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Tod im finsteren Herzen Afrikas

Länder: Zentralafrikanische Republik

Tags: Journalisten

Eine französische Fotojournalistin hat die engagierte Ausübung ihres Berufs mit dem Leben bezahlt. Die 26-jährige Corinne Lepage war in der von Gräueltaten erschütterten zentralafrikanischen Republik auf Reportage. Ihr Leichnam wurde von französischen Soldaten entdeckt, als sie ein Fahrzeug christlicher Milizen kontrollierten.

Erschossen in Zentralafrika

Erst drei Wochen nach der Ermordung der deutschen Fotojournalistin Anja Niedringhaus in Afghanistan bezahlte wieder eine Journalistin ihre Leidenschaft zu berichten mit dem Leben. Die Französin Corinne Lepage, seit September 2013 mit ihrer Kamera in der Zentralafrikanischen Republik unterwegs, wurde dort erschossen. In dem Krisengebiet sind derzeit rund 6.000 Soldaten der Afrikanischen Union (AU) und etwa 2.000 französische Soldaten im Einsatz, um die Gewalt zwischen muslimischen und christlichen Rebellen zu stoppen.

Land der Gräuel

Erst am Dienstag wurde bekannt, dass mehr als ein Dutzend Menschen bei lebendigem Leib verbrannt worden waren. Täter sollen Séléka-Rebellen und bewaffnete Kämpfer der Volksgruppe der Peul sein. Demnach machten Bewaffnete am vergangenen Samstag im Dorf Dissikou in der Region Kaga Bandoro Jagd auf Einwohner. Mindestens 13 Opfer seien in einem Haus eingesperrt worden, das dann angezündet worden sei.

 

Fast eine Million Menschen auf der Flucht

In der Zentralafrikanischen Republik hatte das mehrheitlich muslimische Rebellenbündnis Séléka im März 2013 Staatschef François Bozizé gestürzt. Sein Nachfolger Michel Djotodia, mittlerweile abgelöst von der Übergangspräsidentin Catherine Samba Panza, löste die Séléka zwar offiziell auf, doch sind die Milizen weiter aktiv. Der Putsch stürzte das Land in eine Spirale der Gewalt zwischen muslimischen und christlichen Milizen, in deren Verlauf bereits tausende Menschen getötet wurden. Fast eine Million Menschen befinden sich auf der Flucht.

 

Tödliche Reportage

Über diesen Konflikt wollte die getötete Corinne Lepage berichten. Bis jetzt wurde bekannt, dass sie in Begleitung von christlichen Anti-Balaka Milizen unterwegs war. Die Gruppe wurde beschossen.  Frankreichs Präsident Hollande gab bekannt, Soldaten der französischen Eingreiftruppe Sangaris hätten den Leichnam der 26-Jährigen in der Region Bouar nahe der Grenze zu Kamerun und zum Tschad entdeckt. In dieser Region war Sangaris unterwegs gewesen, nachdem sich dort Anfang Mai schwere Gefechte ereignet hatten.

 

Journalismus – immer riskanter

Corinne Lepage hatte zunächst für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" gearbeitet, dann als freie Journalistin für renommierte Medien wie die französische Tageszeitung "Le Monde", für die "New York Times", "BBC" und "Reuters". Der Weltsicherheitsrat verurteilte den tödlichen Angriff auf die Journalistin. Frankreichs Staatschef François Hollande erklärte, es werde alles getan, um die Umstände dieses Mordes aufzuklären. Dazu sollen Ermittler nach Bouar entsandt werden. Erst im November 2013 waren zwei französische Reporter, die für Radio France International arbeiteten, in Mali getötet worden.

 

Neue Missionen

Die vom Zerfall bedrohte Zentralafrikanische Republik ist aber vor allem Sache der Vereinten Nationen. Ab Mitte September soll eine knapp 12.000 Mann starke Blauhelmtruppe in das Land entsandt werden. Bis diese Truppe steht, soll die EU mit einer Überbrückungsmission von 800 Soldaten aushelfen.

 

>>Hier können Sie sich Camille Lepages Arbeit ansehen.

 

 

Michel Dumont, Chefreporter bei ARTE Reportage, kennt die Krisengebiete der Welt. Mehrmals hat er auch aus der Zentralafrikanischen Republik berichtet. 

 

Die Lage verschlechtert sich nicht. Sie ist seit Beginn der Unruhen, also seit mehreren Jahren, sehr angespannt.  Da hat sich nichts geändert.

 

ARTE Journal: Wissen Sie etwas darüber, wie Camille Lepage ums Leben kam?

Michel Dumont: Die junge Frau wurde nicht ermordet. Von meinen Kontaktleuten habe ich erfahren, dass sie in eine bewaffnete Auseinandersetzung geraten ist. Dabei beschossen sich Anti-Balaka-Milizen und Nomaden des Peul-Volkes, die alle teils sogar schwer bewaffnet sind. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort. Staatspräsident Hollande war vielleicht etwas voreilig, hier von Mord zu sprechen. Ich glaube nicht, dass man sie gezielt erschossen hat. Man weiß bisher, dass französische Soldaten das Fahrzeug der Anti-Balaka anhielten und dort neben Lepages Leiche auch drei getötete Miliz-Angehörige fanden. Für diese Art von Reportagen braucht man leider nicht nur Erfahrung, sondern auch Glück.

