort. 

 

Wer sind die Jesiden?
Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Sie stammen aus dem Irak, Syrien, der Türkei und dem Iran. Die meisten von ihnen leben im Nordirak – in der Gegen um die Stadt Mossul, sowie im nahegelegenen Sindschar-Gebirge. Schätzungen zufolge soll es weltweit noch 800.000 Anhänger der Religion geben, davon bis zu 550.000 allein im Irak. Wegen Verfolgung und Diskriminierungen in ihren Heimatländern sind aber auch viele Jesiden ins Ausland geflohen. In ihrem über 4.000 Jahre alten Glauben vereinen die Jesiden Elemente des Islam mit Ideen altpersischer Religionen. Sie glauben an die Wiedergeburt und an einen einzigen Gott, der sieben Engel geschaffen hat, die in verschiedenen Zeitaltern herrschen. Im Jesidentum herrscht ein strenges Kastensystem. Jeside wird man qua Geburt, eine Konversion ist nicht möglich. Wer einen Andersgläubigen heiratet, gibt automatisch seine Religion auf. Die IS-Kämpfer verunglimpfen die Jesiden als „Teufelsanbeter“ und „Ketzer“. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016