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Türkei: Die mutigen Journalisten von Cumhuriyet

Länder: Türkei

Tags: Aydin Engin, Cumhuriyet, Charlie Hebdo

Die türkische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des Abdrucks von Mohammed-Karikaturen gegen zwei Kolumnisten der Zeitung Cumhuriyet eingeleitet. Den Journalisten werde unter anderem Volksverhetzung vorgeworfen, meldete die Nachrichtenagentur DHA.

 

„Je suis Charlie“ - das ist weltweit zum Symbol für couragierten Journalismus geworden. Und daher wundert es nicht, dass sich der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Gérad Biard, gestern bei der Präsentation der neuesten Ausgabe nach Osten Richtung Istanbul wandte. Wenn es eine Zeitung gäbe, mit der ich zusammenarbeiten würde, dann Cumhuriyet, sagte der Journalist. Die Zeitung hatte – nicht nur in der Türkei sondern in der gesamten islamischen Welt – als einzige die umstrittenen Mohammed-Karikaturen gedruckt. Die Redaktion bleibt damit ihrem Gründungsmotto treu, das 1924 in der ersten Ausgabe formuliert wurde: Den Kampf für den von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten, laizistischen Staat und die Vorherrschaft der Wissenschaft vor religiösem Wahn. Für ihre Haltung zahlen die Blattmacher allerdings einen hohen Preis: Keine andere Zeitung wird so sehr mit Prozessen überflutet wie Cumhuriyet, viele der Journalisten sind an Leib und Leben bedroht. „Trotz unserer bescheidenen Gehälter müssen wir ein Armee von Anwälten beschäftigen und bezahlen“, so eine Journalistin der Zeitung gegenüber der französischen Presse.

 

Pressefreiheit in der Türkei in Gefahr
Auf der Liste der Pressefreiheit, die jährlich von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ publiziert wird, rangiert die Türkei auf dem 154. von 180 Plätzen. Damit ist das Land zu einem der grössten Gefängnisse für Journalisten geworden, so die Organisation. Rund sechzig saßen Ende 2013 hinter Gittern, darunter auch Journalisten von Cumhuriyet. Die Türkei gehört ebenso zu den Rekordländern, in denen das Leben vieler Journalisten bedroht ist; 177 Fälle sind aktuell bekannt.

 

Der 74-jährige Aydin Engin, Theaterautor und Kolumnist für Cumhuriyet, über die Gründe, warum sein Blatt als einziges in der Türkei einen Teil der gestrigen Charlie-Hebdo-Ausgabe mit den Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. (Das Interview wurde vor Bekanntwerden der Ermittlungen geführt.)​

 

 

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ARTE Journal: Herr Engin, was waren die Beweggründe für die Redaktion, die in der muslimischen Welt, zu der ja auch die Türkei gehört, so sehr umstrittenen Mohammed-Karikaturen zu drucken?

 

Aydin Engin: Es ist richtig, dass wir als einzige Zeitung die Karikaturen veröffentlicht haben und das war für uns überhaupt kein Problem. Es war unsere journalistische Aufgabe und die haben wir umgesetzt, sonst nichts. Andere Zeitungen haben da offenbar Angst gekriegt, möglicherweise auch vor der Regierung, die das ja vehement kritisiert hatte. Das Risiko wollten die Redaktionen vermutlich nicht in Kauf nehmen. Wir haben dagegen darin eine Verpflichtung gesehen und nur aus technischen Gründen leider nicht die komplette Ausgabe von Charlie Hebdo drucken können. Ich war für die Auswahl verantwortlich und hätte gerne noch mehr davon in unser Blatt gesetzt. Der Grund dafür, dass das Titelblatt von Charlie Hebdo mit der Mohammed-Karikatur nicht auch bei uns auf dem Titel war, liegt allein darin, dass es bereits von zwei unserer Kolumnisten in kleinerem Format für deren Artikel genutzt worden waren.

 

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Wie die islamische Welt auf die neueste Charlie Hebdo Ausgabe reagiert hat, lesen Sie hier.

Gab es denn in Ihrer Redaktion interne Diskussionen, gab es auch Stimmen, die sich gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen haben?

