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Ukraine-Konflikt verschärft Wirtschaftskrise in Russland

Länder: Russland, Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Wirtschaftkrise, G7, Sanktionen

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am vergangenen Mittwoch seinen neuesten Bericht zur russischen Wirtschaft vorgelegt. Demnach wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des flächenmäßig größten Staates der Welt in diesem Jahr nur noch um 0,2 Prozent wachsen. Bislang hatten die IWF- Analysten ein Wachstum von 1,3 Prozent veranschlagt. Sie warnen Moskau vor einer akuten Rezessionsgefahr.

Die Führung in Moskau kämpft seit Monaten mit einer schwächelnden Konjunktur. So schrumpfte das BIP im ersten Quartal dieses Jahres um 0,5 Prozent. Zudem hat der Rubel seit Jahresbeginn ein Zehntel seines Wertes verloren. Hinzu kommen sprunghaft ansteigende Verbraucherpreise. In diesem Jahr wird eine Inflation von mehr als 6 Prozent erwartet. Der IWF warnt dann auch vor einer massiven Verschlechterung des Investitionsklimas in Russland. Ein anhaltender Konflikt um die Ostukraine könnte, in Hinsicht auf zusätzliche Strafmaßnahmen der G7-Staaten, zu einem weiteren Vertrauensverfall führen.

 

Investoren ziehen Kapital ab

Stichwort: Vertrauen. Genau daran mangelt es zurzeit Russlands Wirtschaft. Russische Staatsanleihen fanden früher reißenden Absatz – in diesem Jahr musste das Finanzministerium wiederholt Auktionen abbrechen, aus Mangel an Interessenten. Die Ratingagentur Standard & Poor‘s hat russische Staatsanleihen jüngst mit der Bonitätsnote „BBB-“ versehen, eine Bewertung direkt über dem "Ramsch-Niveau", das spekulative Anlagen kennzeichnet. So wundert es kaum, dass die Kapitalflucht zunimmt. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben Investoren mehr als 51 Milliarden US-Dollar aus Russland abgezogen, fast soviel wie im gesamten vergangenen Jahr. Im April sollen weitere 17 bis 20 Milliarden aus dem Land abgezogen worden sein.

 

Rohstoffexport: Russlands Stärke und Schwäche zugleich

Der Reichtum an Rohstoffen und fossilen Energieträgern hat in der Vergangenheit unermessliche Geldmengen ins Land gebracht. Insbesondere durch die Gasexporte hat die russische Wirtschaft ein rasantes Wachstum hingelegt. Gleichzeitig hat es Moskau versäumt, Russlands Ökonomie zu modernisieren. In nahezu allen Industriebereichen - vom Fahrzeug-, Maschinen- bis zum Anlagenbau - ist das Land auf Importe angewiesen. 

 

Die russische Finanzwirtschaft ist dabei mit den globalen Märkten eng verflochten. Deutlich wird dies schon jetzt, nachdem die G7-Staaten nur niedrigschwellige Sanktionen gegenüber Russland in Kraft gesetzt haben. Verunsichert haben diese Nadelstiche die Marktteilnehmer allemal. Und Russlands Stärke, vor allem der Gasexport, könnte durchaus zu einer Schwäche werden. Wenn der Kreml droht, den Europäern den Gashahn abzudrehen - im Falle einer weiteren Eskalation in der Ostukraine und umfassenderer Wirtschaftssanktionen des Westens – blieben die bislang üppig fließenden Einkünfte aus. 

 

Die Folge: die Rezession dürfte sich verschärfen, was massive Probleme wie ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Armut mit sich bringen würde. Ein Alptraum für den Herrn im Kreml, der dann den Unmut der eigenen Bevölkerung zu spüren bekäme. Aber auch die Europäer, die wohl kurzfristig ihren Energiebedarf anderweitig decken könnten, sollten sich überlegen, ob ein destabilisiertes Russland wirklich in ihrem Sinne ist.

 

Unkalkulierbare Kosten für annektierte Krim

Auch wenn sich dieses Horrorszenario nicht so abspielen sollte, bleiben die finanziellen Risiken, die sich aus dem Ukraine-Konflikt ergeben, für Moskau unkalkulierbar. Und das schon jetzt, nach der Annexion der Krim. Jeder zehnte der 2 Millionen Krim-Bewohner ist im Staatsdienst beschäftigt und wird künftig aus Moskau bezahlt werden. Ihnen hatte Putin vor dem Referendum höhere Gehälter versprochen. Ebenso den Rentnern, denen er die Bezüge auf das durchschnittliche russische Niveau anheben will. Das bedeutet eine Verdoppelung gegenüber dem bisher von Kiew gezahlten Satz. 

 

Außerdem müsste Moskau, wie jeder strukturschwachen Region in der russischen Föderation, Budgethilfen zukommen lassen, die in etwa den gekappten 70 Prozent an Zahlungen aus Kiew entsprechen, die die Krim bis jetzt erhalten hat. 

 

Alles in allem kommen auf Moskau jährlich umgerechnet mehr als 2 Milliarden Euro allein für den Unterhalt der Krim zu, notwendige Investitionen in die Infrastruktur nicht mitgerechnet. Denn Wasser und Energie erhält die Krim zu mehr als 80 Prozent aus der Ukraine. Diese Lieferungen müsste Moskau also kompensieren, um die Halbinsel am Leben zu erhalten. Die Krim in eine blühende Landschaft zu verwandeln, wird sich, angesichts der geschilderten Rahmenbedingungen, mehr als schwierig gestalten.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016