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Terrorismus: Wie wahrscheinlich sind Attacken mit chemischen Waffen?

Länder: Monde

Tags: armes chimiques, Manuel Valls

Der französische Premierminister Manuel Valls warnte vor der Nationalversammlung vor den Risiken chemischer und bakterieller Terrorangriffe. "Wir sollten nichts ausschliessen", fügte er hinzu. "Die makabre Vorstellungskraft der Befehlshaber kennt keine Grenzen." Aus diesem Grund hat die Regierung am 14. November der Armee die Bewilligung erteilt, den Spitälern in Frankreich entsprechende Gegengifte auszuhändigen. Wie realistisch ist es, dass Terrorangriffe mit chemischen Waffen die nationale Sicherheit gefährden? Andrew Weber, von 2009 bis 2014 Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium und zuständig für nukleare, chemische und biologische Verteidigungsprogramme, versucht auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Andrew Weber : les dangers des armes chimiques

Was ist eine chemische Waffe?

Vier Tonnen Sarin reichen aus, um die Hälfte aller Lebewesen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer zu töten. Für dieselbe tödliche Wirkung wären 20 Tonnen Senfgas nötig. Der Einsatz von vier Tonnen VX-Nervengas könnte in einem dicht besiedelten Stadtgebiet zu hunderttausenden Todesfällen führen. Was verbirgt sich hinter den Namen dieser Gase? Und welche Auswirkungen haben sie, welche Symptome verursachen sie? Lesen Sie dazu unseren Artikel.

Das Mandat der Organisation für das Verbot chemischer Waffen weist einige Mängel auf, auf die Spezialisten regelmäßig hinweisen. Besonders besorgt sie die Tatsache, dass nur die Aktivitäten von offiziellen Staaten überwacht werden und nicht die von nichtstaatlichen Organisationen wie Sekten oder terroristischen Gruppen. Der Krieg, der momentan in der Ukraine tobt, sowie das brutale Auftreten der Terrormiliz  „Islamischer Staat“ sind Konflikte, die jenseits von Sicherheitsvorschriften und internationalem Recht geführt werden. Sie haben diese Problematik wieder neu aufgezeigt.

Ende Januar haben die amerikanischen Geheimdienste den Tod von Abu Malik durch einen Luftangriff der internationalen Koalition gegen die Dschihadistenmiliz IS im Irak verkündet.  Abu Malik war ein Experte der Terrororganisation für chemische Waffen. Nach der Arbeit in der Chemiewaffenfabrik Al-Muthanna von Saddam Hussein, schloss er sich nach dessen Sturz 2005 dem Terrornetzwerk al-Qaida an und stieß schließlich zur IS-Miliz.Er wurde anscheinend getötet, bevor er sein technologisches Fachwissen in den Dienst des Terrorismus stellen konnte. Dennoch wird der IS verdächtigt, Chlorin gegen die irakische Armee und die Kurden eingesetzt zu haben. Letztere hatten die Internationale Gemeinschaft bereits im letzten Herbst alarmiert.

Alle Geheimdienste weltweit wissen, dass Terroristen seit Jahren versuchen, sich chemische Waffen anzueignen. Die Risiken sind vielfältig: es könnte ihnen zum Beispiel gelingen, große Mengen an toxischen Stoffen zu entwickeln oder aber auch Gebiete zu besetzen, an denen alte chemische Waffen gelagert werden. Zum Beispiel sind die Restbestände des Chemiewaffenarsenals von Saddam Hussein, die in den Bunkern 13 und 41 in der Chemiewaffenfabrik Al-Muthanna liegen, noch intakt. Ihre Abrüstung ist wegen der unruhigen Sicherheitslage in der Region schwer in Rückstand geraten. Die irakischen Behörden können außerdem keine detaillierte Übersicht darüber geben, was sich überhaupt in diesen Bunkern befindet. Der Grund: wichtige offizielle Dokumente sind in den Archiven der Vereinten Nationen in New York noch bis 2038 oder 2068 unter Verschluss.

Eine chemische Waffe ist genau die Waffe, die eine terroristische Gruppierung wählen würde. Denn sie tötet schnell und ohne Unterschiede zu machen, ihr Einsatz würde eine Massenpanik auslösen und ein breites Medienecho hervorrufen. 1988 beschrieb der damalige iranische Parlamentspräsident Hashemi Rafsanjani chemische und biologische Waffen als die "Atombombe der Armen". 

Natürlich könnte nicht jede kleine Gruppierung einen Angriff von großem Ausmaß koordinieren. Aber Spezialisten sind sich einig, dass schon ein kleines Team von erfahrenen Chemikern mit einigen Tausend bis einigen Millionen Dollar, eine ausreichende Menge an Gas herstellen könnte, denn Giftgas ist einfach zu fabrizieren und zu handhaben.

Der Aum-Sekte, die für die Giftgasattacken in Japan 1994 in Matsumoto (südlich von Nagano) und 1995 in der Tokioter U-Bahn mit 19 Toten und 6.000 Verletzten verantwortlich ist, gelang es zum Beispiel, sich mit nur 30 Millionen Dollar über Scheinfirmen das Material zu besorgen, gut ausgestattete Labore zu bauen und so mehrere hundert Tonnen von insgesamt 40 verschiedenen Chemikalien herzustellen.

Wenn das Potential des Materials voll ausgeschöpft worden wäre, hätte die Sekte laut einer Schätzung sogar 50 Tonnen chemischer Waffen produzieren können und damit 4,2 Millionen Menschen töten können.