 

Aydin Engin: Selbstverständlich gab es die. Wir waren uns da nicht alle einig. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich alles gedruckt. Aber einige Kollegen waren dagegen, vermutlich auch aus Angst. Immerhin leben in der Türkei zu 99 Prozent Muslime, und darunter gibt es nicht wenige, die streng konservativ und fromm sind, auch hier bei uns in Istanbul. Da kann man es schon manchmal mit der Angst kriegen, das kann ich verstehen. Und dann darf man nicht vergessen, dass Cumhuriyet in der Vergangenheit schon viele Opfer bringen musste, mutige Journalisten, die bei Attentaten getötet wurden. Darunter meine ehemaligen Kollegen Ugur Mumcu oder auch den Kolumnisten und ehemaligen türkischen Kulturminister Ahmat Taner Kislali. Beide starben durch Autobomben. Ich und alle anderen hier in der Redaktion können die Angst also gut verstehen.

 

Und dennoch hat sich eine Mehrheit der Redaktion für die Veröffentlichung entschieden.

 

Uns ging es nicht um den Islam, nicht um religiöse Fragen, sondern ausschließlich um die Pressefreiheit, um Meinungsfreiheit.

Aydin Engin - 15/01/2015

Aydin Engin: Nochmal. Uns ging es nicht um den Islam, nicht um religiöse Fragen, sondern ausschließlich um die Pressefreiheit, um Meinungsfreiheit. Es stand für Cumhuriyet noch nicht einmal so sehr im Vordergrund, wer die Attentate in Paris begangen hat. Uns ging es in erster Linie darum, unseren Protest deutlich zu machen gegen Gewalt, die sich gegen Journalisten richtet. Als Kollegen sahen wir darin unsere journalistische Aufgabe. Hätten wir es nicht getan, könnten wir doch nicht mehr in den Spiegel schauen. Was soll ich denn meinen Enkeln erzählen, wenn die mich mal fragen: Opa, wo warst du an dem Tag, an dem in Paris die Journalisten ermordet wurden, was hast du da getan?

 

Cumhuriyet ist eine regierungskritische, oppositionelle Zeitung. Wie sind ihre Arbeitsbedingungen in diesen Tagen? Die Polizei hatte ja gestern erst Ihr Verlagsgebäude umstellt.

 

Gestern ist in der Türkei eine Facebook-Seite eröffnet worden. Darauf wurden alle frommen Muslime dazu aufgerufen, sich vor der Redaktion zu versammeln, das Haus zu zerstören und die Journalisten totzuschlagen.

Aydin Engin - 15/01/2015

Aydin Engin: Das ist auch heute noch so. Die kleine Straße, die zu unserem Redaktionsgebäude führt, ist immer noch gesperrt. Und auch sonst gibt es massive Drohungen gegen uns. Gestern ist in der Türkei eine Facebook-Seite eröffnet worden. Darauf wurden alle frommen Muslime dazu aufgerufen, sich vor der Redaktion zu versammeln, das Haus zu zerstören und die Journalisten totzuschlagen. Und die Regierung, die Twitter und Facebook immer verdammt hat, weil es dort Proteste gegen Staatspräsident Erdogan gab, tut in diesem Fall nichts. Erdogan hatte gesagt, Pressefreiheit bedeute nicht Beleidungsfreiheit oder die Berechtigung zu Hass und Gewalt aufzurufen. Jetzt aber – im Fall des Mordaufrufs gegen uns - schweigt er, ebenso wie der Regierungschef und der Außenminister.

 

Wer könnte denn hinter der Facebook-Seite stecken?

 

Aydin Engin: Das ist eine Gruppe, die sich „Anatolischer Islamischer Verein“ nennt. Aber einen solchen Verein gibt es offiziell gar nicht, das wissen wir. Also ist das Maskerade, die wollen unerkannt bleiben. Aber die Gefahr ist real. Seit dem Mord an meinem engen Freund Hrant Dink (der türkische, armenischstämmige Herausgeber und Journalist, der im Januar 2007 von Attentätern auf offener Straße erschossen wurde) habe ich einen persönlichen Leibwächter, seit gestern habe ich jetzt zwei. Und ich bin nicht der einzige; es gibt noch vier andere Kollegen, die so leben und arbeiten müssen.

Das ist nicht so leicht, aber wir sind daran gewöhnt.      ​

 

 

 

Zuletzt geändert am 3. Februar 2017