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Großbritannien im Schockzustand

Länder: Großbritannien

Tags: Jo Cox, Brexit

Großbritannien ist bestürzt über den Mord an der hoffnungvollen und beliebten Labour-Politikerin Jo Cox. Am Freitag bestätigte die Polizei, dass Cox seit Monaten Drohungen erhalten hatte, sodass zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen geprüft wurden. Die 41-Jährige hatte sich für den Verbleib Großbritanniens in der EU engagiert. Der mutmaßliche Täter Thomas Mair wurde an diesem Samstag dem Haftrichter vorgeführt. Er soll "Freiheit für Großbritannien!" gerufen haben. Mit diesem Ausruf hat der mutmaßliche Mörder von Jo Cox nahegelegt, dass er die britische Abgeordnete womöglich wegen ihres Werbens für den EU-Verbleib ermordete. Er soll zudem Verbindungen zur Neonazi-Szene haben.

So kontrovers die Briten den Brexit auch diskutieren, in einem sind sich alle einig: Jo Cox hätte die nicht in diesem Kontext steben sollen.

Großbritannien trauert um Jo Cox

 

Auf offener Straße erschossen

Die 41-jährige Labour-Abgeordnete ist am Donnerstag in der nordenglischen Stadt Birstall auf offener Straße angegriffen worden. Laut Angaben der "Sun" wurde mit sieben Messerstichen und drei Schüssen verletzt. Cox starb kurze Zeit später im Krankenhaus an ihren Verletzungen. Zuletzt war 1990 ein britischer Abgeordneter umgebracht worden.

Wiederholte Drohungen gegen Cox

Die im Norden Englands ermordete Labour-Abgeordnete Jo Cox war wiederholt Opfer von Anfeindungen. Bereits vor Monaten hatte sie der Polizei gegen sie gerichtete Drohungen gemeldet. Nachdem sich die Politikern über "bösartige Mitteilungen" beschwert hatte, sei im März ein Mann festgenommen und verwarnt worden, teilte die britische Polizei am Freitag mit. Der damals überprüfte Mann sei jedoch ein anderer als der am Donnerstag festgenommene mutmaßliche Mörder. Die Londoner "Times" berichtete, zum Zeitpunkt der Ermordung von Cox habe es ein laufendes Verfahren gegeben, in dem zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für die Abgeordnete geprüft wurden.

 

EU-Abstimmung als Tatmotiv?

Über das Tatmotiv kann weiterhin nur spekuliert werden. Laut Medienberichten soll der Angreifer bei seiner Verhaftung"Britain first" ("Großbritannien zuerst") gerufen haben. Der mutmaßliche Täter Tommy Mair soll die amerikanische Neonazi-Gruppe National Alliance (NA) finanziell unterstützt haben. Dies vermeldete das Southern Poverty Law Center, eine Anti-Rassismus-Organisation in den USA. Deshalb könnte die Tat in unmittelbarer Verbindung zum bevorstehenden Brexit-Referendum stehen. 

Internationale Medien halten einen Zusammenhang zwischen dem giftigen Klima der Brexit-Debatte und dem Mord an der Abgeordneten für möglich. So zum Beispiel der niederländische Telegraaf"(...)Tatsache ist, dass das Referendum eine starke Uneinigkeit der britischen Gesellschaft zum Vorschein gebracht hat. Der Mord an Jo Cox, die für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU eintrat, verschärft diese Zwietracht noch weiter."

 

Cox: engagiert und weltoffen

Cox hatte vor dem Referendum am kommenden Donnerstag für den EU-Verbleib ihres Landes geworben. Außerdem hatte sie sich für Frauenrechte eingesetzt und sich als humanitäre Helferin in Kriegsgebieten wie Palästina, dem Sudan oder im Kongo engagiert. Cox war früher in leitender Funktion für die Hilfsorganisationen Oxfam tätig. Die 41-Jährige saß zudem in der Parlamentskommission zu Syrien, wo sie sich für ein stärkeres politisches und humanitäres Engagement Großbritanniens in Syrien aussprach.

 

Jo Cox

 

Jo Cox im britischen Parlament

 

"Eine Abgeordnete, die sich von Idealen leiten ließ"

The Guardian beschrieb die Persönlichkeit der Politikerin mit einem Zitat aus ihrer Antrittsrede im Parlament. "Jo Cox war nicht einfach eine Abgeordnete, die ihre Pflicht erfüllte. Sie war eine Abgeordnete, die sich von einem Ideal leiten ließ." Was dieses Ideal war, erklärte Jo Cox im vergangenen Jahr wortgewandt bei ihrer Antrittsrede im Parlament: "Unsere Gemeinden sind durch Zuwanderung sehr viel besser geworden, sei es durch irische Katholiken überall im Wahlbezirk oder durch Muslime aus Gujarat in Indien oder aus Kaschmir in Pakistan." Die BBC-Politikchefin Laura Kuenssberg sagte über Cox: "Wenn man sie traf, hat das einem den Tag besser gemacht." 

 

"Ein Star im Parlament"

Die Reaktionen auf die Ermordung der Abgeordneten waren heftig, Politiker aller Parteien äußerten Bestürzung. Premierminister David Cameron sprach vom "großen Herzen" der verstorbenen Politikerin, die parteiübergreifende Allianzen geschmiedet habe und bei allen als fröhliche Persönlichkeit geschätzt wurde. Cameron hob auch die Beliebtheit der Politikerin hervor: "Sie war ein Star für ihren Wahlkreis, sie war ein Star im Parlament, und sie war ein Star im gesamten Abgeordnetenhaus." Auf Twitter sprach er der Familie der Getöteten sein Beileid aus: "Der Tod von Jo Cox ist eine Tragödie. Sie war eine engagierte und einfühlsame Abgeordnete. Meine Gedanken sind bei ihrem Ehemann Brendan und ihren beiden jungen Kindern."  

 

 

Der Parteivorsitzende der Labour-Party, Jeremy Corbyn, sprach seine tiefe Trauer aus und lobte die humanitären Leistungen von Cox.

 

 

Der Ex-Bürgermeister von London und Brexit-Befürworter Boris Johnson schrieb: "Ich bin traurig und schockiert, von Jo Cox' Tod zu hören."  "Wir sind vereint in unserer tiefen Trauer über den Verlust einer unserer strahlendsten und beliebtesten Kolleginnen in Westminster", sagte Innenministerin Theresa May.

Nach der Ermordung der Labour-Politikerin werden die Flaggen am Regierungsgebäude in London auf Halbmast gesetzt, um der Politikerin zu gedenken. Vor dem Westminster-Palast legten in der Nacht hunderte Menschen Blumen ab.

 

 

 

Zuletzt geändert am 18. Juni 2016