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Thomas de Maizière: Der Pflichterfüller

Länder: Deutschland

Tags: Thomas de Mazière, Porträt, BND, NSA, Innenminister

Er gilt als ein enger Vertrauter und Wegbegleiter der Kanzlerin, als möglicher Kronprinz. Doch nicht zum ersten Mal ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière ins Fettnäpfchen getreten. Am 14. April schickte sein Ministerium auf eine Anfrage der Partei "Die Linke" die Antwort, der Bundesregierung lägen "weiterhin keine Erkenntnisse zu angeblicher Wirtschaftsspionage durch die NSA" vor. Das ist so nicht haltbar. Der BND wusste bereits seit 2006 von Versuchen der US-Behörde, deutsche Wirtschaftsunternehmen auszuspähen. Kanzleramtsminister und damit oberster Aufseher über die deutschen Geheimdienste war damals Thomas de Maizière. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der 61-Jährige an brisante Vorgänge nicht erinnern mag und von seiner Verantwortung abzulenken versucht.

Eigentlich müsste man dankbar sein für einen wie Thomas de Maizière: in Zeiten, in denen Politiker oft wie Rockstars rüber kommen wollen, sich entweder anbiedern oder den schnellen Erfolg über die Publicity und den Erfolg in den Medien suchen, mutet der in Bonn geborene Spross einer Hugenottenfamilie wie das exakte Gegenteil an. Sein Lebensweg ist geradlinig, fast klassisch: Abitur 1972, Wehrdienst, Leutnant der Reserve, Jura-Studium mit erstem und zweitem Staatsexamen bis 1982. Danach gleich ab nach Berlin. De Maizière diente dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker und dessen Nachfolger Eberhard Diepgen, bevor er erst in der regionalen und dann in der bundesdeutschen Politik Karriere machte.

 

Ein kleiner Abriss von Thomas de Mazières Lebenslauf:

 

Thomas de Maizière Biografie

 

Pflichterfüllung, Seriosität und Disziplin: Das ist Thomas de Maizière

Dienen, das ist wohl ein Wort, das de Maizière gut beschreibt. Dazu muss man wissen, dass bereits sein Vater Berufsoffizier war: Generalinspekteur der Bundeswehr – und Offizier in Hitlers Hauptquartier. Pflichterfüllung, Seriosität, Disziplin – das sind die Eigenschaften , die schon den Vater prägten, und die auch Thomas de Maizière für sich stets in Anspruch genommen hat.

 

Das Aktenfresser-Image der Büroklammer

Er tritt preußisch-protestantisch auf, dabei kann er auch ganz anders. Leute, die ihn persönlich kennen, loben seinen Intellekt, seine Bildung und sogar seinen Humor. In der Öffentlichkeit jedoch ist davon nichts zu sehen: Thomas de Maizière gibt sich als Politiker stets nüchtern und trocken, er wirkt mehr wie ein oberster Beamter. Das Aktenfresser-Image scheint ihn nicht zu stören. Im Verteidigungsministerium hatte er den Spitznamen "die Büroklammer".

So einen kann man gut gebrauchen, als Spitzen-Verwalter, als Staatskanzlei-Chef: das war de Maizière in gleich zwei Bundesländern: Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Da hielt er dem Spitzen-Politiker, dem Landesfürsten dann stets den Rücken frei. Und so einer ist auch prädestiniert als Minister für die Ressorts, wo es um die Sicherheit und die Rechtsstaatlichkeit geht: Inneres, Justiz. In all diesen Funktionen hat Thomas de Maizière für die Bundesrepublik gearbeitet, in Sachsen zunächst, dann im Bundeskanzleramt. Man könnte sagen: er hat sich hochgedient.

 

Thomas und Angela: Eine Beziehung fürs Leben

Minister ist er nun schon seit 2005: zunächst typischerweise ebenfalls als oberster Büro-Leiter der Republik – im Bundeskanzleramt unter Angela Merkel. Die Beziehung der beiden ist eine vertrauensvolle und sie hat eine sehr lange Vergangenheit. Schon 1990 hatte Thomas seinem Cousin Lothar de Maizière, dem letzten DDR-Ministerpräsidenten, nach der Volkskammerwahl empfohlen, eine gewisse Angela Merkel in sein Team als Pressemitarbeiterin aufzunehmen. Auch Thomas arbeitete dort als Berater mit. So etwas verbindet.

Doch die jüngsten Entwicklungen könnten nun erstmals dazu führen, dass die Spitzenpolitikerin und der Spitzenbeamte im Ministerrrang sich voneinander entfernen. Denn die stets zur Schau getragene Loyalität und Integrität des Thomas de Maizière funktionieren in erster Linie nach innen, zugunsten des Apparats. "Lasst uns mal regieren, wir wissen schon, wie das geht", so scheint sein Credo. Schweigen sei eine gewinnbringende politische Strategie, hat er in einem Interview gesagt. Und: In Berlin werde generell zu viel mit Journalisten geredet.

 

Wenn Sie mit der Maus die Fotos anklicken, erfahren Sie mehr über die wichtigsten Stationen und Affären von Thomas de Maizière:

 

Eine Affäre jagt die nächste

Transparenz nach außen scheint weniger seine Sache zu sein: so war es in der Zeit als Verteidigungsminister, aus der ihm heute noch die Eurohawk-Dronen-Affäre oder die um das nur mangelhaft funktionierende Sturmgewehr der Bundeswehr, das G 36 nachhängen. Damals wie heute, in der BND-NSA-Affäre, kann sich der Minister dann in den Ausschüssen plötzlich nicht mehr genau erinnern – oder schiebt die Verantwortung an Vorgänger oder Nachfolger weiter.

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Auch in der jetzt virulent gewordenen BND-NSA-Affäre taktiert de Maizière. Auf die Frage, ob er rückblickend als Kanzleramtschef in Sachen Geheimdienste etwas anders machen würde, antwortete der CDU-Politiker, er habe die Unterlagen aus dieser Zeit noch nicht komplett gesichtet. Auch habe er keinen vollständigen Überblick über das, was im Auslandsgeheimdienst BND geschehen sei: "Ich kann die Frage zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten."

 

Auf Angela Merkel muss man hören

Sollte sich der Vorwurf erhärten, dass de Maizière den Deutschen Bundestag tatsächlich wissentlich belogen hat, könnte es eng für den Merkel-Vertrauten werden. Doch auch da hat de Maizière eine klare Linie: wenn einen die Bundeskanzlerin um etwas bitte, dann habe man zu gehorchen, hat er mal gesagt, als ein anderer Minister nicht zurücktreten wollte. Er selbst würde das natürlich sofort tun. Eine Frage der Pflichterfüllung.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016