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Thomas Sieben: Blick in die Psyche eines Amokläufers

Länder: Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Amoklauf, Schule, Staudamm

Thomas Sieben ist Drehbuchautor und Regisseur. In seinem neusten Film "Staudamm" widmet er sich der Problematik des Amoklaufs. Dabei legte er Wert darauf, den Amoklauf an sich nicht szenisch umzusetzen, sondern seine Geschichte über die Nachwirkungen auf die Betroffenen aufzuziehen. ARTE Info hat mit ihm über seine Herangehensweise gesprochen.

Erst wenn wir als Gesellschaft realisieren, dass das auch Menschen sind und in gewisser Art und Weise Produkte unserer Gesellschaft, dann haben wir die Chance in der Problematik weiterzukommen.

Thomas Sieben

Was wollten Sie mit Ihrem Film vermitteln?

 

Wenn es zu einem Amoklauf kommt, dann gibt es viele Schlagzeilen, viele Affektreaktionen, wie die Forderung bestimmte Computerspiele zu verbieten. Und es ist ja auch etwas Natürliches beim Menschen nach einer Erklärung zu suchen, wenn so etwas Schlimmes passiert. Wenn man die nicht findet, dann ist die Schlussfolgerung leicht: "Der ist doch krank." Und wir wollten uns zum einen die Zeit nehmen mal länger als eine Schlagzeile hinzuschauen, uns zu fragen, was passiert da eigentlich. Und zum anderen glaube ich, wenn man sich dem Täter nähern will, dann muss man sich mit ihm beschäftigen und zwar über die Feststellung "der ist krank" hinaus. In unserem Film gibt es am Ende eine Tagebuchsequenz, wo der Täter zu Wort kommt und da finde ich wird es spannend: erst wenn wir als Gesellschaft realisieren, dass das auch Menschen sind und in gewisser Art und Weise Produkte unserer Gesellschaft, dann haben wir die Chance in der Problematik weiterzukommen. Und natürlich kann man sich fragen, ob man in einem solchen Film dem Täter eine Stimme geben sollte. Ich denke unbedingt. Sonst bleiben wir draußen, und schauen uns die Handlung an wie im Zoo, sagen, das ist aber traurig oder das ist aber schrecklich. Aber erst wenn man sich selber das blutige Auge holt, hat man die Chance sich dem zu nähern.

 


Inwiefern kann man Ihrer Ansicht nach nachvollziehen, was in einem Amokläufer auf psychologischer Ebene vorgeht?


Wenn ich behaupten würde, ich könnte das verstehen, dann wären wir auch schnell bei der Frage: Wie kann man es verhindern? Ich glaube, von Verstehen kann da nie die Rede sein – so wie man nie einen anderen Menschen hundertprozentig verstehen kann, noch nicht mal seinen eigenen Partner oder seine Eltern. Was ich aber glaube -und das ist mir und meinem Co-Autor auch passiert - ist, dass man sich dem Verständnis so ein bisschen mehr nährt: Dass man genauer hinguckt, was ist das für ein Mensch? Aus welchem Umfeld kam er? Wie ist die psychologische

Amokläufe haben oft was mit Isolation zu tun, das sind fast immer Leute, die einsam zu sein scheinen.

Thomas Sieben

Disposition? Und da gibt es natürlich Parallelen zwischen den Amokläufen. Es hat oft was mit Isolation zu tun, das sind immer Leute, die einsam zu sein scheinen. Und das andere Motiv, das in „Staudamm auch stark eingesetzt wird, ist, dass die Täter oft mit einer nicht erwiderten Liebe konfrontiert sind. Das war für mich als Autor total hilfreich, weil ich das verstehen kann. Ich weiß, wie das war mit 18 unglücklich verliebt zu sein – da ging die Welt unter, da gab es keinen Morgen. Und das war für mich als Autor ein entscheidender Punkt, denn das kann ich verstehen. Leute umbringen kann ich nicht verstehen, aber das schon.

 


Ihr Film spielt in Deutschland. Im Vergleich zu den USA, gibt es hier keine so einflussreiche Waffenlobby, es ist schwerer an Waffen zu kommen. Dennoch haben Winnenden und Erfurt gezeigt, dass es auch bei uns Amokläufe gibt. Wo sehen Sie einen Erklärungsansatz dafür?

 

Bei uns in Deutschland  dürfen gerade Männer keine Emotionen zeigen.

Thomas Sieben

Da kann ich natürlich nur meine persönliche Einschätzung zu abgeben. Ich habe so das Gefühl, bei Tim K. in Winnenden und auch bei Robert Steinhäuser in Erfurt, da ging es immer um einen gewissen Grad an Leistung, der nicht erbracht wurde, der aber eingefordert wurde. Steinhäuser ist von der Schule geflogen, hat es niemandem erzählt – der hatte auf Grund des Schulsystems damals dann überhaupt keinen Abschluss. Bei Tim K. soll der Vater wohl sehr großen Druck auf ihn ausgeübt haben. Und wenn man sich länger damit beschäftigt, dann hab ich das Gefühl, dass es „bei uns in Deutschland“ einen großen Druck gibt, sauber, fleißig, geradeheraus und ordentlich zu sein, wenige Emotionen zu zeigen. Und gerade Männer dürfen keine Emotionen zeigen. In Italien ist das nicht so. Da stört sich niemand daran, wenn sich zwei Männer zur Begrüßung küssen. Weint in Deutschland ein Junge aufm Schulhof, hat er am nächsten Tag ein Problem auf seiner Facebook-Wall. Das was ich sage ist natürlich nicht empirisch belegt, aber ich habe den Eindruck dieses preußische Ideal ist in Deutschland stärker ausgeprägt als anderswo und wenn man dem nicht gerecht wird, dann weiß man als junger Mann oft nicht wohin mit sich.

