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Tschetschene soll für Nemzow-Mord verantwortlich sein

Länder: Russland

Tags: Boris Nemzow, Putin, Mord

Am 27. Februar 2015 wurde der russische Oppositionsführer und Kreml-Kritiker Boris Nemzow ermordet. Zehn Monate später haben russische Behörden nun den Auftraggeber und Organisator des Mordes ausgemacht.

Laut Angaben des Ermittlungskomitees handelt es sich dabei um den tschetschenischen Polizeioffizier Ruslan Muchudinow, der sich aus Russland abgesetzt hat. Er sei einer der "Geldgeber und Organisatoren dieses Verbrechens" und nach ihm werde seit November international gefahndet, so das Ermittlungskomitee. Nach Angaben der Oppositionsgruppe Offenes Russland kämpfte Muchudinow in einer Einheit tschetschenischer Spezialkräfte, die den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow unterstützten. Fünf weiteren Verdächtigen in Untersuchungshaft wurde nach Moskauer Agenturberichten die endgültige Anklageschrift vorgelegt.

 

These von Muchudinow als Auftraggeber unwahrscheinlich

Vertreter der Opposition und auch der Anwalt von Nemzows Tochter Schanna zogen die These von Muchudinow als Auftraggeber in Zweifel. "Organisator für die niederen Ränge - ja. Aber die Auftraggeber waren hochgestellte Leute", sagte Anwalt Wadim Prochorow. Die Justiz wolle die Aufmerksamkeit von der Umgebung des tschetschenischen Anführers Ramsan Kadyrow ablenken, vermutete er.

 

Prozessauftakt im Februar möglich

Der Fall Muchudinow werde abgetrennt und einzeln weiter verfolgt, sagte Wladimir Markin von der Ermittlungsbehörde. Seine Verhaftung im Ausland sei "nur noch eine Frage der Zeit". Die Ermittlungen gegen die anderen Verdächtigen sollten im kommenden Januar abgeschlossen werden. Der Prozess könnte im Februar beginnen.

 

Mord auf offener Straße

Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde in der Nacht des 27. Februars auf einer Brücke im Zentrum von Moskau und in Sichtweite des Kremls erschossen. Der ehemalige Vize-Ministerpräsident unter Präsident Boris Jelzin war einer der prominentesten Widersacher und scharfer Kritiker von Staatschef Wladimir Putin. Außerdem hatte sich der 55-Jährige vermehrt gegen die Ukraine-Politik des Kreml-Chefs stark gemacht und Partei für die prowestliche Regierung in Kiew ergriffen. Er war wiederholt in die Ukraine gereist um der prowestlichen Führung seine Unterstützung zu erklären.

 

Boris Nemzow im Interview:
Im Dezember 2014 kam Nemzow hatte ARTE die Gelegenheit Boris Nemzov exklusiv zu interviewen. Seine Antworten waren wie immer deutlich, teilweise provokativ. Auch bei schwierigen Themen wie russischer Propaganda und Sanktionen gegen Russland.

 

 

Kurzporträt:
Geboren wurde Boris Nemzow am 9. Oktober 1959 im späteren Austragungsort der Olympischen Winterspiele in Sotchi. Seine politische Karriere begann als Gouverneur der zentralrussischen Region Nischi Nowgorod. Boris Nemzov gehörte zu den außergewöhnlichsten Politikern Russlands. Er war seit 1989 in der Politik und galt als ehrlich und prinzipientreu. Von 1997 bis 1998 setzte er sich als Vize-Ministerpräsident unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin für liberale Wirtschaftsreformen ein und erklomm als talentierter Manager die Höhen der Macht. 2008 ging er bei den Präsidentschaftswahlen als Kandidat der liberalen Partei Union der rechten Kräfte ins Rennen, zog seine Kandidatur aber vor der Wahl zurück. 2009 ließ er sich als Kandidat für die Bürgermeisterwahl in seinem Geburtsort Sotchi aufstellen, wurde aber von dem Kandidaten der Kremlpartei "Einiges Russland" geschlagen. Anfang 2011 gründete Boris Nemzow gemeinsam mit dem früheren Ministerpräsidenten Michail Kasjanow die "Partei für Volksfreiheit". Seit Putins Amtsantritt 2000 trat Nemzow immer wieder als scharfer Regierungskritiker auf. Mehrmals wurde er bei Demonstrationen verhaftet. Im vergangenen Jahr hatte er mehrfach Drohungen erhalten und wusste um die Risiken, die seine Position in Bezug auf die Ukrainepolitik und sein Kampf gegen die Korruption mit sich brachten. Trotzdem war er stets ohne einen Wachschutz unterwegs.

 

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 31. Dezember 2016