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Syrien: Gefahrenzone für Journalisten

Länder: Syrien

Tags: Journalist, presse, Krieg

Am 6. Juni 2013 wurden zwei Journalisten, der 53-jährige Didier François und der 22-jährige Edouard Elias als vermisst gemeldet. Der eine arbeitete für den französischen Radiosender Europe 1, der andere als freier Fotograf. Wenige Tage später wurden der 37-jährige ARTE-Reporter Nicolas Henin und der 29-jährige Fotograf Pierre Torres in ar-Raqqa entführt. Radio France und das Unterstützerkomitee der Geiseln widmet ihnen einen Diskussionsabend. Zu diesem Anlass, erörtert ARTE Journal die äußerst schwierigen Bedingungen, unter denen Journalisten in Syrien arbeiten. Seit dem Aufstieg von radikalen isalmistischen Gruppen werden immer mehr Berichterstatter, unter anderem viele Freelancer und Bürgerjournalisten, als Geiseln genommen.

Bevorzugte Entführungsopfer

Bünyamin Aygün ist auf dem Weg nach Hause. Der türkische Fotograph, der für die Zeitung Milliyet arbeitet, war am 17. Dezember 2013 von einer radikalen islamistischen Gruppe entführt und am 5. Januar 2014 wieder freigelassen worden. Eine der wenigen guten Nachrichten, wenn es um Journalisten in Syrien geht. Denn Syrien gehört zu den weltweit gefährlichsten Ländern für Journalisten. Und das nicht nur, da Kriegs- und Krisengebiete immer ein heißes Pflaster für Berichterstatter sind. Die Entführungen von Journalisten in Syrien haben im Juli 2012 begonnen. Seitdem nimmt die Zahl der Verschleppten stetig zu. Ob Journalist, Fotograph, Kameramann oder Reporter, ob Syrer oder Ausländer, ob Profi oder Bürgerjournalist: Sie alle sind zu bevorzugten Entführungsopfern radikaler islamistischer Gruppen geworden, die das Regime in Damaskus genauso wie die Informationsfreiheit bekämpfen.

 

 

Terror

Sie agieren in zahlreichen arabischen Ländern. Sie, das sind die Kämpfer der islamistischen Organisation EIIL (Islamischer Staat im Irak und in der Levante). Diese radikal-sunnitische, al-Qaida nahestehende Organisation hat sich in den letzten Monaten zu einer der maßgeblichen Kräfte im Syrienkonflikt entwickelt. Mit einer Truppenstärke von rund 10.000 Mann ist es ihr gelungen, mehrere Städte im Norden des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Besonders in den Regionen Aleppo, Idleb und vor allem in ar-Raqqa. Plünderungen, willkürliche Hinrichtungen und Schleierzwang: die Zivilbevölkerung beschuldigt EIIL, ihre radikale Vision des Islam mit Terror und Gewalt durchzusetzen. Ihnen wird auch vorgeworfen, Hunderte von Geiseln festzuhalten, seien es Zivilisten oder Journalisten, auf die sie es augenscheinlich ganz besonders abgesehen haben. Allmählich weitet EIIL sein Einflussgebiet aus. Von ihrer starken Basis im Norden Syriens aus werden sie auch im Nord-Westen des Iraks immer aktiver. Vor allem in der Provinz al-Anbar. Hier ist es Ihnen nach intensiven Kämpfen mit der irakischen Polizei gelungen, ganze Stadtviertel von Ramadi und Falloudscha unter ihre Kontrolle zu bringen. Städte, die an strategisch wichtigen Straßen in Richtung Syrien liegen. Anfang des Jahres haben sich die Radikalislamisten auch zu einem Sprengstoffanschlag im Libanon bekannt. Die Bombe ging in Haret Hreik hoch, einer im Süden gelegenen Vorstadt von Beirut, die als Hochburg der Hisbollah gilt. Sie schlagen an verschiedenen Fronten zu, mit einem einzigen Ziel: der Schaffung eines transnationalen Islamistenstaates.

 

No-mans-land der Information

Die Radikalisierung der Organisation „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ und die Übergriffe, die ihr vorgeworfen werden, haben zu einer Spaltung der Opposition gegen Baschar al-Assad geführt. Rebellengruppen, die noch vor Kurzem Seite an Seite mit den Sunniten von EIIL gekämpft haben, haben ihnen nun den Krieg erklärt. An erster Stelle stehen hier die Kämpfer der Gruppe Islamische Front sowie die Syrische revolutionäre Front. Nach einer Woche blutiger Kämpfe mit rund hundert Todesopfern, haben die Gegner von EIIL jetzt zur Großoffensive ausgerufen. Sie belagern das Hauptquartier von EIIL in ar-Raqqa, im Norden Syriens. Diese Explosion der Gewalt zwischen einstigen Waffenbrüdern erschwert aufs Neue die Arbeit von ausländischen Journalisten vor Ort. Wie im Irak oder in den Krisengebieten Pakistans wagen sich Journalisten immer seltener in diese Gebiete. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London ist dadurch für die westlichen Medien zu einer kostbaren, manchmal gar zu der einzigen Informationsquelle über den Syrienkrieg geworden. Sie erhält ihre Informationen dank eines weit verzweigten Netzes von Bürgerjournalisten, Medizinern und oppositionellen Truppen, es sollen rund 230 Aktivisten und 5000 Informanten sein. Auch diese Quellen setzen sich der Gefahr aus, von den Schergen des Regimes in Damaskus oder von islamistischen Gruppen aufgespürt und verschleppt oder ermordet zu werden. Und Syrien damit zu einem No-mans-land der Information zu machen. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016