“Über den Geiseln hing ein Damoklesschwert”

Länder: Frankreich

Tags: Interview, Christophe Deloire

Endlich müssen die Tage in Gefangenschaft nicht mehr gezählt werden. Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat die freigelassenen Journalisten zu Hause willkommen geheißen und erinnert gleichzeitig an die noch festgehaltenen Geiseln. Am gefährlichsten sei die Situation für die syrischen Journalisten. Marina Mekaoui und Lionel Jullien haben mit Christophe Deloire von Reporter ohne Grenzen über die befreiten Journalisten gesprochen.

Arte Journal: Was bedeutet die Befreiung der Geiseln für Reporter ohne Grenzen?
Christophe Deloire:
Wir sind sehr froh, dass der Optimismus der Familien, die Freunde und der Kollegen nicht unbegründet war. Denn auch wenn die Familien optimistisch waren: Sie lebten mit einer ständigen Angst, dass über den Geiseln ein Damoklesschwert hing. Es gab die große Befürchtung, dass sich die Geiselhaft bald zum ersten Mal jähren könnte. Diese Perspektive wurde dadurch erschwert, dass die Geiselnehmer bis vor kurzem noch keine einzige Geisel freigelassen hatte.
 
Wissen Sie, wie es den Geiseln in der Gefangenschaft ging?
Christophe Deloire:
 Die vier Geiseln waren erst voneinander getrennt, dann zu zweit, dann wieder getrennt und haben sich später wiedergefunden. Eines hat mich sehr beeindruckt: Eine der ehemaligen Geiseln hat mir erzählt, dass er irgendwann mitbekommen hat dass eine andere französische Geisel in der Zelle nebenan war. Er hat ihm dann einen kleinen Zettel an die Toilette geklebt. Das war der einzige Ort, den sie gemeinsam benutzt haben. So haben sie miteinander kommuniziert, noch bevor sie sich gesehen haben und gemeinsam in einer Zelle saßen.
 
Die Geiseln sind gerade zurückgekehrt und Sie waren bei dem Empfang dabei. Worüber haben sie gesprochen?
Christophe Deloire: Gerade haben sich die vier Geiseln witzige Anekdoten der Gefangenschaft erzählt. Alle sind sehr bleich und sie haben erzählt, dass sie während der letzten zehn Monate kaum Tageslicht zu Gesicht bekommen haben. Sie haben darüber gesprochen, dass dies sehr selten vorkam. Einer hat erzählt, dass er mit den Entführern verhandelt hat, dass er an der frischen Luft frühstücken darf, beziehungsweise in einem Raum mit einem weiten Blick nach draußen. Dieser Moment hat ihn sehr geprägt, da er sonst im Keller war und seine Gefangenenschaft sehr hart war.
 
Was wissen Sie über die anderen Journalisten, die entführt wurden?
Christophe Deloire: In Syrien werden ausländische Journalisten festgehalten und etwa zwanzig syrische Journalisten sind in den Händen von Rebellengruppen. Wenn man den Bloggern glaubt, werden etwa 40 Journalisten von den Männern von Präsident Baschar Al-Assad festgehalten. Diese werden zum Teil gefoltert. Es zeigt sich immer wieder - und das bestätigt sich in Syrien - dass die ersten Opfer die lokalen Journalisten sind. Man ist noch viel weniger in Sicherheit, wenn man vor Ort erkannt wird.