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Terrorgruppe von Saint-Denis hatte neuen Anschlag geplant

Länder: Frankreich

Tags: Paris, Attentate, Terror

Ein Anti-Terror-Einsatz in Saint-Denis bei Paris, Bombenangriffe auf Rakka, ein verlängerter Ausnahmezustand, eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats: Fünf Tage nach den Attentaten von Paris manifestiert Frankreichs Präsident Hollande seinen Willen, hart durchzugreifen.

 

Anti-Terror-Einsatz in Saint-Denis

Bei einem Einsatz der Anti-Terror-Einheit in Saint-Denis bei Paris sind am Mittwochmorgen zwei Verdächtige getötet worden, darunter eine Frau, die sich in die Luft sprengte. Fünf Polizisten wurden leicht verletzt. Insgesamt sieben Personen wurden festgenommen. Die Polizei soll in Saint-Denis einen der Hauptverdächtigen des Attentats von Paris, Abdelhamid Abaaoud, vermutet haben. Das Gebiet wurde weiträumig gesichert.

Die französische Polizei hatte aus abgehörten Telefonaten Hinweise erhalten, dass sich der mutmaßliche Drahtzieher der Terrorserie mit 129 Todesopfern, Abdelhamid Abaaoud, in einer Wohnung in Saint-Denis aufhalten könnte.
Ob der meistgesuchte Islamist Belgiens, der für den IS in Syrien gekämpft haben soll, bei der Razzia starb, blieb zunächst unklar. Der Mann mit marokkanischen Wurzeln lebte früher in der Brüsseler Islamistenhochburg Molenbeek.

Alles habe darauf hingedeutet, dass die Verdächtigen in Saint-Denis ein neues Attentat geplant hätten, äußerte Staatsanwalt François Molins gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

 

Die Republik mobilisiert

Noch bis zum Mittwoch wehen in Frankreich die Fahnen auf Halbmast. Vier Tage nach den Attentaten von Paris, die 129 Menschen das Leben kosteten und bei denen 352 verletzt wurden, will Frankreichs Präsident François Hollande hart durchgreifen. In diesem Sinne bat Frankreich am Morgen als erstes EU-Land offiziell um militärischen Beistand der übrigen Mitgliedstaaten. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte, die EU habe dazu "einstimmig ihre Bereitschaft erklärt".

Auch will Hollande den UN-Sicherheitsrat einberufen, um eine "Resolution zu verabschieden, die den Willen ausdrücke, gemeinsamen gegen den Terrorismus vorzugehen". Am 24. November wird der französische Präsident zudem US-Präsident Barack Obama treffen, am 26. Kremlchef Wladimir Putin.   

Unterdessen haben Frankreich und Russland die Stadt Raqqa bombardiet. Es ist die syrische Hochburg der Terrorgruppe Islamischer Staat, die sich zu den Anschlägen von Paris bekannt hatte. Das französische Verteidigungsminister ließ verlauten, die Ziele seien ein Kommando- und ein Ausbildungszentrum des IS gewesen. Russland flug außerdem Angriffe auf Aleppo und Idlib. 

 

Hollande will Ausnahezustand verlängern

Am Montag hatte Hollande die Abgeordneten und Senatoren in Versailles zusammengerufen. Das Ziel: Sie sollen den verhängten Ausnahmezustand um drei Monate verlängern. Er forderte auch eine Verfassungsänderung, da der derzeitige Gesetzestext laut Hollande nicht angepasst an die Situation sei.

Außerdem will Hollande binnen zwei Jahren bei Polizei und Gendarmerie 5.000 neue Stellen schaffen. Die Justiz will er mit 2.500 zusätzlichen Stellen ausstatten, beim Zoll sollen es 1.000 sein. Landesweit sind derzeit nach Regierungsangaben 115.000 Polizisten und Soldaten im Einsatz. 

 

Die Untersuchungen laufen weiter

Am Dienstag wurden in Alsdorf bei Aachen fünf Verdächtige festgenommen. Zudem wurde bekannt, dass der gesuchte 26-jährige Salah Abdeslam, Bruder eines der Selbstmordattentäter, vor rund zwei Monaten in Deutschland und Österreich war. Er befindet sich derzeit auf der Flucht.

Bereits am 5. November hatte das LKA in Bayern einen Verdächtigen festgenommen. In seinem Auto befanden sich mehrere Pistolen, Revolver, Munition, Maschinenpistolen sowie einige Kilogramm TNT-Sprengstoff. Der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer bestätigte, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Mann in Verbindung zu den Terroristen der Pariser Anschläge stand. 

