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"Um den IS zu bekämpfen, brauchen wir ein alternatives politisches Programm"

Länder: Syrien

Tags: Nicolas Henin, Islamischer Staat, Falludscha, Raqqa

Der Journalist Nicolas Hénin kennt den Nahen Osten gut, er hat dort viele Jahre lang gearbeitet. Während einer Reportage in Raqqa im Jahr 2014 wurde er von der Gruppierung des Islamischen Staates als Geisel genommen. Seit seiner Befreiung hat er sich auf die Ausbreitung des IS in der Region spezialisiert. ARTE Journal hat ihn gefragt, was er von den bevorstehenden Kämpfen um Raqqa hält, der Hochburg der terroristischen Gruppierung in Syrien.

Kann der Kampf um Raqqa angesichts des Islamischen Staates entscheidend sein?

Das Drama dieser Region ist, dass jede Gemeinschaft von autoritären Führern gelenkt wird, die vorgeben, sie zu schützen und gleichzeitig ihr Unglück verursachen.

Nicolas Hénin - 07/06/2016

Nicolas Hénin: Der Kampf um Raqqa hat noch nicht begonnen. Raqqa verfügt über große Stabilität und ich sehe einen Kampf um Raqqa in naher Zukunft nicht stattfinden. Der "Islamische Staat" hat hier trotz allem großen Rückhalt in der Bevölkerung. In der Stadt leben mindestens 200.000 Menschen. Die Bevölkerung ist gespalten, sie befindet sich zwischen zwei Fronten. Hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, besetzt zu sein, aber auch dem Eindruck, dass die Daech das kleinere Übel ist. Es sind arabische Sunniten, die sich mit einem als schiitisch angesehenen Angriff im Westen und einem kurdischen im Norden konfrontiert sehen.

Die Kämpfer des Islamischen Staates präsentieren sich hier als Beschützer. Das Drama dieser Region der Welt ist, dass jede Gemeinschaft von autoritären Führern gelenkt wird, die vorgeben sie zu schützen und gleichzeitig ihr Unglück verursachen. So ist das im Falle des IS mit den arabischen Sunniten, aber auch bei den Kurden mit ihrer Bevölkerung und bei der Syrischen Regierung mit den Alawiten und Christen. Syrien befindet sich in einer Spirale der Grausamkeiten.

 

Dennoch hat der IS dort gewisse Gebietsverluste erlitten. Ist das der Anfang vom Ende?

Der Islamische Staat hat in den letzten 18 Monaten erhebliche militärische Rückschläge und Gebietsverluste einstecken müssen. Das ist in zweifacher Hinsicht wichtig, einerseits weil sie an Territorium verloren haben und andererseits, weil dadurch der Mythos der Unbesiegbarkeit und des Großmachtstatus, der dem IS bei der Rekrutierung extrem geholfen hat, gebrochen werden konnte. Der IS hatte sich ausgebreitet wie ein Lauffeuer und sehr schnell Gebiete erobert und ebenso schnell das Kalifat errichtet. Der IS erlebte eine Dynamik der Ausbreitung, die in Propaganda und Rekrutierung große Macht ausübte. Symbolisch betrachtet sind für den IS die Gebietsverluste ebenso verheerend wie seine Ausbreitung vorher gut für ihn war. 

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Man muss sagen, dass sich der IS in gewisser Weise mit diesen Gebietsverlusten arrangiert hat. Ich verweise dazu auf die letzte Ton-Aufnahme des Propagandaministers des IS von vor etwa zwei Wochen, in der er unumwunden erklärte, die Gebietsverluste seien nicht so schwerwiegend und es sei äußerstenfalls mit weiteren zu rechnen. Aber nur weil man Gebiete verliere, verliere man noch nicht den Krieg oder die Fähigkeit zu kämpfen. Das entspricht sicher nicht ganz der Wahrheit, denn der IS gibt ja vor, ein Staat zu sein, also muss er dafür auch Städte verwalten. Triebe man ihn dazu, nur noch als bewaffnete Gruppe durch die Wüste zu irren, würde er wieder zu einer banalen terroristischen Gruppierung werden. Der IS besitzt diese Anziehungskraft, weil er Städte verwaltet und weil er ein politisches Programm hat, das für die sunnitischen Araber in Syrien und im Irak attraktiv ist. Die, wir erinnern uns, von ihren jeweiligen Regierungen seit mehreren Jahren unterdrückt und misshandelt wurden.

 

Ist es vorstellbar, dass der IS seine Gebiete vollständig verliert?

Damit der IS all seine Gebiete verliert, müssten sich die arabischen Sunniten von ihm lossagen. Der IS ist vor allem eine Gruppierung, die die Bevölkerung anziehen und mit ihr verschmelzen möchte. Man muss sie also von ihm lösen und dafür braucht es ein politisches Programm, das die Aufnahme dieser Gemeinschaft beinhaltet; davon ist man aber weit entfernt. Im Irak gibt es starke föderalistische Spannungen im Westen. Die Provinz al-Anbar tendiert mehr und mehr dazu, sich vom Irak zu entfernen, in Mossul herrscht eine sehr anti-kurdische Denkweise und in Syrien wurden die gemäßigten Rebellen derart niedergeknüppelt, dass sie vollkommen zersplittert sind und weit davon entfernt, ein politisches Programm zu organisieren.

Wenn der IS morgen zusammenbrechen würde, wäre das eine Katastrophe, da innerhalb von sechs Monaten eine noch radikalere Gruppe entstehen würde.

Nicolas Henin - 07/06/2016

Doch dieses politische Programm ist wesentlich. Wenn man provokant sein wollte, könnte man sagen, dass, wenn der IS morgen zusammenbrechen würde, das eine Katastrophe wäre, da innerhalb von sechs Monaten eine noch radikalere Gruppe als die Daech entstehen würde und deren Platz einnähme. Im Gegenteil, ein politisches Programm zu entwickeln und somit den Bevölkerungsgruppen in einer nationalen Gemeinschaft Hoffnung zu geben, das wäre das Ende für den Islamischen Staat, weil dann die Bevölkerungsgruppen in Syrien und im Irak darauf vertrauen könnten, vertreten zu werden. In dem Moment würde die Daech zerbrechen und es müsste kein einziger Schuss dafür fallen.