 

Sie haben selbst eine Zeitlang in den USA gelebt, wie haben Sie den Umgang mit Waffen dort wahrgenommen?

Es geht ja gar nicht um das Gefühl seine Familie vor einem eventuellen Einbrecher verteidigen zu können, sondern es geht ja wirklich um Tötungsmaschinen mit 50 Schuss pro Sekunde.

Thomas Sieben


Ich habe in Boston studiert und die Kunsthochschule war ein sehr liberaler Ort, wo das alles recht sarkastisch betrachtet wurde. Das ist sicher nicht repräsentativ für die USA. Aber insgesamt war mein Eindruck, dass das Thema so ein bisschen ein schwarzes Tuch ist, das man da auch nicht gerne drüber redet. Das ist etwas, was ich extrem schwer nachzuvollziehen finde als Westeuropäer. Und was man immer vergisst ist, dass es da nicht nur um Handfeuerwaffen geht, sondern um halbautomatische Kriegsgeräte. Es geht ja gar nicht um das Gefühl seine Familie vor einem eventuellen Einbrecher verteidigen zu können, sondern es geht ja wirklich um Tötungsmaschinen mit 50 Schuss pro Sekunde. Das legitimiert sich in den USA durch eine gewisse Tradition, aber für mich ist das nicht so wirklich nachvollziehbar.

 


Die Waffenlobby schlägt vor, um neue Amokläufe zu verhindern, die Schüler mit bewaffnetem Personal zu schützen. Was halten Sie davon?


Ich finde, ohne mich jetzt zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, dass das an Zynismus nur schwer zu übertreffen ist. Das ist ja so, als wenn man Feuer mit Bomben bekämpfen wollte. Und wenn man dennoch versucht das ernst zu nehmen, dann muss man sich ja fragen, wer wäre das bewaffnete Personal? In den USA werden gerade andauernd

Wer garantiert denn, dass das bewaffnete Personal keinen Missbrauch mit den Waffen betreibt?

Thomas Sieben

schwarze Kinder auf Spielplätzen erschossen und zwar von Polizisten, von vereidigten Staatsbürgern. Wer garantiert also, dass das bewaffnete Personal keinen Missbrauch mit den Waffen betreibt? Außerdem rein statistisch gesehen: Wenn es mehr Waffen gibt, gibt es auch noch mehr Potential für Straftaten. Ich kenne die Zahlen nicht, aber ich frage mich, wie viele Kinder sich jährlich selbst erschießen oder ihre Geschwister erschießen, weil sie eine Waffe finden. In meinen Augen können Gewalttaten nur reduziert werden, wenn die Anzahl der Waffen reduziert wird.

 

 

In der Schweiz ist die Waffenquote pro Kopf ähnlich so hoch wie in den USA, die Problematik ist aber nicht die

Die Amerikaner scheinen mir eine Gesellschaft zu sein, die sehr ängstlich und auch unsicher ist. Es hat schon seinen Grund, wenn sie jeden Tag sagen, dass sie das tollste Land der Welt haben.

Thomas Sieben

Gleiche. Denken Sie, in den USA läuft in der Gesellschaft etwas entscheidend anders, so dass es zu den häufigen Amokläufen kommt?


In „Bowling  for Colombine“ von Michael Moore wird von der Diktatur der Angst gesprochen. Den Leuten in den USA wird sehr viel Angst gemacht, ob vor Ausländern oder vor Ebola oder was gerade aktuell ist. Und das sieht man ja auch, wenn man sich Fox News anschaut, wie da berichtet wird, wie da gegen den Präsidenten gehetzt wird – das wäre in Europa undenkbar. Die Amerikaner scheinen mir eine Gesellschaft zu sein, die sehr ängstlich und auch unsicher ist. Es hat schon seinen Grund, wenn sie jeden Tag sagen, dass sie das tollste Land der Welt haben. Wenn jemand immer wieder etwas wiederholt, dann meistens, weil es eben nicht so ist. Und so aus dieser ganz einfachen Sicht betrachtet, hat man das Gefühl, die Unsicherheit macht den Unterschied.

 

 

Thomas Sieben studierte Politologie in Münster bevor er 1998 am Massachusetts College of Art in Boston, USA, Film und Fotografie studiert. 2002 stellt er mit "Hit und Run" seinen ersten Kurzfilm vor. 2009 folgt mit dem Drama "Distanz" sein erster Spielfilm, der als Eröffnungsfilm in der Kategorie "Perspektive Deutsches Kino Premiere" auf der Berlinale läuft. Er erzählt auf nüchterne Art und Weise den Alltag eines Serienmörders. Mit dem Film gewinnt Thomas Sieben beim Internationalen Filmfest in Oldenburg den Preis als “Bester Deutscher Film” und auf dem Lonestar International Film Festival Texas wird er mit dem "Best Foreign Feature Film Award" ausgezeichnet. "Staudamm" ist der zweite Spielfilm von Thomas Sieben. Er beschäftigt sich mit der Thematik des Amoklaufs. Der Film wurde bereits mit dem Preis für den besten Jugendfilm auf dem Filmfestival in Cottbus ausgezeichnet. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur und Drehbuchautor arbeitet Thomas Sieben auch als Game Designer und Computerspiel-Journalist.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016