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Traumaüberwindung

Länder: Ruanda

Tags: Vergewaltigung, Frauen

In dem Dokumentarfilm "Ruanda – Vergewaltigung mit Folgen" von André Versaille und Benoit Dervaux erzählen Frauen, die während des Genozids vergewaltigt wurden, wie sie ihre daraus entstandene Mutterschaft lebten. Godelieve Mukasarasi von der Organisation Sevota hat sie durch diese schwere Zeit begleitet. Interview.

Ihre Organisation wurde kurz nach dem Ende des Genozids gegründet, um die Versöhnung der Völkergruppen anzustoßen. Warum hat sich Sevota von Anfang an vor allem an die Frauen gerichtet? 


Godelieve Mukasarasi: Weil diejenigen, die diesen Horror überlebt haben, am meisten gezeichnet sind: sie haben alles verloren – ihre Ehemänner, manchmal ihre Kinder, ihre Häuser… Laut Schätzungen wurden 250 000 bis 500 000 Frauen Opfer von Vergewaltigungen und einige wurden dadurch mit AIDS angesteckt. Es war dringend notwendig ihnen zu helfen, für ihre Rechte zu kämpfen.

Nach dem Genozid galten Vergewaltigungen nur als minderwertiges Delikt. Einige Monate später hat die neue Regierung die Schwere der Tat durch ein Gesetz anerkannt. Viele dieser Frauen haben seitdem Anzeige erstattet und die Täter wurden verurteilt, selbst wenn die Milizen der Interahamwe oft maskiert waren und deshalb nicht erkannt werden konnten.

 

Die Frauen, die in diesem Film von ihrem Schicksal erzählen, überraschen durch ihre Offenheit… 

Oft haben sie sich schuldig gefühlt, hüllten sich zunächst in Schweigen. Einige verließen sogar ihre Dörfer um sich in Kigali niederzulassen, wo sie unter wiedrigsten Umständen lebten. Man musste sie ermutigen, Gesprächsgruppen einzurichten, wo sie offen über ihre Erlebnisse sprechen konnten und ihre Gefühle mit anderen Teilen konnten anstatt sie zu verdrängen. Denn Vergewaltigungen sind in Ruanda genauso wie anderswo in der Welt ein Tabu. Nach und nach, die einen nach den anderen, haben sie gelernt, über all das zu sprechen. Die Solidarität der anderen half ihnen, für ihre Würde zu kämpfen und ihre Emanzipation war ein wichtiger Schritt, damit sie ihr Trauma überwinden konnten. 

 

Wie haben Sie diesen Frauen und ihre Kindern geholfen? 
Zuerst einmal brauchten die Mütter Unterstützung, um ihr Trauma zu überwinden. Und wir mussten sie überzeugen, ihren Kindern die Wahrheit über ihre Entstehung zu sagen, damit sie verstehen konnten, warum ihre Mütter ihnen gegenüber so hart waren. Sie mussten dann in einem zweiten Schritt aufhören, ihren Kindern mit Gewalt gegenüberzutreten. Die Kinder haben auch miteinander über ihre Erfahrungen gesprochen, haben das Leid ihrer Mütter verstanden und konnten ihnen oft verzeihen. Aber sie sind trotzdem noch zu sehr allein gelassen mit den in der frühen Kindheit durch Gewalt erlittenen Traumata. Da sie nach dem Genozid geboren wurden, gelten sie offiziell nicht als Opfer. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016