Tod einer Reporterin

Länder: Afghanistan

Tags: Afghanistan

Anja Niedringhaus ist tot. Die Fotojournalistin wurde in Ostafghanistan von einem Polizisten erschossen. Gemeinsam mit der kanadischen Journalistin Kathy Gannon war sie auf dem Weg ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, um von dort für die US-Nachrichtenagentur AP von den Präsidentschaftswahlen zu berichten.

"Gott ist groß" soll der Mann in der Polizeiuniform geschrien haben, bevor er schoss. Das waren wohl die letzten Worte, die Anja Niedringhaus in ihrem Leben hörte. Sie war sofort tot, hieß es in der Meldung, ihre Kollegin Kathy Gannon überlebte schwer verletzt. Beide saßen auf dem Rücksitz eines Autos in einem Wahlkonvoi und warteten auf die Abfahrt, mitten in einem Polizei-Stützpunkt in der ostafghanischen Provinz Chost. Sie müssen sich in diesem Moment eigentlich sicher gefühlt haben, bevor der Attentäter sie überraschte.

Anja Niedringhaus zählte zu den wenigen deutschen Fotoreportern, die Kriege fotografierte, zwei Jahrzehnte lang, in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, immer für die amerikanische Nachrichtenagentur AP, 2005 ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis.

Zum zehnten Jahrestag des Krieges im Irak stellte sie für die ARTE-Webdokumentation "10 Jahre 100 Blicke" zehn ihrer Fotos zusammen und erzählte die Geschichten hinter diesen Fotos per Telefon aus ihrem AP-Büro in Kabul. Wir sprachen über eine Stunde miteinander, sind uns persönlich nie begegnet – leider. Eine Frau, die mit dem Fotoapparat bewaffnet, in den Krieg zieht, die zeigen will, was dort geschieht, weil es sonst niemand zeigt, das war die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hatte, die sie mit Mut, Herz und Gefühl auf ihre ganz eigene Weise meisterte, bei der sie ihr Leben riskierte.

Sie hatte einen Blick für entlarvende Details: das Foto in der Schule, mit den schwer bewaffneten GIs im Fenster und daneben das Poster mit den beiden Kindern, von irgendjemandem mit einer Zielscheibe eingekreist; der Barbie-Kopf, aufgespießt auf einem Stock, am Checkpoint der Frauen in Falludja; der Marine mit der GI-Joe-Puppe auf dem Rücken, seinem Talisman. Sie fotografierte den Besuch des Weihnachtsmanns bei den Soldaten kurz vor der Schlacht, erwischte George W. Bush, wie er seinen Soldaten einen präparierten und ungenießbaren Truthahn serviert und sie fotografierte die Tränen des Gis, der vor den Stiefeln seines gefallenen Kameraden trauerte.

Anja Niedringhaus hat ihr Leben verloren, mit 48 Jahren. Wir trauern um eine Fotografin, die es verstand, uns das Grauen des Krieges zu zeigen und uns mit diesen Bildern tief zu berühren. Anja Niedringhaus wird uns fehlen.

Uwe Lothar Müller, ARTE Reportage

 

Letztes Jahr hatte sie für uns die Webdokumentation "10 Jahre, 100 Blicke" über ihre Arbeit im Irak zusammengestellt. Eine bemerkenswerte, ergreifende Arbeit, Zugriff darauf durch Klick auf das Foto unten.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016