Gleichzeitig gab Innenminister Bernard Cazeneuve am Dienstag bekannt, 128 Hausdurchsuchungen hätten in der Nacht von Montag auf Dienstag in Frankreich stattgefunden. Im Vorfeld hatten die Ermittler am Sonntag mehrere Razzien durchgeführt. Dabei wurden rund 30 Waffen beschlagnahmt und 23 Personen festgenommen. Rund 30 weitere wurden unter Hausarrest gestellt. In der belgischen Gemeinde Molenbeek, die als Islamistenhochburg bekannt ist, führte die Polizei am Montag ebenfalls Hausdurchsuchungen durch.

Bislang konnten die Ermittler sechs der acht Terroristen identifizieren. Sie gehen davon aus, dass der Belgier marokkanischer Abstammung, Abdelhamid Abaaoud, der Kopf der Anschläge sei. Der mutmaßliche Strippenzieher wurde von den europäischen Geheimdiensten bereits mit den vereitelten Anschlägen von Verviers in Belgien in Verbindung gebracht. Er soll sich derzeit in Syrien aufhalten.

Die Terrororganisation Islamischer Staat hatte sich in einem Video zu den Anschlägen in Paris bekannt. Darin heißt es, "acht Brüder" hätten einen "gesegneten Angriff" auf das "Kreuzzug-Frankreich" verübt. 

 

Bald alle Opfer identifiziert

Bei den Anschlägen am Freitagabend kamen 129 Menschen ums Leben, 352 Personen wurden verletzt, wovon sich derzeit noch 99 in einem kritischen Zustand befinden. 117 Opfer konnten bislang identifiziert werden. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes ist unter den Toten auch ein deutscher Staatsbürger. Die meisten Menschen kamen bei einer Schießerei in der Konzerthalle Bataclan ums Leben. Hier starben 89 Menschen. Um den Opfern zu gedenken, fand am Montagmittag in Frankreich und in ganz Europa eine Schweigeminute statt.

 

 

Die Anschläge

Die Anschläge von Paris hatten sich am Freitagabend fast zeitgleich an sechs Orten in Saint-Denis sowie im 10. Und 11. Arrondissement von Paris ereignet. Die Terroristen hatten sich in drei Gruppen aufgeteilt, die sich untereinander abstimmten. Ein Überblick: 

- Um 21.20 Uhr sprengt sich ein Selbstmordattentäter vor dem Stade de France in die Luft, wo gerade 80.000 Zuschauer das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich verfolgen. Neben dem Terroristen wird auch ein Passant getötet.

- Um 21.25 Uhr eröffnen Terroristen in der Rue Bichat, Ecke Alibert im 10. Arrondissement das Feuer auf die Restaurants Le Petit Cambodge und Carillon. 15 Menschen werden getötet, 10 schweben noch immer in Lebensgefahr.

- Um 21.30 Uhr sprengt sich ein weiterer Selbstmordattentäter auf der Höhe des Ausgangs H des Stade de France in die Luft. 

- Um 21.32 Uhr eine weitere Schiesserei in der Rue de la Fontaine au roi, nahe des Boulevard du Temple vor dem Café Bonne Bière. Fünf Personen verlieren das Leben, 8 schweben noch in Lebensgefahr. 

- Um 21.36 Uhr eröffnen die Terroristen das Feuer auf das Restaurant La Belle Equipe, 92 Rue de Charonne. 19 Personen werden getötet, 9 Personen werden schwer verletzt.

- Um 21.40 Uhr wird eine Person vor dem Bistro Comptoir Voltaire, 253 Boulevard Voltaire, lebensgefährlich verletzt.

- Um 21.40 Uhr hält ein schwarzer Polo vor der Konzerthalle Bataclan, 50 Boulevard Voltaire. Drei Terroristen steigen aus, stürmen die Konzerthalle und schiessen wahllos in die Menge. Die Worte Syrien und Irak fallen. Zwanzig nach zwölf stürmt die Polizei den Konzertsaal. 89 Menschen liegen in einer Blutlache auf dem Boden.

- Um 21.53 Uhr ist eine dritte Explosion in der Nähe des Stade de France zu hören. Wie auch bei den anderen Selbstmordattentaten an diesem Freitag den 13. November, hat der Kamikaze einen Sprengstoffgürtel entzündet, der darauf ausgerichtet war, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016