 

Erstmals wurde eine Journalistin nach Ausbruch des Bürgerkrieges in der Zentralafrikanischen Republik getötet. Bedeutet das, dass die Lage immer gefährlicher wird?

Michel Dumont: Nein, die Lage verschlechtert sich nicht. Sie ist seit Beginn der Unruhen, also seit mehreren Jahren, sehr angespannt.  Da hat sich nichts geändert.

 

Welchen Schwierigkeiten sind Sie bei ihren Dreharbeiten in der Zentralafrikanischen Republik begegnet?

Michel Dumont: Das ist kein konventioneller Krieg dort. Dort kämpfen nicht zwei Parteien oder Clans gegeneinander. Es gibt vielmehr viele kleine bewaffnete Zellen. Diese stehen einer französischen und einer panafrikansichen Eingreiftruppe gegenüber. Es ist alles ein großes Durcheinander, und die Folge ist, dass es ständig Schwierigkeiten gibt. Man muss also alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Unser letzter Einsatz dort endete mit einer bösen Überraschung. Auf dem Weg zum Flughafen gerieten wir in einer Schießerei, die sich Anti-Balaka und französische Soldaten lieferten. Man muss wissen, dass die französische Eingreiftruppe am Flughafen der Hauptstadt Bangui stationiert ist. Wir hatten also große Probleme, zum Flughafen durch zu kommen. Unser Fahrzeug musste also sehr schnell einen Kugelhagel passieren. 
Das war nicht vorhersehbar, das war nicht angekündigt. Es wurde geschossen, aber man konnte kaum feststellen, von wem und aus welcher Richtung das kam. Leider ereignen sich  solche Dinge ständig in der Zentralafrikanischen Republik.

 

Gibt es eine anti-französische Stimmung dort?

Michel Dumont: Man muss leider sagen ja. Denn, ob man will oder nicht, handelt es sich um einen Krieg zwischen zwei religiösen Gemeinschaften. Die Muslime sind mehr oder weniger dazu gezwungen, ihre bisherigen Siedlungen aufzugeben. Die französische Truppe ist aber da, um die Ordnung wieder herzustellen. Deshalb beschuldigt man sie, im Auftrag der Katholiken gegen Muslime zu kämpfen. Das ist aber total falsch. Sie versuchen, die Konfliktparteien zu trennen. Ihre Aufgabe ist sehr, sehr schwierig. 

 

Als französischer Journalist wird man schnell mit den französischen Streitkräften in einen Topf geworfen.

 

Bekommen auch Journalisten diese Feindseligkeiten zu spüren?

Michel Dumont: Nicht direkt. Aber als französischer Journalist wird man schnell mit den französischen Streitkräften in einen Topf geworfen. Ein Beispiel: Als wir in der Hauptstadt Bangui in einem muslimischen Viertel nahe der Großen Moschee drehen wollten, wurden wir von vielen Jugendlichen behindert. Wir wollten zerstörte Häuser filmen, die wirklich Stein für Stein abgerissen worden waren. Doch die Jugendlichen warfen uns vor, pro-islamische Propaganda zu machen, „pro-musulman“ zu sein.  Was man auch tut, man wird einer Konfliktpartei zugeordnet. Je nach Lage eben den Christen oder den Muslimen. 

 

Wie arbeiten Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik?

Michel Dumont: Die einheimischen Journalisten haben keine sehr entwickelte Kultur der Pressefreieheit. Sie sind auch nicht finanziell unabhängig. Sie müssen eigentlich immer mit den Mächtigen konform gehen. Es gibt kaum Journalisten dort, die die Regierung offen kritisieren, egal, um welche es sich handelt. Die Regierungen wechseln schnell. Man geht vor allem zu offiziellen Ereignissen wie Pressekonferenzen. Sie gehen kaum auf Recherche und hinaus in die Provinzen. 

 

Wagen sich zunehmend junge Journalisten wie die nun getötete Camille Lepage auf problematisches Terrain? Junge Leute ohne große Erfahrung und dann auch noch ohne feste Stelle?

Michel Dumont: Erstaunlicherweise immer mehr. Vor allem Frauen. Viele starten direkt, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben, auf „heißes“ Terrain, nach Afrika, Afghanistan, in den Irak. Der Grund: Sie wollen sich einen Namen machen. 

 

Ist das gut oder zeigt das die Schwierigkeit, eine feste Stelle zu bekommen?

Michel Dumont: Es ist schwierig, diese Frage zu beantworten. Man muss schon sehr viel Mut haben, um dort hinzugehen. Auf jeden Fall ist eine gereifte Persönlichkeit erforderlich. Man kann da nicht einfach loslegen. Man muss sich enorm vorsehen. Kurz: Wer direkt von der Journalistenschule kommt, hat nicht genug Erfahrung für diese Art von Job. Camille Lepage war 26 Jahre alt, sie lebt nicht mehr. Ich bin ihr zwei Mal begegnet. Sie war jung. Aber sie war bereits im Südsudan gewesen, und sie war eine sehr überlegte Person. Sie hat sehr genau acht gegeben, wo sie hingeht und was sie tut. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016