|

Tschechische Republik – „Big Brother“ im Nazi-Land

Länder: Tschechische Republik

Tags: Fernsehen, Nazism

Eine, tschechische Reality-Serie stellt das Leben eines Dorfes im von Nazis besetzten „Protektorat Böhmen und Mähren“ nach. Doch das Format trifft nicht überall auf Zustimmung.

In „Dovolená v protektorátu “ (zu Deutsch „Urlaub im Protektorat“) taucht eine gecastete Familie in den Alltag eines tschechischen Dorfes während der Nazi-Besatzung ein. So wollen die Macher den Fernsehzuschauern geschichtliche Zusammenhänge emotional und anschaulich vermitteln, doch sie stoßen damit nicht nur auf Zustimmung: Die Sendung, die aus acht einstündigen Folgen besteht, läuft seit dem 23. Mai 2015 in dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Česká Televize (CT).

Die Teilnehmer tragen historische Kleidung und durchleben zwei Monate lang die tragischen Ereignisse in einem kleinen Bergdorf an der Grenze zu Polen und der Slowakei. Die Region stand von 1939 bis 1945 als „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter Nazi-Herrschaft. Spartanische Lebensbedingungen auf einem Bauernhof, rationierte Lebensmittel: Laut  The Telegraph. zeigt die Reality-Show „die Brutalität, die ganz gewöhnliche Leute während der deutschen Besatzung erleiden mussten“. 

Ihre Zeit vertreiben sich die Kandidaten mit authentischen Beschäftigungen wie „dem Melken, dem Nähen von Verdunkelungsvorhängen oder dem Bau eines Luftschutzkellers“  (ABC News)Hält die Familie durch, darf sie eine Million tschechischer Kronen – rund 36 700 Euro – mit nach Hause nehmen.

„Authentizität“

Professionelle Schauspieler vervollständigen die perfekte Inszenierung. Sie verkörpern die anderen Dorfbewohner sowie deutsche Soldaten und Gestapo-Offiziere. „Ich war entsetzt von dem, was meine Großeltern mütterlicherseits aus dieser Zeit berichteten. Sie lebten in einem kleinen Dorf in Böhmen“, so Regisseurin Zora Cejnkova. Inspiration holte sie sich außerdem bei ausländischen TV-Formaten wie der britischen Geschichtsserie  Wartime Farm, (BBC), die den Alltag auf einem Bauernhof im Zweiten Weltkrieg schildert. „Ich suchte lange nach einem Konzept, mit dem ich das Leben einer anderen Epoche so authentisch wie möglich nachstellen konnte“, erklärt Cejnkova.

„Was kommt als Nächstes?“  

Für „Dovolená v protektorátu“  wurden zwei Historiker, zwei Psychologen und ein Architekt bemüht. „Uns war von Anfang an bewusst, dass dieses Projekt Diskussionen über die Grenzen des Genres auslösen würde“, sagt Zora Cejnkova. „Ich habe versucht, dem tragischen Charakter dieser Epoche den größtmöglichen Respekt zu zollen.“

Nicht alle finden, dass dies gelungen ist. Manche sind von der Reality-Show in ihren Gefühlen verletzt: „Diese Familie kann von Glück sagen, dass ihr nicht die gleiche Behandlung widerfährt wie den 82 309 Juden, die unter dem ‚Protektorat‘ lebten und von den Nazis in Todeslager deportiert wurden“, kommentierte die Journalistin Renne Gherd Zand inTimes of Israel. Und ein in The Telegraph zitierter Internetnutzer fragte besorgt: „Was kommt als Nächstes? ‚Big Brother‘ in Auschwitz?“

 

 

Fabiola Dor

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016